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StartseiteSonntagsspaziergangAm "Bickendorfer Büdche"06.03.2011

Am "Bickendorfer Büdche"

Was Kölns Kioske über das rheinische Lebensgefühl verraten

Büdchen ist nicht gleich Büdchen. Denn bestimmte Merkmale muss es schon erfüllen. Eine ist zum Beispiel, nicht nur alkoholische Getränke zu verkaufen und der "Verzällche-Faktor".

Von Susanne Theisen

Nicht nur Kölsch-Verkauf zeichnet ein echtes Kölner Büdche aus. (AP-Archiv)
Nicht nur Kölsch-Verkauf zeichnet ein echtes Kölner Büdche aus. (AP-Archiv)

Die Kölner Band "Bläck Fööss" besingt ein Stück Kölsches Kulturgut: den Kiosk, in Köln Büdchen genannt - wie die Bude. Kein Besucher der Stadt "em Ring" kann sie übersehen, ungefähr 1000 Stück gibt es hier. Sie verkaufen alles, was der Duchreisende braucht: Kaffee, Süßigkeiten, manchmal Deo und vor allen Dingen: Getränke. Kiosks findet man im Schatten des Doms, an der Rheinuferpromenade, an den Kölner Ringen, zwischen zwei Brauhäusern - überall. Zusammen mit Stefanie Biernat von der Agentur "Sehenswert" kann man auf einem Stadtspaziergang mehr über das Büdchen erfahren - und dabei viel über die Kölsche Lebenskultur lernen. Erste Lektion: Büdche ist nicht gleich Büdche. Wie man ein repräsentatives Exemplar erkennt, erklärt Stefanie Biernat:

"Ein richtig gutes Büdchen erkenne ich sicherlich daran, dass es nicht nur Getränke gibt, vor allem nicht nur alkoholische Getränke, und die Süßigkeiten nicht nur in verpackter Form vorliegen, sondern wirklich lose. Und das sind so die wichtigsten Merkmale, was ein Büdchen auszeichnet."

Genauso wenig fehlen dürfen Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten. Mitten auf der orange-rot gefliesten Zwischenebene der U-Bahn-Station Rudolfplatz in der Kölner Innenstadt steht ein Büdchen, das all diese Elemente vereint. Am Rudolfplatz kreuzen sich die Bahnlinien 1, 7, 12 und 15. Hier ist immer viel los, vor allem am Wochenende, wenn auf den Kölner Ringen oben das Nachtleben tobt. Dementsprechend gut ist das Büdchen ausgestattet. Schon von der Rolltreppe aus sieht man die Regale mit Chips, Schokoriegeln und Zeitungen. Die Kühlschränke sind randvoll mit Softdrinks und Bier, beim Näherkommen hört man das Brummen der Kühlung. Die Süßigkeitentheke vor der Kasse ist riesig. In den übereinandergestapelten roten Kistchen mit den zerkratzten Klappdeckeln warten saure Zungen, Weingummis und Colafläschchen darauf, in die weißen Papiertütchen gepackt zu werden. Zum Büdchenerlebnis gehört es auf jeden Fall, sich eine Schnuckertüte zusammenzustellen, findet Stefanie Biernat.

"Jeder von uns kennt das. Früher mit 50 Pfennig in der Hand, in den schwitzigen kleinen Händen, lief man zum Kiosk - wenn man das Glück hatte, in der Nähe eines Kiosk zu wohnen - und kaufte sich was: für zehn Pfennig Lakritze, für fünf Pfennig davon und fünf Pfennig davon. "

Damit ist das kulinarische Angebot am Rudolfplatzbüdchen aber noch lange nicht erschöpft, berichtet Dirk, der diensthabende Verkäufer

"Wir haben 24 Stunden geöffnet. Ziemlich breites Produktsortiment. Von warmen Sachen über Süßigkeiten, Getränke, Zigaretten. Muffins, Donuts. Frikadellen ist unser Schlager. Die schmecken gut mit Zwiebeln dabei und Senf und Ketchup und Brötchen und so."

Hier lässt es sich gut aushalten - bestätigt auch einer der Stammkunden

"Ich gehe hier immer mein Bierchen trinken, wenn ich Baustellenschluss habe. Wir kennen uns schon fünf Jahre. Wir sind immer gut im Kontakt. Bisschen unterhalten und erzählen. Wenn man wieder im Lande ist oder hier in Köln eine Baustelle hat, geht man hier vorbei und quatscht kurz ein bisschen. "

Kommen die Kunden immer wieder gerne auf ein Kölsch oder einen Kaffee vorbei, erfüllt das Büdchen seinen Zweck und wird für Besucher der Stadt zum richtigen Ort, um Kölsche Alltagskultur hautnah mitzuerleben. Im Büdche ist immer wer, mit dem man kurz - oder länger - plaudern kann, dafür muss man den Gesprächspartner nicht einmal kennen. Verkäufer Dirk:

"Hier stehen ja diese vier Tische mit den Stühlen dran und da steht alles gemischt und unterhält sich. Wenn jetzt Leute kommen, die sich hier an den Tisch stellen und da stehen andere Leute - die sind sofort in Kontakt. Das ist kein Thema. Man unterhält sich hier quasi mit Junkies, mit Büroangestellten - das geht rauf bis zum Bankdirektor. Eine ganz breite Palette hier. Und ich sage zu allen du. Da hab ich nix mit am Hut, ey."

Nichts am Hut mit Denken in kleinen Dimensionen hatte Getränkeunternehmer Carl Nebgen, der in den 1950er und 1960er-Jahren ein Kioskimperium in Köln aufbaute. Seine Büdchen waren aus Holz, freistehend und bestanden aus nur einem Raum. Sie sollten die Baulücken füllen, die die Bombardierung im Krieg in die Straßenzüge gerissen hatte. Heute noch Büdchen im Nebgen-Stil zu finden, ist schwierig. Die meisten sind verschwunden - Kiosks findet man heute eher in die Häuserzeile integriert. Eins der letzten klassischen, freistehenden Büdchen in der Innenstadt ist das von Familie Schuhmacher auf dem Yitzhak-Rabin-Platz am viel befahrenen Hohenstaufenring.

"Haben Sie von heute noch den Stadtanzeiger?"
"Schaun Sie mal. Ich weiß nicht, was noch draußen ist."
"Da ist gar nix mehr."
"Oh, das tut mir aber leid. Paar Minütchen eher."
"Da bin ich aber jetzt traurig."
"Sagen Sie das nächste Mal einfach Bescheid oder rufen Sie kurz rüber..."
"Mir hat irgendwer erzählt, mein Cousin wär gestorben und das würde im Stadtanzeiger stehen. Und da wollte ich mir den jetzt kaufen."
"Ehrlich? Auf diese Art und Weise erfahren sie das? Das ist aber traurig."
(Kundin lacht)
"Da lacht sie noch (Verkäuferin lacht)
"Weil ich baff bin."

Es gehört zum Job eines Büdchenbesitzers, sich die Geschichten aus dem Alltag ihrer Kunden anzuhören, sagt Christian Schuhmacher, der mit seiner Mutter den Familienbetrieb führt. Für ihn ist das Zuhören keine lästige Pflicht. Er schätzt diesen Aspekt seines Jobs.

""Das ist das Besondere am Kiosk. Weil wir halt wirklich jedem zuhören, wir versuchen, zu jedem freundlich zu sein, auch wenn's manchmal schwerfällt. Aber es ist halt unser Geschäft, unser Leben in dem Moment und von daher versucht man immer, freundlich zu sein. Wir haben auch immer ein offenes Ohr, vor allem für die alten Leutchen, wenn sie Bedürfnisse haben oder Kisten hochgetragen, mache ich das auch gerne. Ich hab halt eine Kundin, der baue ich ab und zu Schränke auf und wenn sie Hilfe braucht, bin ich halt da. Das gehört so ein bisschen dazu. Man ist eben nicht nur ein Geschäft, man ist so eine Art Allzweckstelle für alles Mögliche."

Büdchen erfüllen eine wichtige nachbarschaftliche Funktion. Dazu gehört, Pakete anzunehmen oder Schlüssel für die Handwerker zu verwahren. Das trifft auch auf neuere Ableger wie das "Kölnkiosk" am Brüsseler Platz zu, dem dritten und letzten Halt des Stadtspaziergangs mit Stefanie Biernat. Das "Kölnkiosk" liegt mitten im trendigen Belgischen Viertel in Laufweite zu zahlreichen Cafés, Bars und Boutiquen. Es ist nicht freistehend, sondern - wie die meisten neueren Büdchen - im Erdgeschoss eines Wohngebäudes untergebracht. Innen sieht es auch ganz anders aus als im klassischen Büdchen aus den 60er-Jahren. Stefanie Biernat beschreibt den Unterschied:

""Wenn wir mal schauen, ist das Angebot ein bisschen differenzierter als das, was wir vorher hatten, unten im Rudolfplatz. Die Getränkeauswahl ist sehr viel größer, sehr viel vielfältiger und auch sehr viel mehr im Umfang. Es gibt natürlich noch die klassische Presseabteilung, also Zeitschriften, aber auch die Süßigkeitentheke ist sehr zusammengeschrumpft. Also gar nicht mehr diese Vielfalt für unsere wunderbare Schnuckertüte."

Überhaupt ist traditionell nicht das Motto des "Kölnkiosks". Interieur und Angebot richten sich bewusst an eine junge, urbane Klientel. Wer in dem Laden auf der Ecke Zeitungen und Zigaretten kauft, erklärt Verkäufer Raffiq.

"Es sind viele junge Menschen: Studenten hauptsächlich. Junggebliebene - (...) das Belgische Viertel-Volk, würde ich mal sagen. (...) (20:31) Es sind sehr kreative Menschen, würde ich sagen."

Und die kommen gerne bis spät in die Nacht. Bei schönem Wetter kaufen sie sich hier ihr Bier und suchen sich dann ein Plätzchen auf dem gegenüberliegenden Brüsseler Platz, einem beliebten Treffpunkt für junge Kölner aus allen Veedeln. Am Design und am Angebot eines Büdchens, kann man sofort erkennen, wer in der umliegenden Gegend wohnt. Stefanie Biernat:

"Je mehr man in diesen so genannten Feierzonen ist oder wo viel Paare, Singles wohnen, die gerne am Abend mal kurz runtergehen, um sich ein Kölsch fürs Abendessen zu holen, da sehen wir, dass das Warenangebot anders wird. Es konzentriert sich mehr auf die Kaltgetränke in sämtlicher Form. Manche Büdchen haben sogar, das sehen wir hier auch, ein hervorragendes Weinangebot. Früher gab es nur rot, weiß oder lieblich und jetzt gibt es eine sehr sehr gute Auswahl. Je hochwertiger das Angebot, zeigt, dass in dieser Nachbarschaft viele Menschen wohnen, die ein entsprechendes Einkommen haben."
Im Belgischen Viertel legen die Kunden Wert auf guten Kaffee, wie die edle Espressomaschine hinter der Theke des "Kölnkiosk" vermuten lässt. Aber egal, ob's nur Kaffee aus der Kanne gibt oder professionellen Latte Macchiato-to-go - um als echtes Kölsches Büdchen durchgehen zu können, muss der so genannte Verzällche-Faktor stimmen, betont Stefanie Biernat. Ihrer Meinung nach spiegelt sich die Kölsche Lebensart am Kiosk vor allem in einer Sache:

"Gesprächigkeit. Dieses Offene für ein Gespräch. Egal, ob man Zigaretten oder ein Bierchen kauft, es gehen immer zwei, drei Sätze mit über die Ladentheke und man denkt sich: Mensch, das war nett. Wenn das Wetter schön ist, unterhält man sich darüber. Es gibt unwahrscheinlich viel Leben wieder und eben auch darüber zu erzählen, wen man getroffen hat, wer nicht mehr da wohnt - ja, es ist auch für Klatsch und Tratsch natürlich auch da und das macht der Kölner gerne."

Die Büdchenkultur lässt sich Stefanie Biernats Ansicht nach am besten erleben, wenn man sich ausreichend Zeit lässt. Ihr Tipp

"...das Ganze auf sich wirken lassen. So richtig als Außenstehender, es zu genießen, das ganze Treiben. Dieses Rein, Raus, die unterschiedlichen Menschen, die kommen, angefangen bei den Kindern, die ihr Taschengeld versetzen bis hin zu der alten Dame, die was erzählt, dass ihr Hund leider nicht mitkonnte, weil ihrem Hund geht es nicht so gut. Einfach die ganze Atmosphäre aufnehmen und dabei einen Kaffee zu genießen oder ein lecker Kölsch. Bietet sich natürlich auch an."

Und noch einen Tipp gibt Stefanie Biernat, damit man am Büdchen auf jeden Fall richtig verstanden wird:

"Wenn man meint, der Kaffee war super und das Käsebrötchen auch, dann kann man sagen: "Tu mir nochmal eins!"

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