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StartseiteForschung aktuellDas Erbe der Paläo-Eskimos 06.06.2019

Amerikanische UreinwohnerDas Erbe der Paläo-Eskimos

Paläo-Eskimos kamen vor 5.000 Jahren nach Nordamerika und haben viel zur nordamerikanischen Bevölkerung beigetragen. Das haben Wissenschaftler anhand von DNA-Analysen aus Skelettresten herausgefunden. "Sie waren am Ursprung diverser weiterer Gründungspopulationen", sagte Forscher Stephan Schiffels im Dlf.

Stephan Schiffels im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Ein Eskimo ist auf der Jagd nach Seehunden, aufgenommen 1995 im kandadischen Territorium Nunavut. Undatiert.  (picture alliance / Silvia Pecota)
Die Paläo-Eskimos kamen vor 5.000 Jahren nach Amerika. Ihr Ergbut findet sich bei den Inuit, Yupik, Aleuten und amerikanischen Ureinwohnern, die zur der Na-Dené-Sprachfamilie gehören (picture alliance / Silvia Pecota)
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Lennart Pyritz: Inuit, Yupik und Aleuten – Namen von Bevölkerungsgruppen, die heute in der amerikanischen Arktis leben. Wer deren Vorfahren sind, wird seit Langem diskutiert. Jetzt hat ein Forschungsteam mit Hilfe alter Skelettreste und modernster Technik die Besiedlung der Arktis erneut rekonstruiert und dabei nicht nur etwas über die Ahnen von Inuit und Co. herausgefunden, sondern auch über die genetische Herkunft anderer amerikanischer Ureinwohner, die wie die Navajo eine sogenannte athabaskische oder Na-Dené-Sprache sprechen und im Südwesten der heutigen USA leben. Ich habe vor der Sendung mit dem Studienautor Stephan Schiffels gesprochen, Genetiker am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Meine erste Frage: Wie hat man sich vor der aktuellen Studie die Besiedlung Amerikas vorgestellt?

Stephan Schiffels: Also man weiß schon seit Längerem, dass die Besiedlung Amerikas, also der amerikanischen Kontinente, in drei Wellen sich vollzog. Die erste Welle kam vor etwa 15.000 Jahren mit den ersten Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner, und dann vor 5.000 Jahren gab es eine zweite Einwanderungswelle, das sind die Bevölkerungsgruppen, die man dann in der Archäologie gruppiert hat unter den Begriff Paläo-Eskimos, und erst vor 1.000 Jahren kamen dann tatsächlich die Vorfahren der heutigen Inuit und Yupik in der Region.

Insbesondere die Rolle der Paläo-Eskimos, also dieser zweiten Einwanderungswelle, blieb immer so ein bisschen im Dunkeln. Man hat archäologisch klar beschreiben können, was diese Menschen gemacht haben und auch ungefähr, wann sie kamen, aber man wusste weder genau, woher sie kamen, noch wusste man, wie sie sich mit den anderen in Amerika befindlichen Populationen zu der Zeit vermischt haben oder auch nicht. Es war auch nicht klar, wie sie mit den heutigen Inuit genau zusammenhängen. Da gab es verschiedene Ergebnisse vorher.

Mit modernster Technik wird DNA extrahiert 

Pyritz: Sie haben jetzt versucht, einige dieser weißen Stellen, dieser Wissenslücken zur Besiedlungsgeschichte zu schließen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Schiffels: Also wir haben eine ganze Kassette von verschiedenen Methoden angewendet, sowohl basierend auf der DNA-Analyse heutiger lebender Populationen, als auch der DNA-Analyse von Skelettresten, mit sogenannter ancient DNA, die wir aus Skelettresten extrahiert haben. Das ist uns bei 48 Individuen gelungen in dieser Studie, also eine relativ große Zahl, und diese Individuen stammen aus verschiedenen Ecken Nordamerikas und Nordostsibiriens. Durch die Herkunftsanalyse dieser Skelettreste oder der DNA aus diesen Skelettresten konnten wir noch mal genauer und direkter in die Vergangenheit schauen und die Bevölkerungsbewegungen und auch Vermischungen direkter nachvollziehen als das vorher möglich war.

Pyritz: Woher stammen denn diese knapp 50 Proben, aus denen Sie die alte DNA isoliert haben? Wie sind Sie an diese teilweise Jahrtausende alten Proben dann gelangt?

Schiffels: Das sind natürlich archäologische Funde zunächst mal, die über Jahrzehnte gemacht wurden. Einige dieser Funde liegen auch schon viele, viele Jahre im Museum, andere sind etwas frischer. Unser Team sowie auch unsere Partner, insbesondere unser Partner David Reich von der Harvard Medical School, die gehen auf Archäologen zu beziehungsweise schließen Netzwerke und versuchen, an diese Funde zu kommen, insbesondere für DNA-Analysen, und so kommen dann letztendlich kleine Knochenreste in unserer Reinräume, in unsere Labors, wo wir dann mit modernster Technik versuchen, die teilweise sehr dürftigen Reste an DNA zu extrahieren und zu analysieren.

