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StartseiteEssay und DiskursStaub - Melancholie der Materie17.08.2014

AnalyseStaub - Melancholie der Materie

Staub ist der Teil der Materie, der unerwünscht ist. Er wird von Putzkolonnen und mit Staubtüchern energisch bekämpft. Er ist einerseits allgegenwärtig, andererseits ist kaum etwas so flüchtig wie Staub. Er kommt mit Stürmen von weit her, überdeckt Landschaften, Städte und kriecht in jede vermeintlich noch so dicht abgeschlossene Ritze.

Von Thomas Palzer

Eine Frau saugt mit einem Staubsauger den Fußboden eines Wohnzimmers. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Eine Frau saugt mit einem Staubsauger den Fußboden eines Wohnzimmers. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
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Staub ist die kleinste Einheit sichtbarer Materie, alles besteht aus Staub und wird wieder zu Staub zerfallen. Staub war und ist Gegenstand von Diskussionen, Symposien und Abhandlungen. "Staub ist nicht nur ein Gleichnis der Welt, sondern Staub gehört in philosophischer Sicht ja zu den sogenannten letzten Dingen, denn er ist ganz materiell der Rest, der vor den Prozessen der Auflösung von größeren Einheiten auch Zeugnis ablegt", sagt der Literaturwissenschaftler Daniel Gethmann.

Aus der Sicht des Universums ist unsere Erde ein Staubkorn, aus der Perspektive einer Staubmotte gestaltet sich ein für das menschliche Auge kaum sichtbares Staubkorn als ein nicht mehr ganz so kleiner Brocken. Alles eine Frage der Proportion.


Lesen Sie hier das komplette Manuskript des Beitrags:

Womöglich wird die unabweisbare Kontinuität, die zwischen den beiden Antipoden Körper und Geist besteht, vom Staub gewährleistet. Staub kann so fein sein, dass er praktisch über keine Ausdehnung mehr verfügt. Nach Descartes ist aber Ausdehnung das Kennzeichen von Materie: res extensa. Gegenüber dem Geist ist Materie die ausgedehnte Sache.

Nahezu ohne Ausdehnung, ist es der Staub, der unmerklich in das Lager des Geisteswechselt. Mitte der 30er Jahre fegen in den USA Stürme über die südlichen Great Plains hinweg und tragen den ausgetrockneten Boden davon. Binnen weniger Tage verwandeln sie die Prärielandschaft in eine trostlose Wüste. Reporter sprechen vom Dust Bowl, weil die betroffene Gegend einer Schüssel voller Staub ähnelt. Die Stürme machen eine Fläche so groß wie Deutschland unbewohnbar. 500.000 Menschen aus den Staaten Kansas, Oklahoma, Colorado und Texas verlieren Heimat und Unterhalt und ziehen Westward Ho.

Im Sommer 2012 erleben die USA die größte Hitzewelle seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Erinnerungen an die Dreißiger Jahre werden wach. Gemäß den Vorhersagen der Klimaforscher wird es Hitzewellen dieses Kalibers weltweit immer häufiger geben.

Die Zukunft ist heiß. Und staubig. Höchste Zeit, sich auf die Rückkehr des Staubs vorzubereiten. Staub ist überall, selbst dort, wo wir glauben, dass er nicht hinkommt. Etwa im wasserdicht verschraubten Gehäuse deiner Armbanduhr.

Täglich sammeln wir Staub, bei allem, was wir tun, egal, ob im Sitzen, Gehen oder Schlafen. Wenn wir uns einfach nur in einem Raum aufhalten, wenn wir durch eine Wiese streifen, eine Straße überqueren, uns von einem Aufzug befördern lassen oder auch nur in einem Buch lesen.

Und täglich versuchen wir, den Staub wieder loszuwerden: mit Lappen, Bürsten, Staubtüchern, Staubsaugern, Staubwedeln.

Die kleinsten Partikel, die als Staub bezeichnet werden, sind kaum sichtbar. Um die kapriziösen Bewegungen des Staubes zu erfassen, bedarf es der Architektur, denn sie ist es, die den Austausch zwischen innen und außen rahmt. Neulich die Meldung, dass sich Staub auf Deutschlands Klaviere lege. Der Verband Deutscher Instrumentenhändler ist tief beunruhigt!

Staub ist der Teil der Materie, der unerwünscht ist

Wie der Staub die Klaviere verstimmt, so untergräbt er in gewisser Weise die Stabilität des Raumes, wodurch die Sehnsucht nach einer vierten Dimension geweckt wird.

Von Putzkolonnen und Staubtüchern wird der Staub energisch bekämpft - ohne anhaltenden Erfolg. Kaum weggewischt, kehrt er zurück.

Seine Farbe ist grau, wobei Grau insofern keine wirklich erfrischende Qualität besitzt, als es das Schwarz des Todes antizipiert. Staub ist schon von seiner Farbe her ein dauerndes memento mori.

Staub ist der Teil der Materie, der unerwünscht ist. Und Wunschmaschinen gibt es sowohl für das Erwünschte wie für das Unerwünschte. Das alles vergeht, davon zeugt der allgegenwärtige Staub. Staub ist die Melancholie der Materie, Zeugnis der Vanitas. Aber natürlich wäre der Mensch nicht Mensch, würde er nicht versuchen, sich dieser Zumutung zu erwehren.

Erfunden wurde der Staubsauger 1901 in England. Davor gab es die Teppichkehrmaschine. Aber bereits im Jahr 1699 bekam der britische Erfinder James Edmund Heming ein Patent auf eine neue Maschine, mit der die Straßen Londons gefegt werden konnten. Sie bestand aus einem großen ringförmigen Besen, der an das Rad einer Pferdekutsche montiert wurde und ungeheure Staubwolken aufwirbelte. Der Prototyp der heutigen Kehrmaschine.

Die ersten Staubsauger mussten noch von zwei Personen bedient werden, in der Regel von der Hausfrau und einer ihrer Töchter. Der Staubsauger trug wesentlich zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse bei. Tonnenweise wurde keimverseuchter Staub von Theatersitzen und Fußböden in öffentlichen und privaten Gebäuden abgesaugt. Zur Krönung Eduards VII. im Jahr 1901 sollte der riesige blaue Teppich in der Westminster Abbey gesaugt werden. Die Putzkolonne des Gebäudes staunte nicht schlecht über die Mengen an Schmutz und Staub, die dabei zum Vorschein kamen.

"Deshalb ist Staub auch deshalb interessant, weil er sozusagen als Gast - als Gast der Wohnung, als Gast des Labors, als Gast der Umwelt dort aus unserer Sicht ein Element der Störung, ein Element des Rauschens erzeugt, das selbst wiederum Grundlage von Erkenntnissen, und zwar sehr interessanten Erkenntnissen sein kann."

Daniel Gethmann arbeitet am Zentrum für Kulturwissenschaften in Graz, wo er im Mai 2011 ein Symposion zum Thema Staub veranstaltete.

"Also das ist eindeutig festzustellen, dass genau diese Aufmerksamkeit, die dem Staub gewidmet wird, in dem er sozusagen Zeichen von etwas ist, dessen Emissionen er bezeugt und andererseits eben auch Grundlage ist von Inskriptionen, die als Spuren im Staub sichtbar werden, dass die Aufmerksamkeit, die diesen beiden zeichenproduzierenden Elementen gilt, dass die immer mehr zunimmt."

Paracelsus bezeichnet den Staub als "Schmutz der Erde"

So suspekt das sein mag: Im Hinblick auf eine ontologische Rangfolge müsste sich der Staub mit der niedrigsten Stufe begnügen. Als "Limus terrae" – "Schmutz der Erde", bezeichnet ihn der Arzt, Philosoph und Magier Paracelsus.

Staub besitzt im wörtlichen Sinn das unterste Niveau und eignet sich bestens, um alles Kreatürliche zu demütigen und daran zu erinnern,dass es sich nicht selbst geschaffen hat, sondern geschaffen worden ist.

Im Buch Prediger des Alten Testaments steht: "Vom Staub sind Mensch und Tier genommen, zum Staub kehren sie wieder zurück."

Alles Stoffliche beginnt mit Staub und endet mit Staub. Staub ist staubgrau und eine Folge der Entropie, d. h. der Neigung von allem, was existiert, sich im gesamten Kosmos zu verteilen.

Glas birst zu Scherben und Scherben zu Splittern, und aus Splittern wird Schutt und aus Schutt Staub und aus Staub noch mehr Staub und immer so weiter.

Staub ist der sinnentleerte Rest von allem. Ein Pullover flust, aber eine Fluse pullovert nicht. Mit anderen Worten: Die Entropie hat eine unumkehrbare Richtung. So wie der Zeitpfeil. Am Ende erwartet uns immer - Staub. Er ist für die Materie der unhintergehbare Horizont.

Trotz seinem zweifelhaften ontologischen Status eignet sich Staub wie kaum etwas anderes zur philosophischen Betrachtung. Nahezu automatisch bringt sich das Staubkorn als das Kleinste und Unwürdigste mit dem Größten und Erhabensten in Verbindung. Mit anderen Worten:

Wo Staub ist, kann Gott nicht weit sein.

Staub kommt aus einer Welt, die im toten Winkel unserer sinnlichen wie geistigen Wahrnehmung liegt

Weil Staub überall ist, legt er Zeugnis ab von der kosmischen Ordnung. In ihm spiegelt sich das Sein, so wie Sein als Ganzes seinerseits nicht größer als ein einzelnes Staubkorn sein mag. Staub bildet die Schnittmenge anthropologischer und philosophischer Erkenntnis.

Wie in einem magischen Korridor gilt für den universalen Staub, dass alles in allem ist - er in der Welt, die Welt in ihm.

Ständig regnet auf die Erde kosmischer Staub herunter, etwa 10 bis 40 Tausend Tonnen im Jahr, und während man gerade das Bücherregal abstaubt oder den Bildschirm, der den Staub trotz aller antistatischen Tücher zum Trotz magisch anzieht, drängt sich einem die Frage auf: Wo kommt das ganze Zeug bloß her?

Beim Bart des Propheten: Selbst der Schweif eines Kometen besteht aus Staub - aus Staub und ionisiertem Gas.

Es gibt Situationen, in denen fühlt man sich so klein und unwichtig wie ein Staubkorn in einem Meer von Staubkörnchen, umgeben von Millionen Zufällen und ausgesetzt unsichtbaren Kraftfeldern, die zusammengenommen die Welt ausmachen, das Leben, den Kosmos oder das Schicksal.

Um den Staub im naturwissenschaftlichen wie intellektuellen Sinn einer angemessenen Betrachtung unterziehen zu können, müssen wir den Maßstab ändern, unter dem wir für gewöhnlich Betrachtungen vornehmen. Für Staub ist der Mensch gerade nicht das Maß aller Dinge.

Staub kommt aus einer Welt, die im toten Winkel unserer sinnlichen wie geistigen Wahrnehmung liegt.

Staub sind die Teilchen, die für das menschliche Auge eben noch sichtbar sind - zumindest, wenn sie im Sonnenlicht tanzen. Wenn wir Staub sehen, sehen wir gewissermaßen in ein Paralleluniversum, das sich in unserem versteckt.

"Zum einen bekämpfen wir den Staub, weil sich am Staub ein gewisser Wandel vollzogen hat. Er war zunächst das Maß für die geringste Größenangabe, ein kleinster bekannter Partikel für die menschliche Vorstellungskraft, und daraus wird im 20. Jahrhundert sozusagen bewohnte Materie, eine Heimstätte von Staubmilben, Populationen als Ursache von Hausstauballergien etc. etc."

Alles ist eine Frage der Proportion

Dass Ideen oder Konzepte verstaubt sind, merken wir oft genug erst, wenn die nächste Generation im Straßenbild erscheint und von ganz anderen Ideen schwärmt. Auch intellektuell verstanden, kommt der Staub also aus einer anderen Welt - nämlich aus jener Vergangenheit, wo das Gestern noch heute war.

Für eine Eintagsfliege ist der Gärtner, den sie im Garten umschwirrt, unsterblich. Aus der Sicht der Sonne wachsen und schrumpfen die Gebirge auf der Erde unentwegt. Sie bewegen sich, sie leben. Aus Sicht des unserer Milchstraße benachbarten Andromedanebels, der eines fernen Tages mit unserem Spiralnebel kollidieren wird, ist unser Sonnensystem nicht mehr als ein Stäubchen auf dem Revers.

