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StartseiteBüchermarktBegehren an der Heimatfront01.07.2019

André de Richaud: „Der Schmerz“Begehren an der Heimatfront

Wie wirkt sich ein Krieg fernab der Front aus, wo Väter fehlen und Arbeitskräfte für Acker und Feld? Der französische Schriftsteller André de Richaud erzählt davon in seinem Debütroman. Fast 90 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Frankreich liegt das Buch auch auf Deutsch vor.

Von Paul Brodowsky

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Der Schmerz" von André de Richaud. (Buchcover: Dörlemann Verlag)
Bereits 1930 erschien der Roman in Frankreich und soll Albert Camus nach eigener Aussage dazu inspiriert haben, Schriftsteller zu werden: "Der Schmerz" von André de Richaud (Buchcover: Dörlemann Verlag)
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Thérèse Delombre zieht im Sommer 1914 mit ihrem achtjährigen Sohn in ein Dorf in der Provence, um dort auf das Ende des Ersten Weltkriegs und die Rückkehr ihres an die Front eingezogenen Mannes zu warten. Aber schon nach wenigen Monaten fällt der Offizier. Nach einer Zeit der Trauer leidet Thérèse zunehmend an ungestilltem körperlichen Begehren, sie hat ausschweifende sexuelle Fantasien, die sie als Witwe in dem sittenstrengen Provinzdorf nicht einmal in Ansätzen ausleben kann. Als eine Art Ersatzhandlung richtet die Mutter ihre Existenz ganz auf ihren empfindsamen Sohn aus. Der stille Junge fügt sich zunächst in die Rolle des emotionellen Ersatzpartners. Diese etwas zu enge Bindung zwischen Mutter und Sohn erfährt erste Risse, als seine Mutter den inzwischen zehnjährigen Jungen eher zufällig auf dem Dachboden mit einer Freundin überrascht. Die beiden Kinder untersuchen in vorpubertärer Neugier wechselseitig intime Körperzonen. Die Mutter ohrfeigt das Mädchen und schimpft heftig mit dem Jungen, um sich dann ganz den Tränen und der Angst zu überlassen, ihren Sohn schon bald an andere Frauen zu verlieren.

"In der folgenden Nacht hatte sie einen grauenvollen Traum, und als sie die Augen aufschlug, war sie kraftlos und leer wie nach einer Liebesnacht. Es war ein Traum, der alle Begierden in ihr weckte, die sie glaubte erstickt zu haben. Die verführerischen Bilder, gegen die sie am Tag ankämpfte, hatten sie auf dem leichten Weg des Schlafs übermannt; ein Traum der sie einsam in den Laken zurückließ wie eine nackte, gestrandete Leiche nach einem Sturm. Unter ihren Liedern wollte er sich fortsetzen, erfüllte sie zugleich mit Lust und Schmerz."

Heimliche Affäre mit dem Feind

Als kurz darauf drei Kriegsgefangene in das provenzalische Dorf gelangen, um den Bauern der Gegend landwirtschaftliche Hilfsdienste zu leisten, beginnt Thérèse eine heimliche Affäre mit einem der Deutschen. Ihr Sohn wird Zeuge der Annährung der beiden, ohne dass er einordnen kann, warum seine Mutter die Nähe zu dem "boche", dem Deutschen, sucht. In seine anerzogene Ablehnung gegenüber den Landesfeinden mischt sich Eifersucht um die Aufmerksamkeit und Liebe der Mutter. Als der Junge nach und nach durchschaut, warum seine Mutter sich jeden Abend mit dem Gefangenen trifft, kippt seine Eifersucht in Verachtung um. Ungefähr zeitgleich beginnt er Katechismusunterricht zu erhalten und wird schließlich das erste Mal zur Beichte zugelassen. Dort erzählt er dem Pfarrer in einer Art Übersprungshandlung von einem abendlichen Treffen der Mutter mit dem Deutschen. Wenig später weiß das ganze Dorf von der Beziehung der beiden, woraufhin der Soldat die Affäre schroff beendet, auch in Erwartung seiner nahenden Rückkehr in die Heimat. Der verlassenen Frau schlägt der offene Hass der Dorfgemeinschaft entgegen. Zudem entdeckt sie, dass sie schwanger ist.

Hang zu Kitsch und Pathos

André de Richaud erzählt in "Der Schmerz" von der Rückseite des Krieges, von den Verwerfungen an der Heimatfront – für sich genommen ein durchaus interessantes Setting. Was von der Handlung her wie eine knisternde Begleitlektüre für die Sommerreise anmuten mag, entpuppt sich dann leider als halbseidener Roman, der auf unangenehme Weise aus der Zeit gefallen ist. Denn stilistisch ist das Buch eher zweitklassig. Im Nachwort der Übersetzerin Sophie Nieder erfährt man, dass der Text 1930 publiziert wurde, ohne dass an dem Originalmanuskript des Autors auch nur ein Komma geändert worden sei. Genau dieses fehlende Lektorat ist dem Text an zahlreichen Stellen anzumerken. Vor allem irritiert, dass der allwissende Erzähler dramaturgisch eher willkürlich aus Sicht des ödipal gekränkten Jungen, der begehrenden Witwe und in einer längeren Passage sogar aus der des lüsternen Kriegsgefangenen erzählt, nicht ohne hin und wieder vom Geschehen distanzierte Kommentare abzugeben. Dadurch bleibt lange unklar, wessen Geschichte hier eigentlich erzählt wird. Auch wenn man am Ende das Gefühl nicht loswerden kann, es handle sich bei dem Text um eine Art Abrechnung mit der Mutterfigur. De Richauds Debütroman ist zwar kein explizit autobiografischer Text, dennoch teilt der Autor viele Rahmendaten mit der Figur des Jungen.

Unangenehm ist auch der Hang des Buches zu Kitsch und Pathos. Dem Autor gelingen zwischendurch mitunter impressionistisch-feinsinnige Sprachbilder für innere Gefühlswelten. Dann aber gleitet die Sprache immer wieder ab in Überzeichnungen und Klischees.

"Über der Mauer schäumte der dichte, herb riechende Hopfen. Eine Nachtigall sang […]. Nur das Leuchten der Sprengstofffabrik erinnerte an den Krieg, aber war das nicht das gleiche Licht, das die großen Industriestädte Norddeutschlands verströmten? Das Gras unter ihren Beinen war so weich wie das Gras ihrer Kindheit. Bald ging in der Landschaft eine stumme Revolution vonstatten. Auf jedem feuchten Blatt glänzte ein Lichtstrahl. Die Frösche auf dem Grund der Teiche sangen lauter und auf dem Gipfel des Luberon erschien, angeführt von Fledermäusen, der Mond."

Wurzelpilz der Misogynie

De Richaud verlegt hier offensichtlich die Industriestädte des Ruhrgebiets nach Norddeutschland – eine Nachlässigkeit, die man dem französischen Autor verzeihen kann. Dass er aber beim ersten Kontakt der Liebenden eine Nachtigall singen lässt, zeigt, wie sehr der Autor zu Kitsch neigt. Die Nachtigall als Chiffre für die sich anbahnende Liebe ist schon für sich ein arg abgenutztes Bild. Hinzu kommt, dass der Vogel zu einer unmöglichen Jahreszeit singt – die Szene spielt im September –, was den Autor aber nicht davon abhält, den bedeutsamen Moment mit diesem überstarken Zeichen zu untermalen.

Vor allem aber irritiert das aus heutiger Sicht befremdliche Frauenbild, das in dem Buch an etlichen Stellen zutage tritt. In dem ersten Drittel des Buches wird uns das Begehren der jungen Witwe teils plastisch und auch einfühlsam vermittelt – darin ist der Text durchaus modern. Aber der immer wieder kommentierend eingreifende Erzähler gibt sie stellenweise offen der Lächerlichkeit preis.

"Ihre Gedanken wurden von romanhafter Sprache geleitet, wie das bei vielen beschränkten Frauen der Fall ist: 'Dein Mann ist gefallen, um das Vaterland zu verteidigen … und du …' Da ihr Verstand jedoch kaum zur Abstraktion fähig war, ging sie sofort zur Frage über: 'Was würden die Leute sagen, wenn sie etwas davon wüssten?'"

Diese unverhohlene Frauenverachtung macht die Lektüre schwer erträglich. Nachdem ihr Geliebter sie verlassen hat, scheint die gerade einmal vierzigjährige Frau in den Augen des Jungen "hässlich und alt". Auch zu dem Suizid, zu dem sie sich angesichts ihrer schrecklichen Lage entschlossen hat, ist sie letztlich zu schwach. In einem nicht anders als melodramatisch zu bezeichnenden Finale lässt der Roman der Frau dann – dieser verdrehten Logik folgend – dennoch ihre angemessene Strafe zuteilwerden. Diese misogyne Grundhaltung, die sich wie ein Wurzelpilz durch die Handlung, die gewählten Erzählperspektiven und vor allem die Figurencharakterisierungen zieht, lässt den Text für heutige Leser ziemlich entbehrlich erscheinen.

André de Richaud: "Der Schmerz"
Aus dem Französischen von Sophie Nieder, Dörlemann Verlag, Zürich, 220 Seiten, 20 Euro

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