Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteKultur heuteAltstars der Gedankenbühne16.05.2012

Altstars der Gedankenbühne

Uraufführung des Peter-Handke-Stücks "Die schönen Tage von Aranjuez" in Wien

Stücke fürs Theater von Peter Handke sind eher die Ausnahme. Eigentlich schreibt der Autor eher Reflexionen - gern vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte. Bei den Wiener Festwochen gab es die Uraufführung eines Zweipersonenstückes von Handke.

Von Hartmut Krug

Peter Handke feierte mit seinem Stück bei den Wiener Festwochen Premiere.  (picture alliance / dpa / Rolf Haid)
Peter Handke feierte mit seinem Stück bei den Wiener Festwochen Premiere. (picture alliance / dpa / Rolf Haid)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Ein Mann und eine Frau, an einem Tisch im Garten. "Zeitlos, ... außerhalb gleich welcher Aktualität und gleich welchen historischen und sozialen Rahmens". So beschreibt Peter Handke die beiden Figuren seines Stückes. Seine Tochter Amina Handke hat ihm dafür eine Theaterbühne auf die Bühne gebaut: Im Hintergrund ein geschlossener Vorhang, davor einige wie Grabgebinde wirkende Blumen, an die Wand gelehnt Kulissenteile mit aufgemalter Landschaft, dazu Gartenstühle und ein Klapptisch. Dörte Lyssewski sitzt im historischen schwarzen Kostüm mit Halskrause rauchend auf der leeren Szene, wenn Jens Harzer aus einer Bodenklappe emporsteigt. Der Schauspieler scheint mitten beim Umkleiden: Zur schwarzen Unterhose trägt er schwarze, bis über die Knie reichende Strümpfe und eine Halskrause. Das ist wohl die einzige Anspielung auf das einstige Sommerglück und Don Carlos, die in Luc Bondys Inszenierung bleibt.

Bondy zeigt Handkes existenzielle Befindlichkeitsstudie von Beginn an als Theaterspiel. Der stille Kunsternst des Autors wird aufgelockert, auch durch Theaterspielereien von Jens Harzer, der seine Bärte wechselt, Getränke verspritzt und mit klebenden Papieren hantiert. Sogar sein sonst oft nervender manieristischer Sprechstil "passt" diesmal, lockert er doch das tief gründende Befragungsspiel der beiden Protagonisten auf. Handkes allzu ziselierte, zuweilen wie geschraubte Sinnsprüche klingende Sätze werden so ganz beiläufig unterminiert. Denn was "Nichts als ein Sommerdialog" sein soll, entwickelt sich im Mann-Frau-Befragungsspiel zur grundsätzlichen und pessimistischen Beschreibung einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Jedenfalls bei Handke, der keine Figuren, sondern Transporter von Ideen geschaffen hat. Während Regisseur Luc Bondy, das 71-Seitige Manuskript beherzt kürzend, mehr auf ein Beziehungsgespräch zwischen Mann und Frau setzt. Das gibt Handkes Text eine spielerische Leichtigkeit und den beiden souveränen Schauspielern die Möglichkeit, das Publikum mit unangestrengtem Spiel über längere Zeit der eindreiviertelstündigen Aufführung ordentlich zu unterhalten. Denn was einem bei der Lektüre zuweilen hart am Kitsch vorbei zu schweben scheint, wird von der Inszenierung spielerisch geerdet.

Handkes Befragungsspiel zwischen Mann und Frau besitzt Regeln und verbietet ein reines Ja oder Nein als Antwort. Und so holt man weit aus, ohne tatsächlich immer konkret zu antworten. Auf die erste Frage des Mannes, "Das erste Mal, mit einem Mann, wie ist das gewesen?", reagiert die Frau mit dem Hinweis auf einen vorbeifliegenden Bussard. Später beschreibt sie ihr erstes Mal als das Glück, das sie als Zehnjährige im Flug, allein auf einer Schaukel, empfunden habe. Das Erlebnis erschuf sie um, ganz ohne Mann.

Es geht um den gelungenen Augenblick, der auch einem Roman von Handke den Titel gab. Wer sind Mann und Frau in der Natur, wann waren sie eins mit sich oder dem anderen, und warum und wie wurde diese Einheit zerstört, das sind die Fragen. Immer wieder unterbrechen, besser unterfüttern Naturbeobachtungen das Gespräch, denn grundsätzlich sind nicht nur Mann und Frau gemeint. Die Liebe war im Raum, nicht in mir, - so beschreibt die Frau einen gelungenen, vergangenen Augenblick. Es geht dem Autor eben um mehr als um die Frage, ob und wie Mann und Frau zusammenpassen. Es geht ihm um eine jeweilige Fremdbestimmtheit, die sich aus der allgemeinen Entwicklung der Zivilisation begründet. Wenn der Mann auf eine sogenannte Gefühlsfrage der Frau mit einer weitschweifigen Beschreibung antwortet, die von der Auswanderung der Johannisbeeren berichtet, meint dies die grundsätzliche Vertreibung aus einer zerstörten Welt ohne "gelungene Augenblicke." Die Natur fungiert hier als grundsätzliches Bezugssystem.

Empfinden, Suchen, Protestieren, Rache üben: An Erlebnisse mit Männern erinnert sich die Frau wie an reine Rachehandlungen. Doch nicht die Männer waren gemeint, sondern es war eine Rache, die irgendwie an der zerstörten Welt geübt wurde, vielleicht sogar gemeinsam mit dem Mann.

Handkes Sommerdialog ist sehr genau aufgebaut, er steigert sich mit existenziell-kulturkritischen Befunden zur traurigen Kritik einer zerstörten Welt, in der gelungene Beziehungen unmöglich werden. Der Befund wird recht weihevoll vorgetragen: Viele Sätze spreizen sich gleich zur Zitatvorlage. Dies dichterische Wichtigkeitsgetue nervt ziemlich. Nicht nur die allgemeine Entwicklung unserer Zivilisation, sondern auch die Frauenbewegung und das Selbstbild der Frauen bekommen mal Handkes spezielle Kritik ab. Rollenspiele statt Identität, so sein Fazit: "Wo ist die Frau, die sich nicht nur deklariert als Frau, sondern lebt, als Herrscherin des Verlangens?"

In Bondys Inszenierung wird all dies Grundsätzliche unterspielt. Hier versucht die Frau am Schluss mehrmals fortzugehen, wird aber stets sanft vom Mann zurückgeholt. Schließlich kommt sie von selbst zurück, und beide sitzen, jeder still in sich gekehrt, beieinander. Kein Happy End. Auch nicht für Handke, denn der keineswegs überschwängliche Applaus galt deutlich und zu Recht den beiden fabulösen Schauspielern und ihrem unaufgeregt-leichtem Spiel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk