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StartseiteDeutschland heuteBerliner Behörden machen es internationalen Gründern schwer12.12.2018

Amtssprache DeutschBerliner Behörden machen es internationalen Gründern schwer

Berlin rühmt sich gerne seiner Weltläufigkeit. Ausländische Unternehmer strömen in Scharen in die Stadt. Doch offenbar macht die Verwaltung internationalen Gründern das Leben schwer: Viele Formulare gibt es nur auf deutsch, englischsprachige Beratungen sind selten.

Von Manfred Götzke

Man sieht verschiedene Stempel - im Hintergrund steht ein Mann mit einem Ordner in der Hand (imago )
Viele Informationen und vor allem Formulare sind in deutschen Behörden nur in deutscher Sprache verfügbar (imago )
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Kurz nach sechs im "Mindspace" an der Friedrichstraße in Berlin Mitte: Während in den Glasbüro-Waben des Co-Working-Space noch geschäftig verhandelt und gepitcht wird, sitzen andere schon in der Gemeinschaftslounge und nippen an ihrem Feierabend-Craftbier. Arbeitssprache in dem offenen Gemeinschaftsbüro: Englisch.

Auch Naveed Prasad sitzt noch in den sechs Quadratmetern, die er für sein Startup hier angemietet hat. Der gebürtige Inder regelt hier wie auch außerhalb der Startup-Welt alles auf Englisch.

"Du kannst hier zehn Minuten rumlaufen, du wirst kein Wort Deutsch hören, selbst wenn es Deutsche sind. Wir haben unser Unternehmen ja auch deswegen hier in Berlin gegründet – wegen dieser internationalen Umgebung. Auch weil wir hier genügend englischsprachige Mitarbeiter einstellen können."

Attraktiv für internationale Unternehmer

Umso mehr hat den indischen Unternehmer verwundert, wie schnell er mit der Weltsprache in der Weltmetropole an Grenzen stößt, sobald es um Behördliches geht.

"Ich wollte wissen, was die einzelnen Schritte sind, um hier in Deutschland ein Unternehmen zu gründen, was sind die Unterschiede zwischen UG und GmbH, was ist das Richtige für mich? Noch nicht mal das gibt es auf Englisch. Zwar gibt es dazu irgendwelche Blogs. Aber keine offiziellen, staatlichen Informationen, denen ich vertrauen kann."

Vor ein paar Monaten hat der 31-jährige IT-Experte mit einem indischen Geschäftspartner ein Unternehmen gegründet. Das will kleine Startups mit den großen Risikokapitalgebern zusammenbringen. Er war davon ausgegangen, dass er das ohne Hilfe von deutschen Muttersprachlern hinbekommt.

Formulare nur in der Amtssprache

"Aber die meisten Dokumente gibt es nur auf Deutsch und ich meine, es geht da um rechtliche Dinge, da ist jedes Wort entscheidend. Selbst wenn man ein bisschen Deutsch versteht ist man damit völlig aufgeschmissen."

Prasad hat nach ein paar Tagen aufgegeben, sein Unternehmen selbst anzumelden.

"Zum Glück habe ich hier deutsche Freunde, die selbst Gründer sind, die haben mir zumindest sagen können, wer mir weiter helfen kann, zum Beispiel ein Notar, der englisch spricht. Von da an hat es dann geklappt."

Henrik Vagt von der Berliner Industrie- und Handelskammer bekommt diese Beschwerden schon seit Jahren zu hören. Er hat für die IHK untersucht, was die Verwaltung auf Englisch anbietet und was nicht.

"Bei den staatlichen Stellen sind die Einstiegsseiten und einzelne Informationen zum Teil in Englisch, aber weitergehende Infos und vor allem die Formulare sind nur in deutscher Sprache verfügbar. Und dann haben sie natürlich das Problem, dass gerade in den Behörden die Möglichkeit, eine englischsprachige Beratung zu bekommen, nicht vorhanden ist."

Keine englischsprachige Beratung

Das sei einigermaßen peinlich, meint Vagt. Zumal Berlin sich ja so gerne mit seinem exzellenten "Gründer-Ökosystem", wie Vagt es nennt, brüstet. Und weltweit um Startups wirbt.

"Wir werben die an und wir brauchen sie auch. Wir wissen, dass über 40 Prozent von Gründungen in Berlin von Ausländern gemacht werden und bei uns in der IHK findet schon jede 5. Beratung auf Englisch statt. Das muss auch von der Verwaltung berücksichtig werden"

Christian Rickerts, Staatssekretär für Wirtschaft, lässt das so nicht gelten. Formulare könne man gar nicht auf Englisch anbieten, schließlich sei die Amtssprache auch in Berlin deutsch.

"Damit müssen wir letztendlich umgehen, so dass wir versuchen, unsere Angebote so auch zu organisieren, dass wir trotz der Amtssprache deutsch Unterstützung geben."

Rickerts verweist da – unter anderem – auf den so genannten "Einheitlichen Ansprechpartner": Ein Unternehmensservice des Senats. Hier könnten sich Gründer auch auf Englisch informieren und beraten lassen.

"Sie können dort Telefonisch oder per Mail Kollegen erreichen, die mit ihnen dann auf Englisch sprechen und Unterstützung anbieten. Ungefähr vier Prozent der Kontakte laufen da auf Englisch. Dass es dort Verständigungsprobleme gibt, ist nicht bekannt."

Doch sobald man auf der Seite des Einheitlichen Ansprechpartners auf das Online-Registrierungsportal klickt erscheint der Hinweis: "The application process willl be in German only. You are about to leave the translated English pages".

Herausforderung Behördendeutsch

Ana Mineva schickt noch schnell eine Mail ab. Dann hat sie Zeit für unser Gespräch. Vor sieben Monaten hat die IT-Ingenieurin in Berlin einen Online-Geschenkehandel gestartet. Sie ist auf der Seite des "Einheitlichen Ansprechpartners" nicht wirklich weiter gekommen.

"Ich wollte mein Gewerbe da online anmelden und online stundenlang alles mit Google-translate übersetzt, die Dokumente irgendwie ausgefüllt. Aber ich hatte dann Angst, Fehler zu machen, entscheidende Fehler. Am Ende zahlt man dann mehr für Bußgelder, als würde man es von einer Agentur erledigen lassen.

Schließlich hat die bulgarische IT-Unternehmerin eine solche Agentur beauftragt, die sich um die Gewerbeanmeldung gekümmert hat. Über 1000 Euro hat sie das gekostet.

Doch selbst wenn man die Formulare ausgefüllt hat, enden die Problem nicht, sagt der Unternehmer Naveed Prasad. Denn natürlich kommt jedes Schreiben der Verwaltung ebenfalls auf Deutsch.

Unternehmer sind auf sich allein gestellt

"Wir haben dann zum Beispiel das hier bekommen, es fängt ja schon damit an, dass ich das nicht aussprechen kann ‚Gewerbeanmeldung‘. Wir hatten keine Ahnung was das jetzt genau ist! Also es würde schon sehr, sehr helfen, wenn solche Schreiben für uns Ausländer auch mit einer Übersetzung kommen würden."

Doch davon ist Berlin weit entfernt. Am Ende gilt also auch für die Startupper aus aller Welt: Amtssprache lernen! Und die ist Deutsch.

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