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StartseiteEine WeltAmerika wird grün12.05.2007

Amerika wird grün

Ökothemen sind in den USA auf dem Vormarsch

40 Prozent der Amerikaner geben mittlerweile an, dass sie angesichts der globalen Erwärmung "sehr besorgt" seien - vor zwei Jahren waren es laut New York Times erst 25 Prozent. Mittlerweile kursiert in den USA das Schlagwort vom Öko-Zeitgeist, der über das Land hereinbreche. Vor allem der Mittelstand ist inzwischen offen für Umweltthemen. Ein Grund dafür ist, dass die Vorreiter nicht mehr allein aus dem intellektuellen Fahrrad-und-Müsli-Milieu kommen, sondern dass sich mittlerweile auch Amerikas Politiker und Prominente zu Wort melden und anfangen zu handeln. Al Gore und Arnold Schwarzenegger haben den Anfang gemacht, viele Städte und Bundesstaaten in den USA ziehen inzwischen nach: Ausgerechnet Los Angeles, berüchtigt für seine andauernde Smog-Wolke über der Stadt - will zur "grünsten Stadt Amerikas" werden. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg entwickelt einen ähnlichen Ehrgeiz, er will seine neuesten Pläne zum Umweltschutz am kommenden Montag vorstellen, dann kommen die Bürgermeister der weltweit größten Metropolen zur Klimakonferenz in New York zusammen. Für uns berichtet Maya Dähne über den auch in einsetzenden Washington Bewusstseinwandel.

Von Maya Dähne

Prominente wie Al Gore, ehemaliger US-Vize-Präsident, machen den Umweltschutz in den USA populär. (AP)
Prominente wie Al Gore, ehemaliger US-Vize-Präsident, machen den Umweltschutz in den USA populär. (AP)
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Der Wind pfeift über die steinige Hochebene Arizonas, nur wenige knorrige, alte Bäume wachsen hier am Rande der Wüste. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel auf den kleinen Ort Old Oraibi. Es ist das älteste besiedelte Dorf in ganz Amerika, bewohnt von Hopi Indianern. Die einfachen Hütten aus Stein wirken klein und ärmlich. Aber auf den Dächern blinken überraschenderweise hochmoderne Sonnenkollektoren.

" Die Hopis sehen die Sonne als ihren Vater und die Erde als ihre Mutter. Der Vater verschwindet jeden Abend, um in der Nacht überlebenswichtige Energie für die Mutter Erde und ihre Kinder, also für uns zu sammeln. "

Doran Dalton, ein gedrungener, kleiner Mann steht vor einem der Häuser und schraubt an einem zwei mal zwei Meter großen Solarsegel.

" Dass wir heute die Sonne zur Energiegewinnung nutzen, ist für uns ganz natürlich. Wir bedienen uns moderner Technologien, um die lebensspendende Energie der Sonne zu gewinnen. "

Dalton ist ein Vorreiter in Sachen Umweltschutz in Amerika. Lange bevor Ex-Vizepräsident Al Gore über den drohenden Klimawandel und die Notwendigkeit alternativer Energie sprach, ergriff der Hopi Indianer die Initiative. Weil Strom teuer war und die Hopis sich in ihrem abgelegenen Reservat von den großen Energiekonzernen schlicht über den Tisch gezogen fühlten, gründete Doran Dalton 1985 Native Sun. Das erste Solarunternehmen von Indianern für Indianer.

" Diese sechs Sonnenkollektoren waren die ersten und es waren die leistungsfähigsten, die wir damals produzieren konnten. "

Eine dieser Anlagen kostet im Schnitt 8000 Dollar, umgerechnet etwa 6000 Euro. Das ist viel Geld für die Menschen hier. Die meisten Hopifamilien verdienen gerade mal 12.000 Dollar, nicht einmal 9000 Euro im Jahr. Aber sie setzen trotzdem auf die Solartechnik, erklärt Dalton.

" Durch Native Sun bekamen unsere Leute wieder mehr Kontrolle über ihr Leben. "

Arizona gilt als Amerikas Mekka für Sonnenenergie. Der Staat im Südwesten der USA hat die meisten Sonnentage im Jahr. Durchschnittlich 6.1 Stunden pro Tag. Gerade erst hat die Regierung in der Hauptstadt Phoenix beschlossen, bis 2025 mindestens 15 Prozent der gesamten Energie im Bundesstaat aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Bei den Hopis sind solche grünen Zukunftsvisionen längst Wirklichkeit.

" Die Welt kann von den Hopi und allen Indianern lernen, in Harmonie mit ihrer Umwelt und der Natur zu leben. "

Ein paar hundert Kilometer weiter südwestlich, außerhalb von Flagstaff, an der an der berühmten Route 66, baut Carl Ramsey an der grünen Zukunft Amerikas. Inmitten eines Kiefernwaeldchnes. Der Blick geht über Wiesen und Wälder. Am Horizont die Ausläufer der Humphrey Berge.

