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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum weiße Evangelikale Präsident Trump unterstützen05.10.2020

Amerikas ChristenWarum weiße Evangelikale Präsident Trump unterstützen

Sie sind eine wichtige Wählergruppe von US-Präsident Donald Trump: die weißen evangelikalen Christen. Gott habe den heidnischen Trump geschickt, um sein Volk zu beschützen - so in etwa erklären sie ihre Unterstützung für Trump. Philip Gorski erläutert das Phänomen in seinem Buch "Am Scheideweg".

Von Katja Ridderbusch

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rechts das Buchcover: Philip Gorski: "Am Scheideweg", Herder Verlag;  links im Hintergrund der Oberste Gerichtshof in Washington (Buchcover: Herder Verlag / Hintergrund: AFP/Saul Loeb)
Eines der wichtigsten Bücher über den Zustand der Gesellschaft vor den US-Präsidentschaftswahlen (Buchcover: Herder Verlag / Hintergrund: AFP/Saul Loeb)
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"We humbly ask you to bless our nation and to bless our president Donald Trump": Die Bitte um Gottes Segen für Donald Trump fehlt bei keiner Wahlkampfkundgebung evangelikaler Christen. Und genauso leidenschaftlich wie die Loyalität dieser Wähler zum amtierenden US-Präsidenten ist das Unverständnis darüber ­– ganz besonders in Europa.

Philip Gorski, Professor für Religionssoziologie an der Yale-Universität und bis vor kurzem Gast-Dozent an der Uni Göttingen, hat jetzt einen Führer durch das politisch-religiöse Dickicht geschrieben. "Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie" will erklären und aufklären und dabei so manches Missverständnis geraderücken. Das größte davon sei die Annahme, dass es sich bei Amerikas Evangelikalen um einen monolithischen Block handele, sagt Gorski:

"Da muss man schon einige Unterscheidungen machen, erstens zwischen den afroamerikanischen und den lateinamerikanischen Evangelikalen, die fortschrittlicher Ansichten sind zu Fragen wie Einwanderung, Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik. Und auf der anderen Seite die weißen Evangelikalen."

Philip Gorski lehrt Religionssoziologie an der Universität Yale.  (privat) (privat)US-Wahlkampf - "Die Katholiken sind eine der interessantesten Wählergruppen"
Würde Joe Biden zum Präsidenten gewählt, wäre er nach John F. Kennedy der zweite Katholik in diesem Amt. Es sei kein Nachteil mehr für einen Bewerber, der katholischen Minderheit anzugehören, sagt der Religionssoziologe Philip Gorski.

Die Wahlverwandtschaft zwischen Christentum und Demokratie kann verderben

Bevor Gorski sich dem Verhältnis zwischen weißen Evangelikalen und Donald Trump widmet, unternimmt er einen Ausflug in die Geschichte von Demokratie und Christentum in Amerika. Und landet dabei unweigerlich bei Alexis de Tocqueville. Dazu schreibt Gorski:

"So weitsichtig er war, auch Tocqueville hatte seine Scheuklappen. Er war so sehr darauf fixiert, die Vereinbarkeit von Christentum und Demokratie in Amerika aufzuzeigen, dass er nicht erkannte, dass das Christentum Hierarchie und Monarchie ebenso gut integrieren konnte. Seine Scheuklappen verhinderten, der Möglichkeit ins Auge zu sehen, dass die lange und glückliche Wahlverwandtschaft zwischen Christentum und Demokratie eines Tages versauern könnte."

In einem weiteren Kapitel beschreibt Gorski, wie sich die Republikanische Partei und konservative Christen – weiße konservative Evangelikale ebenso wie konservative Katholiken – seit den 1970er Jahren immer mehr annäherten. Eine Koalition, die Donald Trump schließlich ins Präsidentenamt beförderte. Mehr als 80 Prozent der weißen evangelikalen Christen stimmten 2016 für Trump, die dominanteste Wählergruppe.

Aber warum, fragen sich viele, stehen diese selbsterklärten Hüter der öffentlichen Moral mit solchem Eifer hinter einem moralisch eher fragwürdigen Kandidaten? Gorski:

"Die meisten Beobachter in den Medien oder der Wissenschaft begreifen das als ein Tauschgeschäft. Trump verspricht Richter zu ernennen, die gegen die Abtreibung sind und sich für konservative Werte einsetzen."

