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StartseiteBüchermarktDie Omertà der BRD25.07.2019

Andreas Maier: "Die Familie"Die Omertà der BRD

Andreas Maiers neuer Roman ist Teil seines nun auf sieben Bände angewachsenen Projekts "Ortsumgehungen". Hier erforscht der Autor verschiedene Milieus der Bundesrepublik. Anhand einer Familie, die sich schuldig gemacht und zum Schweigen entschlossen hat, werden die gesellschaftlichen Konflikte der 1970er Jahre lebendig.

Von Martin Krumbholz

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Buchcover: Andreas Maier: „Die Familie“ (Foto: picture-alliance/dpa/Thomas Maier, Buchcover: Suhrkamp Verlag)
Andreas Maier und sein neuer Roman "Die Familie" (Foto: picture-alliance/dpa/Thomas Maier, Buchcover: Suhrkamp Verlag)
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Die Familie, sagt man, sei die Keimzelle der Gesellschaft. Wenn das zutrifft, bietet jede Familienchronik auch einen Spiegel der Gesellschaft, in der sie spielt. Bei Andreas Maier handelt es sich um eine Steinmetzdynastie im hessischen Friedberg, lange dort ansässig, es ist Maiers eigene Familie. Der Autor nennt seinen Werkzyklus "Ortsumgehungen". Das Zimmer, das Haus, die Straße, der Ort – und nun also die Familie, da darf man gespannt sein, denn vor Maiers entlarvendem Humor ist nichts sicher, da wird jedes Steinchen und jeder Grabstein – Steinmetze arbeiten ja nicht zuletzt an Grabsteinen – mehrfach umgedreht. Im Zentrum der Handlung und mitten auf dem familieneigenen Grundstück steht eine alte Mühle, vermeintlich denkmalgeschützt; der Vater lässt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abreißen, dabei ist der Mann Jurist, er sollte also wissen, was er tut.

Autofiktion und Shakespeare

Trotz der Anklänge an die eigene Biografie geht Maier vorsichtig um mit dem Begriff der Autofiktion. Der Autor ist nicht mit dem Ich-Erzähler identisch, dieser aber auch nicht mit dem 13-jährigen Knirps, der die Vorgänge beobachtet, ohne sie wirklich zu verstehen. Vieles sei erfunden, sagt Maier, das Meiste zugespitzt, und überhaupt gehe es nicht um konkrete Personen und deren Lebenslügen, sondern um die Nachkriegsgesellschaft – wir befinden uns etwa im Jahr 1980 – und deren gemeinschaftliche Lügen:

"Für mich ist es so, dass ich gerne Sachen, die ich selbst erlebt habe, benutze, um nicht zu viel fiktionalisieren zu müssen. Aber mein Umgang mit Personen um mich herum und mit mir selbst ist etwa so wie der von Shakespeare in seinem Werk. Da geht es bei einzelnen Figuren nicht um historische Wahrhaftigkeit, sondern Shakespeare benutzt diese Figuren, um einen Text zu machen, der vor den Zuschauern eine Ideenklaviatur entwickelt, die der Zuschauer benutzen kann. Natürlich versuche ich eine Aura zu erzeugen, Figuren groß zu machen, pathetische Effekte zu erzielen."

Die pathetischen Effekte, von denen Maier spricht, bestehen in der Zuspitzung des Konflikts: Hier die Familie mit ihren wirtschaftlichen Interessen, dort eine missgünstige Außenwelt, die auf Fehler lauert:

"Die große Firma, der einstmalige Arbeitgeber, die bedeutendste Familie am Usa-Ufer, das gewaltige Gelände, und nun war aus den früheren Arbeitgebern eine Erbengemeinschaft geworden, die sich die "Vergangenheit" vergolden lassen wollte. Man konnte die Erben vor Gericht bei dem Versuch scheitern sehen, ans große Geld zu kommen. Mehr noch, sie sollten für den Versuch bezahlen. Vielleicht bekamen sie sogar die Existenz ruiniert!"

Das Familiengrundstück gehörte jüdischen Mitbürgern

Vielleicht, aber das ist noch lange nicht sicher. Denn mögen die Argumentationsmuster auch bizarr sein, man ist geschickt darin, Anschuldigungen abzuschmettern und im Gegenteil andere ins Unrecht zu setzen. Macht der Vater sich tatsächlich im juristischen Sinn schuldig? Das bleibt zunächst offen:

"Lange Zeit habe ich das Mühlengeschehen und den Streit um das Firmengrundstück für das zentrale Motiv unserer wie unter einem Destruktionsgebot stehenden Familie angesehen. Das Schweigen des Clans nach außen. Das nach innen alles zersetzte. Das Gesetz der omertà. Nun aber beginne ich erst zu begreifen. Ich muss noch einmal neu anfangen. Ganz von vorn."

Ganz von vorn beginnen heißt: den Ernst der Lage erkennen. Es geht nämlich nicht nur um eine baufällige Mühle, die man zu Recht oder zu Unrecht abgerissen hat, sondern um die Wurzeln des Familienbesitzes. Es wird sich herausstellen, dass das ganze prominente Grundstück nicht seit ewigen Zeiten in Familienbesitz war, sondern bis ins Jahr 1937 jüdischen Mitbürgern gehörte. Darüber ist in der Familie, bewusst oder unbewusst, nie gesprochen worden. "Das Gesetz der omertà" ist natürlich einer der pathetischen Effekte, von denen Maier spricht:

Sprache und was sie verschweigt

"Es geht in diesem Buch um den Herkunftskomplex des Protagonisten. Da es diesmal weniger um die Psychologisierung des Familiengeschehens geht als ausschließlich darum, wie die Familie mit Besitz umgeht, kann es schon so sein, dass die Figuren in ihren Dialogen hart an Verlogenheit grenzen. Wir kennen das ja alle aus unseren Familien: Wenn’s ums Erben geht, beziehen eben alle ihre Schützengräben."

Nicht nur die Strategien der Altvorderen sind von Interesse, sondern auch die des heranwachsenden Protagonisten, der seine Eltern in Gespräche verwickelt und dabei in Fallen lockt. Das ist gelungen: Geradezu wie in einer Komödie von Molière werden die Figuren über ihre stereotypen Verhaltensweisen entlarvt. Die Mutter zum Beispiel merkt gar nicht, dass sie immer wieder die gleichen Phrasen verwendet, um sich aus einer Falle zu winden:

Ich: War eigentlich mein Großvater in der Partei? Oder mein Urgroßvater? Sie: Wie kommst du denn darauf? Wir haben den Juden doch sogar Brand gegeben!

Die Gegensätze der alten BRD

Brand – das ist Brennholz. Die Mutter meint mit ihrer Ausrede fein heraus zu sein, wer den Juden Brennholz schenkt, riskiert sogar sein Leben; dass diese Geste eine reine Alibifunktion hat, scheint verdrängt worden zu sein. Die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, in denen große Teile der Handlung spielen, stehen im Zeichen scharfer Gegensätze: Hier die scheinbar heile Welt der CDU-Wähler, dort die der linken Rebellen, zu denen frühzeitig der fünf Jahre ältere Bruder des Erzählers gehört. Es gelingt Maier, an diese gesellschaftliche Gemengelage zu erinnern. So probt der selbstbewusste Bruder den Aufstand beim Mittagessen:

Mein Bruder stützte seinen Ellbogen auf, mein Vater sagte, so etwas mache man nicht, mein Bruder fragte, wieso man so etwas nicht mache, mein Vater entgegnete, das gehöre sich nicht, mein Bruder erklärte, das sei keine Begründung. Die Streitereien über den Ellbogen meines Bruders wiederholten sich Monate, vielleicht sogar Jahre in einer für meinen Vater quälenden Dauerschleife.

Der aufsässige große Bruder wird natürlich zum Vorbild für den jüngeren. Der Bruder, so nennt Maier es, gehe in die "erste Negation". Er ist der erste Linke in der Familie, indoktriniert von "funktionalen Miterziehern". So nennen die Eltern mehr oder weniger alle Personen, die anders ticken als sie selbst: der CDU-Bürgermeisterkandidat und seine solidarische Ehefrau:

"Bei meinen Lesungen begreife ich schon, dass der Text deutliche Sympathien für die linke politische Seite entwickelt. Konkret war es so, dass ich in einer CDU-Familie aufgewachsen bin und durch meinen Bruder eine starke Polarisierung erfahren habe, er ist sehr früh in die erste Negation gegangen. Später, als ich um die zwanzig war, habe ich dann durchaus auch gemerkt, dass man mit vielen von den CDU-Leuten eigentlich ganz sinnvoll reden konnte, und mit Leuten aus anderen Parteien ist es doch zum Teil schwieriger gewesen!"

Geschichte aus der Froschperspektive

Aus dem Abstand einiger Jahrzehnte scheint mehr Gelassenheit bei der Betrachtung der Konflikte möglich. Doch Maiers Werkzyklus versteht sich als Geschichtsschreibung aus der Froschperspektive.   Damals, als der große Bruder trotz elterlicher Verbote zum "Kinderplaneten" ging und sich von bärtigen Haschisch-Rauchern indoktrinieren ließ, war der Konflikt gigantisch:

"Es gab damals diesen Clash zwischen den großen Volksparteien, das waren quasi zwei Welten. Und wer auf der einen Seite stand, fand die jeweils andere Weltsicht sinnlos, falsch, unverständlich und verlogen."

Diese Betrachtungsweise möchte Andreas Maier offenbar mit den Mitteln des Humors zumindest literarisch überwinden. Allerdings: Heute hat sich das Parteienspektrum in die Breite gezogen, es gibt einen nicht eben schmalen rechten Rand, es gibt ein bürgerlich-ökologisches Milieu, gemischt aus wertkonservativen und progressiven Strömungen, und die ehemaligen Volksparteien in der Mitte verlieren rapide an Bedeutung. Doch der Beginn dieser polit-geologischen Verschiebungen ist bereits in den Siebzigern angelegt, jener Epoche, die Andreas Maier, 1967 geboren, in seinen "Ortsumgehungen" so eindrucksvoll beschreibt.

Andreas Maier: "Die Familie" 
Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 2019. 167 Seiten, 20 Euro.

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