Wir leben nicht nur in einem Zeitfenster, das unsere Sicht auf die Welt einer Eintagsfliege, eines Gebirges, unseres Sonnensystems oder die der Milchstraße so einengt, dass wir diese nicht wahrnehmen können. Gegenüber dem Alter unseres Sonnensystems mit 4,6 Milliarden Jahren besitzt ein interstellares Staubteilchen etwa die Lebensdauer von ungefähr 10.000 Jahren. Die Sonne als Gravitationszentrum wirkt im solaren Planetensystem wie ein Staubsauger.

Weder das Universum, noch unsere Sonne vermag wahrzunehmen, dass es die Menschheit einmal gegeben hat. Zu kurz ist für deren Zeitmaß die Dauer unserer Existenz - selbst wenn wir sämtlicher Vorfahren miteinbeziehen.

Ein solarer Lidschlag, mehr nicht.

Wir leben nicht nur in einem Zeitfenster, darüber hinaus leben wir auch in einem Raumfenster. In einem Raumfenster zu leben bedeutet, dass wir in einer ziemlich anderen Welt leben als die Lebensformen, die anders skalierte Räume bewohnen, etwa einen Raum, wie ihn Jonathan Swift in Gullivers Reisen für die Liliputaner erdacht hat.

Alles ist eine Frage der Proportion.

Unserer Welt entspricht der Meter, der Welt des Staubes entspricht der Mikrometer, das ist ein Millionstel Meter. 0,000001 Meter. Der Punkt am Ende dieses Satzes wäre zu groß, um noch als Staub durchzugehen.

Die Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance gibt uns das Gefühl, dass wir wie durch ein Fenster oder Schlüsselloch in die Welt blicken. Wir blicken aus unseren Augen - aus unserem Haus, unserem Leib, aus dem Gehäuse, in dem wir uns befinden - in den Raum, als stünden wir außerhalb.

Wir glauben, dass wir uns steuern wie der Kapitän im Cockpit das Flugzeug.

In unserer ausgedehnten, metrischen Welt ist die dominierende Kraft die Schwerkraft. Masse und Gewicht spielen gegenüber Oberfläche und Gestalt die wichtigere Rolle. Die Schwerkraft ist die Kraft, die ständig und überall und am eindringlichsten auf uns wirkt. Eben, weil wir über Masse verfügen. Darum haben wir ein Skelett. Darum fallen wir zu Boden, wenn wir nicht aufpassen.

Anders im Kleinen und ganz Kleinen. Insekten besitzen kein Skelett. Sie haben eine Art Tragschale. Für ein Lebewesen, dessen Oberfläche sehr groß ist im Verhältnis zu seiner Masse, ist eine Tragschale sinnvoller. Die Oberfläche braucht gegenüber dem Wind oder der Strömung eine gewisse Verformungssteifheit, eine Art Haut oder Panzer.

"Bunter Staub klingt ein bisschen wie bunte Schatten, die es ja angeblich auch geben soll"

Staub fällt nicht zu Boden wie wir, sondern er segelt. Er segelt durch die Luft.

Der Kulturwissenschaftler Daniel Gethmann aus Graz:

"Bereits in der Antike gewinnen Philosophen wie Demokrit oder Leukipp ihre atomistische Weltsicht und damit auch ihren grundlegenden Begriff des Atoms als kleinste Einheit aus der Anschauung des Staubs im leeren Raum. Das heißt, sie leiten aus dem Spiel des Staubs im Licht auch schon ihre Auffassung von der Materie ab, und zwar von einer Materie, die sich in konstanter Bewegung befindet. Und diese Anschauung der Materie in konstanter Bewegung bildet einen Kern jeder atomistischen Weltsicht."

Das Zerkleinern eines Körpers in kleine und kleinste Partikel ist nicht nur ein mechanischer Vorgang wie beim Mahlen oder ein chemischer wie beim Verbrennen, sondern er ist auch ein Vorgang, bei dem sich die Eigenschaften der Substanz verändern. Im nanoskaligen Bereich werden die Eigenschaften des Stoffes modifiziert, unter anderem weil Quanteneffekte ins Spiel kommen, die in anderen Größenordnungen nicht existieren. Quantität schlägt um in Qualität.

Was in der metrischen Welt glatt aussieht und sich auch glatt anfühlt, wenn man mit dem Daumen darüberstreicht, kann sich in der Welt der Mikro- und Nanometer als zerklüftet und ausgefranst wie eine Küste im metrischen Kosmos erweisen.

Wir denken an das Apfelmännchen. Wegen der Form nennt man eine bestimmte Mandelbrotmenge so. Eine Mandelbrotmenge ist eine Menge, die sich auf jeder Ebene exakt wiederholt. Sie ist sich in jedem Maßstab selbst ähnlich. Aber nur der mathematischen Form nach.

Metallpartikel verlieren, wenn sie sehr klein sind, charakteristische Eigenschaften wie den metallischen Glanz oder die elektrische Leitfähigkeit. Der englische Naturwissenschaftler Michael Faraday erkannte, dass räumliche Anordnung und die Verteilung der Form dabei eine Rolle spielen, d. h. die Art und Weise, wie ein Stoff mit seiner Umgebung zu kommunizieren vermag.

In der Welt der Insekten und Stäube muss sich die Schwerkraft, die unsere Welt beherrscht, den Oberflächenkräften unterordnen, in unserer ist es umgekehrt: Oberflächenkräfte wie Wind oder Strömung fallen gegenüber der Schwerkraft kaum ins Gewicht.

Wenn Schmetterlingsflügel, trocken geworden zerfallen, ist das, was übrigbleibt, bunter Staub. Meinte Schmetterlingsfan Ernst Jünger.

"Bunter Staub klingt ein bisschen wie bunte Schatten, die es ja angeblich auch geben soll."

Wenn die Zeit durch ein Loch im Schatten flieht, rieselt der Raum durch das Loch zwischen zwei Stäubchen. Fliegen können an der Wand laufen und der Luftwiderstand lässt sie weich zu Boden fallen, wenn sie den Halt verlieren.

Die Oberflächenspannung des Wassers macht es möglich, dass bestimmte Insektenarten auf ihr wie auf einer Membran spazieren können. In der Insektenwelt spielt die Beschaffenheit der Oberfläche eine enorme Rolle.

Und so auch in der Welt des Staubes. Er segelt, und er bleibt auch in der Senkrechten oder sogar an der Decke haften, etwa der Unterseite eines Lampenschirms.

Die Welt, in der wir leben, gleicht einer russischen Puppe

"Staub ist weitaus transportabler, als wir uns das vielleicht landläufig so vorstellen. Es gibt Untersuchungen, die nachgewiesen haben in jüngerer Zeit, dass Staub aus einer Senke im nördlichen Tschad - aus der Bodélé-Senke, in der am meisten Staub auch sozusagen produziert wird - mit hohen Windgeschwindigkeiten, dass dieser sehr weiße Bodélé-Staub bis in die Karibik geweht wird, und zwar in der oberen Troposphäre, also zwischen zwei und zehn Kilometern Höhe, benötigt er dafür etwa zehn Tage, um diesen Staub-Drift durchzuführen."

Hausstaub ist ein ungenießbares und giftiges Gemisch, das sich in unseren vier Wänden verteilt, bestehend aus Milben und anderem Spinnengetier, aus Schimmelpilzen samt Sporen, aus Bakterien und Bazillen, Viren und Hautschuppen, Haaren, Insektiziden und Pestiziden, aus einer Prise Blei und einem Quäntchen Quecksilber, aus Schwermetallen, polychlorierten Biphenylen und polyzyklischen Aromaten.

In der globalen Produktionsschlacht sitzen chinesische Arbeiter in Guangdong oft zwölf Stunden an Schleifmaschinen und bearbeiten Halbedelsteine. Viele von ihnen bekommen wegen mangelnder Staubschutzmaßnahmen Silikose, eine Atemwegserkrankung, von der auch Bergleute und Arbeiter in Steinbrüchen betroffen sind. Sie wird von quarzhaltigem Staub ausgelöst. Die Krankheit ist unheilbar und lässt sich bestenfalls verzögern.

Die Welten des Kleinen und des Großen bilden Schnittmengen - nämlich dort, wo wir den Kampf gegen den Staub aufnehmen - und gleichzeitig existieren sie nebeneinander. Wir können nicht in der Welt der Staubes leben - wir können diese Mikrowelt größtenteils noch nicht einmal sehen -, aber der Staub existiert in unserer Welt, und nicht nur das: Er ist aus ihr nicht vollständig zu entfernen. Er kehrt immer wieder. Er ist überall.

In der ehrwürdigen Ontologie, der Wissenschaft von der Gesamtheit der Dinge, nimmt Staub eine Sonderrolle ein. Staub sitzt an den Grenzen des Dings und macht sie unscharf, vage, so dass er letztlich die Solidarität der Dinge verbürgt. Staub führt von einem Ding zum anderen.

Einer in den 1970er Jahren entwickelten Theorie zufolge ist es Kometenstaub gewesen, der dank seiner organischen Verbindungen das Leben aus dem All auf die Erde getragen hat. Manche glauben sogar, das Leben sei vom Mars mittels eines staubigen Asteroiden auf die Erde transportiert worden. Panspermielehre nennt man das passenderweise.

Die Welt, in der wir leben, gleicht einer russischen Puppe - immer neue Welten entfalten sich bei einer Reise durch ihre Dimensionen - vom String bis zum Universum, so wie wir es uns vorstellen. Und überall ist Staub. Staub ist es, der die Welt im Innersten zusammenhält.

Nachdem wir die makroskopische Welt mit Google Earth und Navigationsgeräten, mit Brücken und Tunneln, mit Treppen, Straßen, Ampeln und Steinwegen, mit Satelliten und Raumfähren endgültig erobert haben, dringen wir in die nächstgelegene Welt, nämlich in die des Mikrokosmos vor.

Nichts zieht Staub so an wie Staub

Lassen wir noch einmal den Literaturwissenschaftler Daniel Gethmann zu Wort kommen:

"Der Staub ordnet sich nach den Worten von Lichtenberg an bestimmten Stellen zu Sternchen sozusagen, zu ganzen Planeten in der Form von Milchstraßen und größeren Sonnen, wie er einmal schrieb, und deshalb ist der Kosmos im Staub bei Lichtenberg, hier eigentlich ein Kosmos der Elektrizität, wo es mithilfe dieser Lichtenberg-Figuren dann auch gelingt, dieses Phänomen, also die Elektrizität, sowohl zu erkennen, zu analysieren, und auch nachzuweisen."

Seit der Erfindung des Rastertunnelmikroskops in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sogar in die Welt der Atome. Das Rastertunnelmikroskop ermöglicht die Kartierung und Analyse von Nanopartikeln. Ein Nanometer ist der Milliardste Teil eines Meters.

0,000000001 Meter. In den Punkt am Ende dieses Satzes passte unser maßstabsgerecht verkleinertes Planetensystem bis einschließlich des Jupiters.

Der Fortschritt der Gegenwart erzielt seine größten Erfolge genau in diesem eigenartig winzigen Kosmos. Gentechnik, Nanotechnologie und Mikroelektronik erobern jene Welt, in der der Staub beheimatet ist.

Man spricht von smart dust, von intelligentem, nanotechnisch präpariertem Feinstaub. Der wirkliche Staub tritt damit in Konkurrenz zu genau diesen Techniken, stört sie, macht sie unbrauchbar, zerstört sie. Wer winzige Bauelemente herstellt, muss aufpassen, dass der Staub ihm sein Werk nicht ruiniert.

Es hat den Anschein, dass unsere Kultur den Staub, den sie von allen vorangegangenen Kulturen am wenigsten brauchen kann, am stärksten anzieht. Staub nimmt ebenso zu wie die Strategien zu seiner Vermeidung. Computer und Bildschirme; all die anderen technischen Geräte, die Wärme an ihre Umgebung abgeben; die glatten Oberflächen aus Metall, Aluminium und Glas - alles die reinsten Staubfänger.

Nichts zieht Staub so an wie Staub.

Früher sammelte man den Staub von den Altären, weil man ihm besonders dämonische Kräfte zusprach. Zusammen mit einem Glas Wasser wurde er Frauen verabreicht, die der Untreue verdächtigt werden. Die alten Griechen bedeckten im Gymnasium den Bereich, der dem Ringen vorbehalten war - das Konsisterion - mit Staubsand, um den eingeölten Körpern eine weichere Unterlage zu bieten und gleichzeitig der Haut die Glätte zu nehmen und den Ringern einen festen Griff zu ermöglichen.

In der Antike verordneten Ärzte Stäube als Medizin, und so suchte man, die feinsten Stäube zu beschaffen, etwa aus Ägypten.

Staub als Bibliothek der Natur und Gesellschaft

In der Wüste Nevadas, einer der unwirtlichsten Gegenden Amerikas, verbrennen die Einwohner von Black Rock City jedes Jahr eine turmhohe Puppe aus Holz. Viele von ihnen sind kostümiert, andere nackt. Im heißen Atem der Flammen kommt es zu Gelöbnissen, Tränen, spontanen Kopulationen. Doch nicht nur das macht die Ereignisse um den Burning Man so bemerkenswert. Black Rock City ist eine temporäre Stadt in der Wüste, die allein zu Ehren der Puppe entsteht und nach ihrer Verbrennung verschwindet wie eine Fata Morgana.

Grautöne bis zum Horizont und überall nichts als Staub. So präsentiert sich  der erdnächste Trabant, der Mond - eine Staubwüste, jedenfalls auf den ersten Blick. Doch mittlerweile geht man davon aus, dass die Oberfläche zu weiten Teilen mit einer dünnen Schicht von Wassermolekülen und Hydroxyl-Radikalen bedeckt ist, die ihrerseits aus einem Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom bestehen. Auf dem Mond vermischt sich also Wasser mit Staub.

Staub ist nicht immer die Materie gewesen, die nicht gewollt wird. Man stellte bestimmte Stäube durch Mahlen und Verbrennen sogar extra her.

Heute besitzt Staub ein eher negatives Image: Er ist Träger und Überträger von Krankheitserregern und wirkt in der Mikroelektronik wie Sand im Getriebe. Staub stellt sich unserer Eroberung des Mikrokosmos hartnäckig in den Weg.

Es soll ja Menschen geben, die Putzen glücklich macht.

Staub ist die unvermeidliche Spur des Lebens. Staub ist nötig, damit sich in der Atmosphäre Wolken, Eis und Regen bilden können. Staub gibt dem Himmel seine Farbe.

Der Scirocco bringt den Staub aus der Sahara an die Mittelmeerküste - und zusammen mit den Passatwinden bringt er den Wüstenstaub in den Rest der Welt. Er reichert die Ozeane mit Eisen an und beliefert das Ökosystem des Amazonas mit Phosphat. Blütenstaub wiederum ist notwendig, damit sich die Pflanzenwelt regenerieren kann. Aus dem Sternenstaub wiederum haben sich die Planeten und alles Leben und letztlich auch wir gebildet.

Der Staub verrät seine Herkunft. Staub ist eine Bibliothek der Natur und Gesellschaft. Er ist ein Archiv.

"Es ist ja unglaublich, wie viel Staub sich auf den Möbeln ansammelt. Buenos Aires mag eine saubere Stadt sein, doch das nur dank ihrer Einwohner und nicht ihres Namens wegen. Zuviel Schmutz in der 'guten Luft', und kaum weht ein Lüftchen, schon legt sich der Staub auf den Marmor der Konsolen und zwischen die Kreuzstickereien der Tischdecken und man hat ihn an den Fingerkuppen; es macht viel Arbeit, ihn mit dem Staubwedel wegzukriegen, er fliegt auf, bleibt eine Weile in der Luft und legt sich dann von neuem auf Möbel und Klaviere", schrieb Julio Cortázar.

Halten wir fest: Staub ist nichts anderes als die Spur aus einem anderen Bezirk des Seins, aus einer anderen Welt - eine Spur aus dem ganz Kleinen, wenn es sich um Blütenstaub handelt oder um Staub aus der Sahara, oder eine Spur aus dem ganz Großen, wenn es sich um Sternenstaub dreht, um Kometenstaub oder um den Staub im interstellaren Raum zwischen den Galaxien.

Für den römischen Dichter Horaz sind wir nichts weiter als Staub und Schatten. Der Staub bezeugt die Melancholie, die die Materie im Anbetracht ihrer Vergänglichkeit erfasst.

Manuskripte zur Sendung zum Download:

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