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020  (picture alliance / Wolfram Steinberg) (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Trumps Weltanschauung entspricht der evangelikalen

Eine andere, häufig genannte Begründung für das Wahlverhalten der Evangelikalen ist die sogenannte negative Polarisierung: Sie stimmen nicht für Trump, sondern gegen die Demokraten und deren Werte. Doch dem Soziologen reichen diese Erklärungsansätze nicht:

"Was da fehlt, ist, dass viele weiße Evangelikale Trump lieben, aus tiefstem Herzen lieben. Und mein Argument ist, dass Trumps Weltvorstellung auf bestimmte Weise der evangelikalen Weltanschauung entspricht. Und da geht es vor allem um den weißen christlichen Nationalismus."

Donald Trump im Regen auf dem Weg zur "Marine One" vor dem weissen Haus in Washington, auf dem Weg nach Dallas, Texas. 2020. (Getty / Drew Angerer) (Getty / Drew Angerer)Trump, der "Gesalbte Gottes"
In der Bibel werden Könige auch als "Gesalbte Gottes" bezeichnet. In den USA behaupten nun Evangelikale, auch Präsident Trump sei "von Gott gesalbt". Und immer mehr Menschen stimmen dem zu.

Jenes Geschichtsnarrativ, demzufolge die USA von weißen Christen gegründet und aufgebaut, zu Wohlstand und Frieden geführt worden seien. Und dass deren Vorherrschaft heute durch nicht-weiße, nicht-christliche Eindringlinge bedroht sei: Einwanderer, Muslime, Humanisten, Atheisten, Kommunisten.

"Und da müsse man um jeden Preis dieses Fundament der Nation, des Landes beschützen. Und dafür braucht man einen starken Mann. Und da wurde Trump geschickt, von Gott geschickt, meinen viele."

Mitglieder der Gruppe Evangelicals For Trump beten kurz vor einem Auftritt Donald Trumps im Januar 2020. (imago images / ZUMA Wire)Mitglieder der Gruppe Evangelicals For Trump beten kurz vor einem Auftritt Donald Trumps im Januar 2020. (imago images / ZUMA Wire)

Gottlosigkeit ist kein Argument

Wie aber kann Gott einen so gottlosen Messias erwählen? Auch diese Frage bringe die Hartgesottenen unter Trumps evangelikalen Anhängern keineswegs in Erklärungsnot, schreibt Gorski. Sie nähmen ganz einfach Anleihen beim Alten Testament. "Die meisten vergleichen (Trump) mit Kyrus, dem persischen König, der die alten Israeliten aus ihrer babylonischen Gefangenschaft befreite und ihnen erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren und ihren Tempel wiederaufzubauen. Wie Trump, so behaupten sie, war Kyrus ein heidnischer Mann, den Gott als Werkzeug benutzte, um sein Volk zu beschützen."

Wer so argumentiert, sei immun gegen rationale Argumente. Und auch immun gegen die dramatischen Folgen, die Präsident Trumps – so Gorski – "stümperhafte, leichtfertige und verpfuschte Handhabung" der Covid-Pandemie für Hunderttausende von Amerikanern hatte.

Für die Wahlen im November hat der Soziologe deshalb keine optimistische Prognose:

"Am Anfang der Pandemie habe ich schon gehofft, dass die Zustimmung der Evangelikalen für Trump wegbricht. Die Zustimmungswerte sind in der Tat ein bisschen gesunken. Aber ich glaube, im Endeffekt werden sie ihn dennoch wählen."

Die Hoffnung liegt bei den nicht-weißen Evangelikalen

Langfristig setzt er seine Hoffnung auf jüngere und nicht-weiße evangelikale Christen. Und darauf, dass die säkularen Progressiven ihnen in Teilen entgegenkommen:

"Werden sie bereit sein, etwas an Boden abzugeben und Sozialkonservativen im Niemandsland zwischen den Schützengräben der Kulturkämpfe zu begegnen? […] Die Zukunft der amerikanischen Demokratie wird auch von ihrer Antwort abhängen."

Philip Gorskis Buch ist eine erhellende, kraftvolle, teilweise unbequeme Mischung aus historischer Analyse, politischem Essay und aktuellem Kommentar. Und eines der wichtigen Bücher über den Zustand Amerikas vor den Wahlen am 3. November.

Philip Gorski: "Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump"
Herder Verlag, 223 Seiten, 24 Euro.

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