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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAndrew Nagorski: "Hitlerland" - American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power, Simon & Schuster30.04.2012

Andrew Nagorski: "Hitlerland" - American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power, Simon & Schuster

Kursiv international

In seinem Buch "Hitlerland" erzählt der amerikanische Journalist Andrew Nagorski die Geschichte vom Aufstieg Hitlers aus der Perspektive amerikanischer Landsleute, die zu jener Zeit in Deutschland lebten. Seine Eindrücke reichen von Oberflächlichkeit bis Wegschauen.

Von Katja Ridderbusch

Marsch führender Nazis durch München am 9. November 1935: vorn Julius Streicher, am linken Bildrand Adolf Hitler (dpa / picture alliance / Hamberger)
Marsch führender Nazis durch München am 9. November 1935: vorn Julius Streicher, am linken Bildrand Adolf Hitler (dpa / picture alliance / Hamberger)

Er ist formlos und beinahe gesichtslos, und er sieht ein bisschen aus wie eine Karikatur mit seiner weichen, knorpeligen Figur. Er ist redselig, wirkt dabei aber unsicher. Er ist der Prototyp des kleinen Mannes.

Mit diesen Worten beschrieb Dorothy Thompson, amerikanische Starjournalistin in Berlin und Ehefrau des Schriftstellers Sinclair Lewis im Jahr 1932 den aufsteigenden Politiker Adolf Hitler. Ihre Schlussfolgerung: Der Mann ist belanglos.

Ein Jahr später kapitulierte die Weimarer Republik, die erste deutsche Demokratie - und das Volk legte Hitler die Macht zu Füßen. Mit ihrer Fehleinschätzung war Dorothy Thompson nicht alleine. In seinem Buch "Hitlerland" beschreibt der amerikanische Journalist Andrew Nagorski den Aufstieg der Nationalsozialisten, so wie ihn seine Landsleute erlebten: amerikanische Journalisten, Diplomaten, Künstler, Sportler und Touristen, die in den 1920er und 1930er Jahren nach Deutschland kamen. Der Leitgedanke des Buches:

"Ich zeichne in "Hitlerland" nach, wie die amerikanischen Augenzeugen die Ereignisse gesehen haben - nicht im Rückblick, sondern zu jenem Zeitpunkt, als viele Menschen in Deutschland noch unsicher waren, was passieren würde."

Nagorski, der selbst lange als Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Newsweek" in Berlin gearbeitet hat, verwertet für sein Buch Artikel, Telegramme, Tagebücher und Memoiren. Die Perspektive ist radikal subjektiv, historischer Zoom statt Weitwinkel. Herausgekommen ist ein Dokudrama mit dichten Dialogen und plastischem Personal, über das Nagorski schreibt:

Viele waren oberflächlich in ihren Beobachtungen, andere schauten vorsätzlich weg, aber nur wenige wurden zu offene Apologeten des Naziregimes. Die meisten Amerikaner begriffen mit der Zeit, was um sie herum passierte, auch wenn es ihnen schwerfiel, das gesamte Ausmaß der Ereignisse zu erfassen.

Sie begriffen in unterschiedlichem Tempo und in unterschiedlicher Tiefe. Einer, der früh den Terror kommen sah, war Edgar Mowrer, Korrespondent der "Chicago Daily News".

"Mowrer erkennt als einer der Ersten, dass Hitler fähig ist, die Massen zu mobilisieren, und zwar mit einer beängstigenden demagogischen Routine."

Mowrer drängte seine jüdischen Freunde und Kollegen, das Land zu verlassen. Längst stand er selbst unter Beobachtung der Gestapo, und im September 1933 zog ihn seine Zeitung schließlich aus Berlin ab. Eine der schillerndsten Figuren in Nagorskis Charakterkabinett: Martha Dodd, Tochter des amerikanischen Botschafters in Berlin und skandalumwittertes Partygirl. Ihre politische Gesinnung richtete sich nach ihrem jeweiligen Liebhaber.

"Sie war eine sehr aktive junge Frau. Zu Beginn fühlte sie sich von den Nazis angezogen, hatte Liebhaber an den höchsten Stellen des Regimes. Später hatte sie dann eine Affäre mit einem sowjetischen Agenten und wurde so zur Spionin für den KGB."

Die wilde Martha Dodd war bereits im Vorjahr Hauptfigur eines hoch gerühmten Sachbuchs. Erik Larsons "In the Garden of the Beasts" stand monatelang auf den amerikanischen Bestsellerlisten. So trifft "Hitlerland" in den USA einen Nerv, und der Ansatz, den Nationalsozialismus über die ganz persönlichen Geschichten von Zeitzeugen zu schildern, fällt auf fruchtbaren literarischen Boden. Die Kritiker sind sich denn auch einig in ihrem Lob. "Ein packendes Thema, ein wichtiges Buch" schreibt die "Chicago Tribune". Eine weitere exzentrische Figur im Besetzungsreigen von "Hitlerland": Ernst, genannt "Putzi" Hanfstaengl, Deutsch-Amerikaner und Hitlers Verbindungsmann zum US-Pressekorps. Vor allem Putzis amerikanische Ehefrau Helen spielt eine zweifelhafte Rolle:

"Da ist dieser Moment nach dem gescheiterten Hitler-Putsch in München 1923. Hitler flüchtet sich in das Haus der Hanfstaengls. Die Polizei nähert sich, und es ist Helen Hanfstaengl, die Hitler davon abhält, sich zu erschießen. Stellen Sie sich vor, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wäre, wenn diese Amerikanerin Hitler nicht vom Selbstmord abgehalten hätte?"

Es sind diese bizarren Episoden, die "Hitlerland" zu einer faszinierenden Lektüre machen, die grotesken Geschichten am Rande der großen Geschichte, mit Zwischenrufen im Konjunktiv.
Und es sind die Zwielichtigen, die verblendeten und die hellsichtigen Charaktere und ihre unmittelbaren Zeugnisse, die vor allem amerikanischen Lesern helfen mögen, den Aufstieg Hitlers, dieses fremde, ferne Phänomen in seinem Horror tiefer zu begreifen. Andrew Nagorski erzählt keine neue Geschichte. Aber selten sind die Erfahrungen der amerikanischen Zeitzeugen in Nazi-Deutschland authentischer, beunruhigender und vor allem: unterhaltsamer erzählt worden.

Andrew Nagorski:
"Hitlerland" - American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power, US-Verlag Simon & Schuster, New York, 400 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-1-439-19100-2

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