" Das hier ist der Wassertank. Er fasst über 50.000 Liter. Wir werden das Regenwasser vom Dach dort reinleiten und es als Trinkwasser nutzen. "

Hier soll das Musterhaus für umweltfreundliches Bauen und Wohnen im grünen Amerika entstehen. Carl Ramsey ist Architekt und Überzeugungstäter in Sachen Umweltschutz. Er ist Mitglied im amerikanischen Rat für ökologisches Bauen, einem staatlich organisierten Beraterstab der Regierung in Washington.

Im Rohbau, dem späteren Wohnzimmer des Ökohauses, breitet Ramsey die Baupläne auf einem wackeligen Tisch aus. Sein Haus hat alles, wovon Umweltschützer träumen. Erdwärme, Solartechnik, Brauch- und Regenwasseraufbereitung, Wärmespeicherwände und einen Belüftungsturm. Aber für Ramsey ist grünes Bauen nicht nur was für Ökoromantiker, es hat auch handfeste finanzielle Vorteile.

" Es gibt jede Menge steuerliche Anreize von der Regierung und darüber hinaus Rabatte von Energieversorgern. "

Auch deshalb pilgern Touristen und interessierte Bauherren zu Carl Ramseys Baustelle. Die Menschen in Amerika werden umweltbewusster, es ist ein Trend, es tut sich was, wenn auch nur langsam, sagt Ramsey.

Ausgerechnet der große Bedenkenträger in Sachen Umweltschutz, Präsident Bush, hat seine Ranch in Texas nach den strengen Umweltstandards von Carl Ramsey gebaut: Der Präsident nutzt Erdwärme, recycelt Regenwasser und verbraucht weder Öl noch Gas. Darüber hinaus hat er auf dem Dach des Weißen Hauses Sonnenkollektoren installieren lassen, die unter anderem das Wasser des präsidialen Swimmingpools aufheizen. Steve Israel, der in Washington als Abgeordneter der Demokraten sitzt, beeindruckt das allerdings nur wenig. Solche Privatinitiativen seien zwar lobenswert, aber längst nicht genug.

" Die Regierung Bush hat sechs Jahre lang versucht den Klimawandel und die Erderwärmung zu verleugnen. "

Israel lehnt sich in seinem Ledersessel zurück. In seinem Büro auf dem Capitol Hill, einen Kilometer Luftlinie vom Weißen Haus entfernt, stapeln sich Sachbücher zum Thema Klimawandel, Studien zur Erderwärmung, Wind und Solarenergie. Allerdings wirkt der Mann im dezent-dunklen Anzug, der sich im Hybridauto zu Wahlkampfterminen fahren lässt, ganz und gar nicht wie ein linker Umweltaktivist. Die beiden Schlagworte, die sein Politikkonzept am besten auf den Punkt bringen: Umweltschutz und Nationale Sicherheit.

" Alternative Energietechnologien sind eine Frage der Nationalen Sicherheit. Das absurde ist doch, dass wir von unseren Gegnern im Persischen Golf abhängig sind. Von denen kaufen wir das Öl, das unser Militär braucht, um uns vor eben diesen Gegnern zu beschützen. "

Israels These: Amerika muss vom importierten Öl unabhängig werden. Und das können die USA nur, indem sie auf erneuerbare, alternative Energiequellen setzen. Solche Argumente haben Schlagkraft, nicht nur bei den Demokraten, sondern auch bei den Hardlinern unter den Republikanern.

" Ein F 16 Kampfjet der beispielsweise gegen den Iran eingesetzt werden müsste, sollte es einen Krieg um Irans nukleare Bestrebungen geben, verbraucht fast 100 Liter Kraftstoff pro Minute. Je mehr wir auf Ölimporte angewiesen sind, umso verwundbarer ist unser Militär. "

Auf Dauer kann verantwortungsbewusste Energiepolitik Israels Meinung nach sogar der Schlüssel zu mehr Frieden und Stabilität weltweit sein. Motto: Mehr Klimaschutz heißt weniger Krieg und Terror.

" Überall wo Menschen um Ressourcen wie beispielsweise Öl kämpfen, besteht die Gefahr bewaffneter Konflikte. Eines der Dinge, die wir tun können um diese Gefahr zu verringern ist die Erderwärmung dauerhaft zu reduzieren. Dadurch kann sich unsere Umwelt weltweit regenerieren, der Wohlstand wird gefördert und es gibt letztlich weniger Gründe für Menschen Terrororganisationen zu bilden oder Kriege zu führen. "

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