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StartseiteKalenderblattAmerikanischer Geschichtsschreiber mündlicher Überlieferung16.05.2012

Amerikanischer Geschichtsschreiber mündlicher Überlieferung

Vor 100 Jahren wurde der amerikanische Journalist Studs Terkel geboren

Geboren wurde er am 16. Mai 1912 als Louis Terkel, aber ganz Amerika nannte den Radioreporter "Studs" - nach einer Romanfigur von James T. Farrell. Um die Nöte, Probleme und Sorgen, aber auch die Vergnügungen und Feste der einfachen Leute ging es ihm in seiner täglichen Radiosendung.

Von Jochen Stöckmann

Der US-amerikanischer Schriftsteller und Radiomoderator Studs Terkel auf einem Archivbild von 1997 (AP Archiv)
Der US-amerikanischer Schriftsteller und Radiomoderator Studs Terkel auf einem Archivbild von 1997 (AP Archiv)

Studs Terkel war ein fantastischer Zuhörer - nicht umsonst nannte das Magazin "Newsweek" 1980 die ihm gewidmete Titelstory "The Great American Ear", "das Ohr Amerikas". Sein Lebensmotto lautete:

"Den Leuten zuhören! Da war etwa eine Frau, die aufs Tonband sprach - und dann spielte ich die Aufnahme ab. Sie legte die Hand auf den Mund und rief 'Oh, my god'. Auf meine Frage sagte sie: 'Ich höre mich zum ersten Mal, so kenne ich mich gar nicht.' Bingo! Plötzlich hatte sie realisiert, dass sie bestimmte Dinge denken konnte, die sie vorher so nicht gesagt, nicht gedacht hätte. Für mich ist so etwas immer wieder aufregend, eigentlich der interessanteste Stoff.”"

Geboren am 16. Mai 1912, galt der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer als Institution, war eine Radiolegende mit dem Spitznamen "Mister Chicago". Denn in seiner Heimatstadt mit ihren ebenso spannungsreichen wie inspirierenden Gegensätzen kannte sich Terkel bestens aus, vieles hatte er schon als Kind im Foyer des billigen Hotels aufgeschnappt, das seine Mutter führte. Er war bis kurz vor seinem Tod im Oktober 2008 stets zu Fuß unterwegs, hatte sich Chicago regelrecht erwandert - einer der ganz seltenen Amerikaner ohne Auto und Führerschein:

""Technisch bin ich nicht sehr begabt. Ich arbeite zwar mit dem Tonband, drücke aber manchmal auf den falschen Knopf. Deshalb fahre ich ja auch kein Auto oder Fahrrad. Mit dem Tonband habe ich dadurch einige Aufnahmen verpatzt mit Martha Graham, Michael Redgrave oder Bertrand Russell."

Meistens aber klappte es. Und so hat Studs Terkel die US-Prominenz aus Wissenschaft und Kunst, Politik und Showgeschäft von 1952 an für seine täglichen Interviews im Sender WFMT befragt. Vor allem aber holte er völlig unbekannte Fließbandarbeiter, Hausfrauen oder Soldaten vors Mikrofon, um längst verblasste Erinnerungen an die Große Depression oder den Zweiten Weltkrieg ins Bewusstsein zu rufen, und damit zugleich eine ganze Nation auf ihren aktuellen Gemütszustand hin abzuhorchen. In seinem "Studs Terkel Program", setzte der Radiomann auf sanfte Überredungskunst, Schlagfertigkeit und Witz. Etwa am 25. April 1963, als ein schmächtiger junger Mann mit Gitarre ins Studio kommt, der partout nicht live singen mag, weil das zu lange dauern würde. Studs Terkel aber ist kein Diskjockey, er weigert sich, einfach nur eine Platte aufzulegen von diesem Bob Dylan:

"- "I could sing a song, but it takes a long time to sing it."
- "I would like you to sing it, because I don't need so much the content itself as the form, the lyrics, the images, it is called 'A Hard Rain's A-Gonna Fall' and I know, people will listening to it as you sing it.""

Viele seiner Gespräche hat Studs Terkel für eigene Bücher verwendet über den Zweiten Weltkrieg, über die Spaltung von "Arm und Reich" in der Reagan-Ära oder den alltäglichen Rassismus in den USA. Aus einem für Außenstehende kaum noch überschaubaren Tonarchiv komponierte er eine vielstimmige, zumeist auf die aktuelle politische Situation zugespitzte Textmontage. Damit rückte Studs Terkel auf zum Geschichtsschreiber mündlicher Überlieferung, dessen Pionierarbeit selbst in der akademischen Welt Anerkennung fand - unter einer damals, Ende der Achtziger, neuen Kategorie:

""Sie nennen mich 'oral historian'. Dabei tue ich nur, was ich immer getan habe. Einige Akademiker mögen das nicht. Das geht in Ordnung, denn wir leben in verschiedenen Welten.”"

Berührungsängste hatte der Reporter deshalb nicht, weder gegenüber Professoren noch vor dem Boulevard. 1978 kam am Broadway das Musical "working" - Arbeit - heraus, das Libretto hatte Studs Terkel geschrieben, für jede der 40 Einzelrollen:

""Wenn sie über Arbeit reden, geht es um mehr als nur den Job: Sie sprechen zugleich über die tägliche Suche nach Sinn und Bedeutung wie übers tägliche Brotverdienen.”"

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