Verschiedene Gruppen gehen auf Paläo-Eskimos zurück

Pyritz: Was sind die wesentlichen Ergebnisse Ihrer Untersuchungen? Also wo kann man jetzt Genaueres sagen über die Besiedlung der amerikanischen Arktis, wo vorher vielleicht noch Verständnislücken waren?

Schiffels: Also ich würde sagen, es gibt zwei Hauptergebnisse. Das eine ist, dass ganz allgemein wir ein neues Modell aufgestellt haben, nach dem wirklich viele, viele verschiedene Gruppen, die heute in der Arktis vorzufinden sind und auch in der Vergangenheit letztendlich auf Paläo-Eskimos zurückgehen. Das ist also was, was einige archäologische Modelle auch vorhergesagt haben, weil diese Paläo-Eskimos so lange in der Region blieben, dass man auch davon ausgehen kann, dass sie sozusagen auch am Ursprung diverser weiterer Gründungspopulationen waren.

Das gilt sowohl für Inuit und Yupik, aber auch für die Aleuten und auch für amerikanische Ureinwohner, die athabaskische Sprachen sprechen oder noch allgemeiner, die zu der Na-Dené-Sprachfamilie gehören. Diese Menschen haben alle einen substanziellen Anteil Paläoeskimo-Erbgut in sich, und das wurde zwar vorher schon mal vorgeschlagen von anderen Teams, aber wir haben es jetzt wirklich sehr, sehr umfangreich zeigen können mit viel neuer Methodik. Das ist das eine Resultat.

Das andere Resultat – ich habe es eigentlich auch schon angekündigt –, das, was man noch mal hervorheben sollte, ist vor allem das Erbgut in den amerikanischen Ureinwohnern der athabaskischen Sprachen. Hier war es so, dass die Wissenschaftscommunity sehr heftig diskutiert hat darüber, was für ein Erbgut in diesen Menschen steckt. Man hat sich irgendwann darauf geeinigt, ja, diese Menschen haben eine Komponente in ihrem Erbgut, die nicht auf die allererste Besiedlung Amerikas zurückgeht, sondern auf eine etwas jüngere Besiedlung aus Asien heraus, aber es war unklar, ob es sich dabei um Paläo-Eskimos handelte oder um Vorfahren der heutigen Inuit oder um noch eine ganz andere Einwanderungswelle aus Asien. Wir haben jetzt noch mal ganz klar zeigen können, dass es sich eindeutig um Paläo-Eskimos handelt.

Herkunftstest sind limitiert

Pyritz: Wird es irgendwann möglich sein, so eine Jahrtausende zurückliegende Besiedlungsgeschichte mehr oder weniger lückenlos zu rekonstruieren mit Hilfe moderner molekularbiologischer Methoden, oder fehlt es da einfach an Proben aus dieser Zeit?

Schiffels: Prinzipiell sind wir ja jetzt schon seit ein paar Jahren dabei, die Lücken zu schließen. Es gab ja in den letzten Jahren wirklich bahnbrechende Entdeckungen, vor allem zur Geschichte Europas. Ich würde sagen, es gibt zwei limitierende Faktoren. Das eine ist, wie Sie schon angesprochen haben, das Vorhandensein von Proben. Es gibt zum Beispiel Zeiten – das ist jetzt vor allem ein Problem in Europa –, in denen zum Beispiel die Menschen ihre Toten nicht begraben, sondern verbrannt haben. Das sind natürlich Zeitperioden, in denen wir mit der DNA nicht viel ausrichten können, weil das Feuer die DNA zerstört. Das ist also das eine Problem, dass es nicht zu jeden Zeitpunkten wirklich Skelettreste einfach gibt.

Das andere Problem sind aber auch natürlich inhärente, limitierende Faktoren in der genetischen Analyse. Also wer schon mal so einen Herkunftstest gemacht hat – das kann man ja heutzutage kaufen, einfach Speichelprobe einschicken, und dann bekommt man so eine Herkunftsanalyse –, der weiß, dass die Auflösung dieser Tests ein gewisses Limit hat. Man wird nicht rausfinden, aus welchem Dorf irgendein Vorfahre stammt. Genauso wenig können wir in unserer Forschung in der Populationsgenetik ganz genau feststellen, welche ganz subtilen verschiedenen Familienverbände aus welchen Landesteilen gekommen sind. Das heißt, auch hier gibt es immer ein Auflösungsproblem. Das kann man einfach nicht perfekt rekonstruieren. Das ist, würde ich sagen, der zweite limitierende Faktor.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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