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StartseiteKultur heuteAmoklauf als gesellschaftliches Phänomen11.04.2010

Amoklauf als gesellschaftliches Phänomen

Juli Zehs "Good Morning, Boys and Girls" in Düsseldorf

Amoklauf - die Sehnsucht nach der großen Tat? Die Autorin Juli Zeh wirft einen unsentimentalen Blick ohne Schuldzuweisungen und ohne moralische Beurteilung auf ein Thema, das ein Jahr nach dem Amoklauf in Winnenden immernoch aktuell ist.

Von Christiane Enkeler

Amokläufe an Schulen von jugendlichen Tätern heizen immer wieder die Diskussion um schärfere Waffengesetzte an. (AP)
Amokläufe an Schulen von jugendlichen Tätern heizen immer wieder die Diskussion um schärfere Waffengesetzte an. (AP)
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In Ruhe trauern
Der Amoklauf von Winnenden

Das Ende dieses Stücks über jugendlichen Amoklauf kommt aus der Richtung, aus der man es nicht erwartet hätte. Deswegen darf es hier nicht verraten werden.

So kann Juli Zeh in "Good Morning, Boys and Girls" Erwartungen enttäuschen und erfüllen gleichzeitig. Der andere Weg ist, sie von den Figuren selbst reflektieren zu lassen.
Das Stück begleitet den 16-Jährigen "Cold", der eigentlich Jens heißt, bei den Vorbereitungen zu einem Amoklauf. "Begleitet" ist schon zu viel gesagt, denn die Zeit- und Realitätsebenen sind derart verwoben, dass man nie weiß, ob der Junge nicht schon tot ist oder ob alles in seiner Phantasie stattfindet.
Jens kommt mit Susanne zusammen, beobachtet von der Lehrerin.

O-Ton aus der Inszenierung, Cold und Susanne:

"Sie wollte wissen, ob ich nicht irgendwann mit ner Benelli in die Klasse gerannt komme und alle weghole."

"Vergiss nicht, vorher Counter-Strike zu deinstallieren. Schieb die Sendung mit der Maus auf die Festplatte. Ich glaub, das gibt ihnen zu denken."

Juli Zehs Drama ist dynamisch und spannend zu lesen. Was die Figuren umtreibt, sind die großen Fragen um Fiktion, Simulation, Konstruktion. Sicher gibt es auch Überschneidungen.

In der Fiktionsdebatte kann man zum Beispiel die fiktive Realität von Computerspielen sehen, den in Gedanken durchgespielten Amoklauf, aber auch die Fiktion von Romanen, deren Wirkung den Menschen mal verdächtig war, sowie Jens’ Kurzgeschichten im Unterricht. In Text und Inszenierung sind Traum und Rückblick kaum unterscheidbar. Jens’ Deutschlehrerin thematisiert das Verhältnis von Phantasie, Fiktivem und Realität.

O-Ton aus der Inszenierung, Cold und seine Lehrerin:
"In aller Ruhe nahm ich den Rucksack von der Schulter und holte die Benelli raus."
"Ist es realistisch, dass eine Pumpgun in den Rucksack passt?"

Für die Simulationsdebatte können stehen die CNN-Interviews, die der tote oder träumende Jens mit seinen Eltern nach dem Amoklauf führt, die Aufnahmen, die seine Freundin von ihm macht, sein Entsetzen, als er durchs Fernsehen mitbekommt, dass ihm jemand zuvorgekommen ist. Die Lehrerin, die, angeschossen, immer noch an Dreharbeiten glaubt.

Das Gerede des Vaters, dass Jens auch gut hätte zum Terroristen werden können, kann man in diesem Zusammenhang sehen, aber auch im Zusammenhang mit einem konstruktivistischen Thema. Jens’ Mutter erwähnt, dass sich Geschichten von hinten erzählen – ihre eigene Identität sich festschreibt durch das, was aus ihrem Sohn geworden ist. Für den Vater ist der Sohn ein Monster, für die Mutter unschuldig.

"Man kann nichts mehr zum ersten Mal machen. Alles schon da gewesen. Unsere Vorfahren haben die Party gründlich abgefeiert. Und für uns bleibt nur Karaoke."

Weil alles nur Simulation ist und außerdem mit allem vernetzt, gibt es auf dieser Welt auch kein Außen mehr. Schwer zu sagen, ob Cold auf der Suche nach Echtheit oder nach perfekter Inszenierung ist. Für Juli Zeh stilisiert er sich zum Gott. Nur dass dieser Gott nicht erschafft, sondern zerstört.

Um das Phänomen zu verstehen, meint Juli Zeh, wie wir im Programmheft lesen können, dass man den Prototyp "Amokläufer" nicht als hilfloses Opfer, sondern als auch mediale Zeitgeisterscheinung betrachten muss – als pervertierte Spiegelung eines Heldentypus, der aus seiner Sicht gegen ein "System" antritt.
Der Text löst das ein. Dennoch verdeutlicht sich auf der Bühne auch der Druck, der auf Jens lastet: Die Figuren sprechen über dasselbe und reden doch aneinander vorbei. Sie unterbrechen sich und Jens und beschneiden so den jeweils zur Verfügung stehenden Raum.

Stephan Rottkamps Inszenierung nutzt im Wesentlichen, zusammen mit dem Bühnenbild von Robert Schweer, konstruktivistische Elemente – ganz konkret: Auf der Bühne liegen Umzugskartons, die ganze Zeit basteln alle an ihren Requisiten und damit ihrer Umwelt. Alles besteht aus Pappe: die Waffen, die Kameras, der Computer. In dieser Welt bewegen sich die Figuren völlig entfremdet.

Der Abend meidet jede Illusion, das Licht im Zuschauerraum bleibt an.

O-Ton aus der Inszenierung, Lehrerin:
"Du modellierst dich nach dem Vorbild populärer Helden. Du wirst eine Kunstfigur. Ein langfristig angelegter Prozess der Nachahmung."

Am Ende kommen Nachahmung und Abgrenzungsversuch durch eine spontane Abwehr doch beinahe zusammen. Das ist nicht befreiend, sondern konfrontiert uns durch die geschickte Wendung mit unserer eigenen Ahnungslosigkeit, wer zum Täter taugt. Das haben wir so nicht kommen sehen. Vielleicht ist das realistisch.

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