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StartseiteForschung aktuell"Kein Soja von frisch gerodeten Flächen kaufen"26.08.2019

Amazonas-Brände"Kein Soja von frisch gerodeten Flächen kaufen"

Die Industrienationen seien für den Schutz des Regenwaldes in Amazonien mit verantwortlich, sagte der Ökologe Florian Wittmann im Dlf. Denn die meisten Konsumgüter würden "von uns gekauft". Der richtige Weg wäre es, Optionen an die Produkte zu knüpfen - und bereits bewirtschaftete Flächen zu zertifizieren.

Florian Wittmann im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Sojapflanzen in einer Reihe auf roter Erde gepflanzt auf einer Plantage in Campo Mourão, Paraná, Brasilien (imago / Fotoarena)
Finanzielle Anreize für die Bauern zu schaffen, damit diese die Regenwälder nicht abbrennen forderte der Ökologe Wittmann im Dlf (imago / Fotoarena)
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Uli Blumenthal: Die Wälder im Amazonasgebiet brennen jedes Jahr in der Trockenzeit, doch diesmal ist es besonders heftig. Demnach gab es in Brasilien seit Jahresbeginn fast 80.000 Feuer, davon mehr als die Hälfte im Amazonas-Gebiet. Die führenden Industriestaaten nahmen die Amazonas-Brände bei ihrem G7-Gipfel in Biarritz kurzfristig mit auf die Tagesordnung und sagten Brasilien und den übrigen betroffenen Ländern ihre Unterstützung bei der Brandbekämpfung zu. Ich bin jetzt telefonisch verbunden mit Professor Doktor Florian Wittmann vom Institut für Geografie und Geoökologie Karlsruhe, Institut für Technologie, abgekürzt KIT. Herr Professor Wittmann, es sind so unendlich viele Brandherde, und das macht es natürlich schwer, sehr schwer, auch dagegen effektiv vorzugehen, aber was kann tatsächlich dagegen unternommen werden?

Florian Wittmann: Grundsätzlich müssten finanzielle Anreize geschaffen werden für die dort lebende Bevölkerung, für die Bauern, für die Landwirte, um die Regenwälder zu erhalten und nicht abzubrennen, um mehr landwirtschaftliche Nutzfläche zu schaffen, verbunden natürlich mit einer staatlichen Möglichkeit der Kontrolle und auch der Bestrafung, falls noch weiter gerodet wird.

Bolsonaro glaube nicht an den Klimawandel

Blumenthal: Diese Gebiete werden ja abgebrannt, um da Soja anzubauen oder diese Flächen dann auch für Weiden zu nutzen. Also das ist ja eigentlich schon das Ziel dieser Bauern. Wie müssten dann Anreize aussehen?

Wittmann: Na ja, es müsste im Prinzip eine Subventionierung sein von Wäldern, die stehen bleiben, im Gegenzug Bestrafungen eines vermehrten Raubbaus. Es gab schon mal so was unter der Regierung Lula, vor einigen Jahren gab es schon so eine Art staatliche Subventionierung, aber vor allem für Kleinbauern, die dafür bezahlt worden sind, dass sie keine Regenwälder abholzen, wenn sie denn welche auf ihren Ländern stehen haben. In diese Richtung müsste das gehen, aber ganz wichtig, langfristig hilft natürlich auch nur ein stärkeres Umweltbewusstsein, und das kann man nur mit einer Verstärkung der Bildung in Südamerika erreichen.

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Blumenthal: Sie haben angesprochen die Agrarpolitik, man muss aber auch konstatieren, dass offenbar viele Farmer glauben, dass Brandstiftung unter Präsident Bolsanaro eine Art Kavaliersdelikt ist. Also ist die aggressive Agrarpolitik der Regierung in Brasilien schuld an diesem Waldbrand, verstärkt schuld an diesen Bränden?

Wittmann: Ich würde mal sagen, nicht unbedingt schuld, aber sie intensiviert sie natürlich sehr stark durch diese eindeutige Förderung des Agrobusiness in Brasilien, die ja auch die stärkste ökonomische Kraft in Brasilien darstellen mitunter, und über die Reden des Präsidenten, dass er auf Umwelt keinen Wert legt beziehungsweise ja auch nicht an den globalen Klimawandel glaubt, wie er es öffentlich dargestellt hat in seinen Kampagnenreden. Insofern intensiviert das natürlich die Brandrodung, ganz klar.

