Sonntag, 29.11.2020
 
Seit 20:05 Uhr Freistil
StartseiteKultur heutePopulisten und Autokraten gab es schon im Römischen Reich21.07.2020

Altphilologin zu neuen CäsarenPopulisten und Autokraten gab es schon im Römischen Reich

Trump, Bolsonaro, Putin, Orbán und andere - der Typus der "neuen Cäsaren" wird entweder bewundert oder gehasst. Kein neues Phänomen, sagt die Altphilologin Melanie Möller im Dlf. Schon im Römischen Reich "ergötzte man sich an Machtbolzen". Vergleiche zu heute böten sich mitunter an.

Melanie Möller im Gespräch mit Michael Köhler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Siegessäule Berlin - Lorbeerkranz der Viktoria (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Sind die Cäsaren unter uns? Einige setzen sich zumindest symbolisch gerne den Lorbeerkranz selbst auf (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Mehr zum Thema

Römisches Reich Imperium der Götter

Kyle Harper: "Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches" Zerfall eines Imperiums - durch Klimawandel und Pandemien

Kampfbegriff Dekadenz Von alten Römern und neuen Rechten

Inszenierte Allmacht

Warum interessieren wir uns so für Populisten und Autokraten? Das sei nicht verwunderlich, meint die Altphilologin Melanie Möller, das habe es schon im Römischen Reich gegeben. Und das werde immer wieder auch als ferne Referenz benutzt, um heutige Verhältnisse zu beschreiben, zu kritisieren oder zu deuten. Auch wenn solche Vergleiche letztlich immer ein wenig hinkten - aber schon bei Cäsar oder Augustus sei ein Wille zur Macht für die Öffentlichkeit sichtbar gewesen. Caligula sei zudem mit Extravaganzen aufgefallen, zum Beispiel, weil er seinem Pferd einen Palast baute und einen eigenen Weinservice einrichtete. So etwas sei allerdings heute eher undenkbar.

In einer Glaskugel spiegelt sich die Adriaküste, die im Hintergrund nur unscharf zu sehen ist. (imago images / Shotshop) (imago images / Shotshop)Gesprächsreihe "nah und fern"
Nähe und Distanz sind keine feststehenden Größen. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, empfindet jeder anders. Und jede Disziplin, jede Kunstgattung geht auf ihre Weise damit um.

Vergleiche mit Rom punktuell sinnvoll

Der Blick in die Antike spiele auch eine Rolle bei der Bewertung aktueller politischer Lagen, vor allem in der Diskussion um den Zustand der EU. Punktuell seien Vergleiche sicherlich sinnvoll. Das Römische Reich sei von Vielfalt und von einer gewissen Toleranz geprägt gewesen, es habe starke Migrationsbewegungen gegeben und "eine Bereitschaft, sich anderen Einflüssen auszusetzen". Grundsätzlich aber basierte das alte Rom auf Expansion durch Eroberung, während die EU sich als integrativ versteht.

Die Altphilologin Melanie Möller lehrt an der FU Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Dichtung und Prosa der spätrepublikanischen und augusteischen Literatur, Poetik und Rhetorik, Sprachphilosophie, Hermeneutik und Rezeption der antiken Literatur.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk