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StartseiteSonntagsspaziergangLebensweisheit und Gemüse19.11.2017

Amischen-Farm in TennesseeLebensweisheit und Gemüse

Ein Blockhaus aus Holz, davor Pferde, Hühner, ein Kräutergarten: Paul Edwards Farm in Tennessee ist eine Bilderbuchidylle. Er und seine Frau Lydia leben nach den Prinzipien der Amischen: ohne Strom und mit wenig Technik.

Von Rudi und Rita Schneider

Paul Edwards Farm: Das Blockhaus mit den Pferden davor. (Deutschlandfunk / Rudi und Rita Schneider)
Bäume selbst gefällt, Haus selbst gebaut: Paul und Lydia haben alternative Lösungen für ihr Leben gefunden (Deutschlandfunk / Rudi und Rita Schneider)
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"Unverhofft kommt oft", was dieses Sprichwort bedeuten kann, erlebt man immer wieder auf Reisen. Wenn man sich auf das Unerwartete einlässt, kann man Dinge erleben und entdecken, die sich im Rückblick als wahre Highlights erweisen. Die folgende Reisenotiz ist eine dieser unerwarteten Geschichten, die auch durchaus auf voll durchgeplanten Reisen passieren können.

Zur Farm über Stock und Stein

Wenn es die Zeit zulässt, lohnt es immer wieder, die schnellen Highways zu verlassen und einfach übers Land zu tingeln. Das erfuhren wir einmal mehr auf unserer Fahrt von Nashville nach Tupelo, südlich von Memphis, wo Elvis Presley das Licht der Welt erblickt hat. Die Strecke führt uns, wir würden sagen, durch ein Dorf namens Linden. Linden klingt deutsch und hat um die 1.000 Einwohner. Die Planung war, in Linden eine Nacht zu verbringen. Die Unterkunft haben wir bei Kathy und Michael Dumont in der Mainstreet gebucht. Das Commodore ist ein liebevoll restauriertes kleines Hotel im Stil der 50iger und 60iger Jahre für das die beiden urige, zeitgerechte Antiquitäten für ein authentisches Ambiente gesammelt haben. Kathy und Michael kamen aus Rhode Island nach Linden und verliebten sich in Land und Leute.

"Die Landschaft ist hier sehr schön. Das Gelände ist hügelig und von kristallklaren Bächen und Flüssen durchzogen, die man wunderbar im Kajak erkunden kann. Auf dem Tennessee River sind wir oft mit einem Platoon Boot zum Fischen unterwegs. Es ist einfach schön, wie unberührt die Natur hier ist, man sieht so viele seltene Wildblumen und Pflanzen." 

Edwards Farm - Paul Edwards auf der Veranda seines Blockhauses (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)Paul Edwards auf der Veranda seines Blockhauses (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)

Als wären "Wildblumen und Pflanzen" das Stichwort. Kathy lud uns spontan ein, mit ihr zu einer sehr interessanten Farm zu fahren, wo sie gerne Gemüse, Früchte und Salat für ihre Küche kauft. Wir schauen uns an. Unverhofft kommt oft. Kathys Einladung macht uns neugierig. Minuten später sitzen wir im Auto und bald verlassen wir die geteerte Straße. Auf dem Weg zur Farm geht es wirklich über Stock und Stein. Kathy erzählt uns unterwegs, dass die Farm Paul und Lydia Edwards gehört, die einen Amischen Hintergrund haben. Wir sind hier am Cedar Creek im Perry County, Tennessee. Zwischen dem Buffalo- und dem Tennessee River zieht sich ein Landstreifen, in der sich die Edwards Farm ungefähr in der Mitte befindet. Vor dem kleinen Blockhaus der Farm erwarten uns zwei Pferde mit neugierigen Blicken und eine Glucke zieht mit einer ganzen Horde von Küken im Sand buddelnd über den Hof. Paul und Lydia Edwards begrüßen uns mit einem herzlichen Hallo. Die beiden haben diese Farm praktisch nur mit vorhandenen, natürlichen Mitteln komplett selbst aufgebaut, erfahren wir. Paul erzählt uns, daß seine Eltern typische Aussteiger der 60iger Jahre waren und die selbstversorgende Lebensweise der Amischen gut fanden.

"Ich wuchs dann in einer Amischen Nachbarschaft auf. Dort lernte ich auch meine Frau kennen, die als Amische geboren und erzogen wurde. Von den Amischen lernte ich eine Menge über selbstständiges und unabhängiges Leben. Einige Jahre später verließen wir die Amischen und versuchten den amerikanischen Lebensstil. Ich ging mehrere Jahre arbeiten und drückte täglich die Stechuhr. Wir hatten mehrere Autos, mehrere Fernseher, Air Condition, all die guten Dinge, die man so hat. Eines Tages sagte ich zu meiner Frau: "Wir wissen es eigentlich besser, wir haben nie so hart gearbeitet, um es so einfach zu haben. Wir sollten wieder zu einem Leben zurückkehren, wie wir aufgezogen wurden, wo die Dinge mehr real, sicher auch manchmal etwas schwieriger sind."

Wasserbottich als Kühlschrank

Als Zeitgenossen, die nahezu alles im Baumarkt kaufen, lernen wir mit offenen Mündern und der häufigen Bemerkung: "Wow" von Paul und Lydia, was und wie sie hier alles zusammen über die Jahre geschaffen haben.

"Wir fällten die Bäume hier hinter dem Haus, sägten daraus in meiner Sägemühle Bretter und Balken. Für das Fundament musste ich den Felsen bearbeiten und vorbereiten. Das traurige in dieser modernen Informationsgesellschaft ist, die Leute haben so viele Kenntnisse über den Bau eines Hauses verloren. Sie können zwar jemanden auf ihrem Handy anrufen und fragen, wie macht man dieses oder jenes. Aber das ist nicht das gleiche, wie wenn Du es selbst weißt. Meiner Meinung nach ist es die große Sklaverei dieser Zeit, dass die Leute so abhängig für alles sind, was sie brauchen, weil das Know-how, wie die Dinge gemacht sind, nicht mehr unter ihrer Kontrolle ist."

In unseren Köpfen rattert es. Da wir in unserem Haus zuhause viel selbst renoviert und gebaut haben, haben wir trotzdem nur eine vage Vorstellung von den Herausforderungen, wirklich alles selbst zu bauen, beginnend beim Fällen der Bäume. Dazu kommt, dass die beiden konform der Art, wie die Amischen leben, im Haus keinerlei Elektrizität haben, also für alles, was unsere heile Welt ausmacht, eine alternative Lösung finden mussten. Beispielsweise natürliche Lösungen für heiße Tage. Das hier ist die Kühlschranklösung. Wasser fließt in einen Bottich, in dem mehrere große Glasgefäße mit Milch stehen.

"Ich habe oben auf dem Hügel eine Wasserquelle erschlossen. Über einige Rohre lasse ich es zu mehreren Hydranten fließen, um unsere Felder zu bewässern. Das Wasser für den Bottich hier beim Haus lasse ich den ganzen Tag fließen, damit ihre Milch kühl bleibt. An den heißesten Tagen im Sommer kann man die Milch zwei Tage trinken."

Die Philosophie der Amischen, so lerne ich von Paul, ist es, möglichst alles zu nutzen, was uns die Natur gibt, ohne sie zu schädigen und Technik nur dort einzusetzen, wo sie sinnvoll und nicht naturschädigend ist.

"Wir leben selbstversorgend. Wir bauen Gemüse und Früchte an. Wir halten Kühe, Schweine, Truthähne und Hühner. Mit den Früchten und dem Fleisch versorgen wir uns größtenteils selbst. Wir schlachten die Schweine auch selbst und verwerten alles. Die Milch trinken wir nicht nur, wir machen daraus auch Käse und Butter. Also, das meiste was wir brauchen, erzeugen wir selbst, aber nicht alles."

Aus dem Alpenländle nach Tennessee

Die Amischen haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung, vor allem in der Schweiz und Süddeutschland. Viele Amische wanderten im 18. Jahrhundert nach Pennsylvania in Nordamerika aus. Deutsche hatten bereits 1683 in Germantown , Pennsylvania, das sie "Deitschschteddel" nannten, eine Siedlung gegründet. Die Angewohnheit, bei der Arbeit zu singen haben sie noch aus dem Alpenländle mitgebracht. Das ist Fannie Schwarz, die von einem Schweizer Zweig der Amischen abstammt und ein Album über das Leben und die Musik der Amischen veröffentlich hat. Bei der Arbeit wird oft gesungen erzählt Fannie.

"Mir händ wenn ma die Chir gemache händ, hämmer immer gsunge und gjodeled. Ja so hämmer immer gsunge, immer and immer. Unser Family wor Singers und Jodlers."

Edwards Farm - Dinner Glocke (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)Mit der Dinner-Glocke ruft Paul zu Tisch. (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)

Paul erzählt, dass er mit Lydia ein altes Deutsch spricht, das dem sogenannten Pennsylvania Deutsch entspricht. Wenn wir schon über Kommunikation reden, dort, wo wir heute schnell zum Handy greifen, hört sich das auf Paul und Lydias Farm so an. Diese Glocke ist eigentlich die Dinner-Bell. Wenn Lydia sie läutet, ist es Zeit zum Essen. Aber sie ruft Paul auch mit dieser Glocke, wenn sie ihn für etwas dringend braucht und er irgendwo draußen auf den Feldern arbeitet. Lydia hat Rita ins Haus eingeladen.

Bei dem Haus handelt es sich um ein Holzhaus. Es besteht aus einem Raum im Erdgeschoss und ziemlich mittig im Raum führt noch eine Treppe aus gehälfteten Baumstämmen in die erste Etage. Unten im Erdgeschoss gibt es eine große Küche mit einem Herd. Natürlich gibt es hier keine elektrischen Geräte. Obwohl das Haus nicht ganz neu ist, hat es einen wunderschönen Holzgeruch, die Atmosphäre ist sehr schön. Lydia ist eine sehr bescheidene, aber auch kreative Frau, die alles selbst herstellt, soweit sie es kann. Sie buttert selber und sie stellt auch ihren Käse selber her.

"Ich nehme normalerweise vier Gallonen Milch. Je nach Käseart, die ich produzieren möchte, erwärme ich die Milch bis zu einer bestimmten Temperatur, dann setze ich eine Kultur an. Wenn die Milch gerinnt, schneide ich den Käsebruch und verarbeite ihn je nach Käseart weiter. Manche Käsesorten sind in sechs Stunden fertig."

Gemüse aus dem eigenen Garten

Nachdem wir eine Zeit im Haus zusammengesessen haben, gehen wir raus in den Garten und Lydia zeigt mir voller Stolz ihr Gewächshaus und die Gemüsesorten und Kräuter, die sie anbaut.

"Im Moment bieten wir Tomaten und Gurken an. Demnächst ernten wir Kürbis, Kohl und Brokkoli, auch die grünen Bohnen. Meine Erbsen sind nicht so gut geworden. An manchen Tagen haben wir richtig viele Kunden, besonders auch in der Erdbeerzeit, damit starten wir jedes Jahr."

Während Lydia und Rita im Garten ihre Erfahrungen beim Anbau und der Aufzucht der einzelnen Gemüse- und Früchtearten austauschen, sitzen Paul und ich auf der schattigen Veranda des Blockhauses, und plauschen über dies und das. Paul überrascht immer wieder mit viel Hintergrundwissen, auch mit seinen Erkenntnissen zur aktuellen Situation in der Weltpolitik.

"Ich habe ein Zitat auf meinem Schreibtisch, das ein berühmter Mann über Caesar vor mehr als 2.000 Jahren gesagt haben soll. Caesar ist nur ein Mann, ohne die Unterstützung der Massen ist er nichts. Man könnte jeden Führer dieser Welt nennen, ob es Hitler oder Trump oder Obama ist, ich will sie gar nicht vergleichen, aber sie alle sind nichts ohne die Leute, die sie unterstützen."

Während die Männer draußen auf der Veranda sitzen und sich unterhalten, erzählt mir Lydia, was es heute zum Abendessen gibt.

"Nun, es gibt Salat, Brot, vielleicht koche ich noch etwas Reis. Den bauen wir nicht selbst an, Reis kaufen wir. In den Salat kommen Peperoni, Gurken, Erbsen, Kräuter und Käsestückchen. Im Dressing verwende ich Öl, Knoblauch, Zwiebel und Oregano und natürlich Essig. Ich habe früher den Essig selbst gemacht, aber der ist gekauft."

Früher kamen Elvis und Johnny Cash durch Linden

Für Paul läutet die Dinner Bell, wir verabschieden uns und fahren wieder durch den Cedar Creek mit Kathy Dumont zurück nach Linden, wo es aus Paul und Lydias Garten zum Abendessen für uns eine frische, raffiniert zubereitete Salatkreation zu einer Portion Musik gibt. Der Song von Johnny Cash erinnert an die Zeit, als er und so manch anderer Musiker zwischen Nashville und Memphis pendelten und hier durch Linden kamen, erzählt Michael Dumont.

"Früher war in dieser Gegend richtig was los. Bevor es die Interstate 40 gab, war das eine der beiden Hauptrouten zwischen Nashville und Memphis. Elvis oder auch Johnny Cash kamen oft hier durch. Früher lebten und arbeiten die Leute hier in der Stadt. Heute ist das anders, man fährt viel weiter zu den Supermärkten. Als wir vor zehn Jahren hier her kamen, war es die Stadt sehr verschlafen."

Auch wir kamen durch Linden. Wir haben einen überraschen Tag mit vielen neuen Erkenntnissen erlebt und gelernt, dass Linden in Tennessee offensichtlich dank vieler neuer Ideen aus dem Schlaf erwacht ist und allemal einen Zwischenstopp wert ist.

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