"Brasilien ist mit der größte Sojaproduzent der Welt"

Blumenthal: Reicht Druck aus oder ist Druck wirklich zielführend, um die Agrarpolitik beispielsweise in Brasilien zu verändern? Dann könnte man sagen, so eine Ad-hoc-Lösung würde auch bedeuten ein Verbot von Sojaimporten in die EU beispielsweise.

Wittmann: Nicht zwingend. Ich meine, Brasilien ist ein sehr großes Land, das ist mit der größte Sojaproduzent der Welt. Sie haben immense Flächen, viele Millionen Hektar schon Soja angebaut, das können wir ja nach wie vor kaufen, aber wir müssen uns versichern, dass wir kein Soja von frisch gerodeten Flächen kaufen, sondern diese Flächen, die jetzt schon bewirtschaftet werden, zertifizieren, dass wir davon die Güter beziehen, die wir brauchen.

Blumenthal: Wie kann Europa oder wie können die Industriestaaten noch helfen, dass Brasilien diesen Weg, diese Feuerrodung nicht weiter beschreitet? Also wie kann man Unterstützung geben bei einer nachhaltigen Landnutzungspolitik?

Wittmann: Das machen wir ja zum Teil auch schon, müssen wir natürlich noch intensivieren über Entwicklungshilfeprojekte, über wissenschaftliche Kooperationen, die auch schon seit vielen Jahren bestehen, aber die müssen intensiviert werden, und da muss mehr Geld fließen in Universitäten, in die Bildung, in gemeinschaftliche Kooperationsprojekte, aber auch in die nichtstaatlichen Organisationen, wie Umweltschutzfonds oder -organisationen, die ja in Brasilien alle vertreten sind, die für den Umweltschutz in irgendeiner Form eintreten.

"Brasilien dann mit Sanktionen belegen"

Blumenthal: Aber die werden ja jetzt eigentlich vom Präsidenten Bolsanaro regelrecht an den Pranger gestellt. Was ist da kurzfristig möglich?

Wittmann: Kurzfristig möglich wäre einfach nur, Brasilien dann mit Sanktionen zu belegen. Wissen Sie, einerseits ist es ja so, wir sind jetzt alle sehr besorgt über die Abholzung des Regenwaldes, auf der anderen Seite hat ja die Europäische Union gerade ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Staaten initiiert auf dem letzten G20-Treffen, und da geht es natürlich ums Geschäft, es geht ums Geld, und da hat man dann auch die Optionen, um zu sagen, schaut her, ihr müsst euren Regenwald erhalten oder sogar wieder aufforsten, sonst kaufen wir eure Produkte nicht mehr. So einfach ist das.

Blumenthal: Aber nun sagt die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock, dieses Abkommen, das Sie angesprochen haben, mit dem südamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur, das heizt die Vernichtungsspirale im Amazonas nur an, sagt sie. Also ist es wirklich dann der richtige Weg?

Wittmann: Ich finde schon, dass es der richtige Weg ist, wenn wir gewisse Optionen an die Produkte knüpfen, die wir von dort erwerben, zum Beispiel Soja.

Blumenthal: Und bei Fleisch, wie sieht es da aus?

Wittmann: Bei Fleisch ist es genauso wie ich bei Soja schon erwähnt habe. Die bestehenden Fleischreserven oder die bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen, die soll man ja auch nutzen. Brasilien ist ja schon mit der größte Fleischexporteur der Erde, und wir können dieses Fleisch auch kaufen, aber wir müssen zertifizieren oder müssen Mechanismen einrichten, die zertifizieren, dass diese Fleischproduktion oder auch die Sojaproduktion oder anderer Agrarprodukte nicht zulasten von neuen Brandrodungen geht.

"Industrienationen haben eine ganz ordentliche Verantwortung"

Blumenthal: Wie groß ist die Verantwortung der Weltgemeinschaft oder der entwickelten Industriestaaten für ernsthafte Schutz- und Konservierungsmaßnahmen des Regenwaldes, des Amazonas, oder ist es wirklich vorrangig eine Aufgabe von Brasilien und Bolivien beispielsweise?

Wittmann: Nein, finde ich nicht. Also ich finde schon, dass die Industrienationen da eine ganz ordentliche Verantwortung haben, denn die meisten Konsumgüter, die werden ja von uns gekauft und hier verwendet. Insofern ist die Verantwortung da sehr groß natürlich. Ich hoffe, dass dieser ökologische Aspekt, der uns natürlich alle was angeht, dass das jetzt langsam umschlägt in wirtschaftliche Forderungen oder in Verknüpfungen mit wirtschaftlichen Konsumgütern aus diesen Ländern, sodass wir es schaffen, da wirklich nachhaltig was zu bewegen.

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