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StartseiteKalenderblattAmerikas unbeirrbarer Aufklärer25.08.2006

Amerikas unbeirrbarer Aufklärer

Vor 50 Jahren starb Alfred Kinsey

Bevor der Zoologe Alfred Kinsey seine bahnbrechenden Forschungen zum sexuellen Verhalten des Mannes und der Frau veröffentlichte, herrschte im puritanischen Amerika auf diesem Gebiet absolute Finsternis. Doch der Vater der sexuellen Revolution ließ sich von niemandem beirren.

Von Barbara Jentzsch

Der Sexualforscher Alfred Kinsey starb 1956. (AP Archiv)
Der Sexualforscher Alfred Kinsey starb 1956. (AP Archiv)

Als Alfred Kinsey am 25. August 1956 im Alter von 62 Jahren starb, war er ein ausgebrannter, tief deprimierter Mann. Der Vater der sexuellen Revolution, Amerikas unbeirrbarer Aufklärer sah sich als Versager. Obwohl seine bahnbrechenden Untersuchungen zum sexuellen Verhalten des Mannes und der Frau im puritanischen Amerika mit der "Sprengkraft einer sozialen Atombome" einschlugen, glaubte Kinsey, sein Lebensziel, die sexuelle Befreiung der Amerikaner, nicht erreicht zu haben. Sein Biograf Jonathan Gathone Hardy:

"Es war ihm nicht gelungen, die Leute zu überreden, dass seine sexuelle Toleranz der richtige Weg war. Er starb verbittert und enttäuscht."

50 Jahre später ist die sexuelle Revolution längst passé, doch Alfred Kinsey hochaktuell. Hollywood hat den Sexpionier wieder auferstehen lassen, zwe neue, aufschlussreiche Biografien und ein spannender Roman von TC Boyle sind erschienen, schrille Traktate der christlichen Rechten versuchen, dem offen bisexuellen Kinsey den Stempel "Kinderschänder" aufzudrücken, und in Chicago feierte "Dr. Sex” Premiere: Kinsey - das Musical .

Zum Thema Sex hatte der 1894 in Hoboken, New Jersey geborene Forscher erst spät und auf Umwegen gefunden. Kinsey wuchs in einem erdrückend strengen Elternhaus auf. Verabredungen mit Mädchen waren tabu, und die Lektüre der Sonntagszeitung war auch nicht gestattet. Nur in der Natur fühlte Kinsey sich frei. Der begeisterte Pfadfinder begann gegen den Willen des Vaters ein Biologiestudium und promovierte 1920 in Harvard zum Doktor der Zoologie .

Kinsey war ein passionierter Zoologe. Nach seiner Berufung an die Indiana Staatsuniversität in Bloomington, widmete er sich mit Haut und Haar dem Studium der winzigen Gallwespe. Er sammelte an die 300.000 Exemplare und schrieb das zweibändige Standardwerk über das Insekt. Kinsey hätte der Gallwespe sicherlich auch Band drei entlockt, doch dazu kam es nicht. Als heiratswillige Bloomington-Studentinnen 1936 nach Ehevorbereitungskursen verlangten, schien der mit der Chemiestudentin Clara Bracken McMillen verheiratete Zoologe der rechte Mann am rechten Platz. Kinsey machte sich an die Arbeit. Nüchtern, doch einfühlsam. Ein anderer Biograf, James Jones:

"Der Ehevorbereitungskurs sollte den Studenten helfen, ihre eigene Sexualität zu verstehen und ohne Schuldgefühle damit umzugehen. Sex sollte ein lebendiger und freudiger Teil ihres Lebens sein."

Die Ahnungslosigkeit der Studenten und ihr extremer Wissensdurst führten Kinsey schnell zu der Entdeckung, dass es in der Sexualforschung so gut wie keine wissenschaftlichen Fakten gab. Mit der gleichen Akribie und Sammelwut, die er zuvor den Gallwespen gewidmet hatte, wandte Kinsey sich jetzt der Spezies Mensch zu. Er entwickelte einen rund 500 Punkte umfassenden Fragebogen, der weit über das "Wann zum ersten Mal?", "Wo?”, "Mit wem?” und "Wie oft?" hinausging. Kinsey schulte ein auf absolute Verschwiegenheit eingeschworenes Team in spezifischen Interviewtechniken, gründete 1942 in Bloomington das "Institut fror Sex Research” und befragte in den nächsten Jahren an die 18.000 Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen zu ihrem Sexualverhalten. Masturbation, Anal und Oralverkehr, Homosexualität, nichts wurde ausgespart - und nichts wurde bewertet.

Die Mitarbeit Zehntausender habe seine Forschung möglich gemacht, erklärte Kinsey 1948 kurz vor der Veröffentlichung seines überwiegend mit Begeisterung begrüßten, ersten Reports "Das sexuelle Verhalten des amerikanischen Mannes”. AAls Kinsey fünf Jahre später den Frauenreport vorlegt, hält sich die Begeisterung in Grenzen. Dass jede vierte Ehefrau untreu und jede zweite Braut am Hochzeitstag nicht mehr unschuldig sein sollte, mochte das konservative Amerika nicht akzeptieren. Der Erweckungsprediger Billy Graham:

"Dr. Kinseys einseitiger Report ist ein Angriff auf unsere Frauen. Kinder werden an der Treue ihrer Eltern zweifeln, und es wird zu verschiedenen Arten von unmoralischem Verhalten kommen."

Hätte Kinsey die 60er Jahre noch erlebt, die Bügerrechtsbewegung, womens lib und gay power - es hätte ihm die Seele gewärmt, schreibt sein Biograf Gathorne Hardy. Alfred Kinsey hätte gewusst, dass er kein Versager war, sondern am Ende doch gewonnen hatte.

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