Mittwoch, 20.03.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteDie neue PlatteSchostakowitsch auf Weltklasseniveau10.03.2019

Andris Nelsons mit dem Boston Symphony OrchestraSchostakowitsch auf Weltklasseniveau

Mit Grammys überhäuft wurden bereits die ersten beiden Schostakowitsch-CDs des lettischen Dirigenten Andris Nelsons. Die dritte Folge dieser Live-Aufnahmen mit dem Boston Symphony Orchestra ist nun erschienen. Und sind klingt erneut preisverdächtig.

Am Mikrofon: Uwe Friedrich

Andris Nelsons ist Chefdirigent beim Boston Symphony Orchestra Boston und am Leipziger Gewandhaus (dpa / Jan Woitas)
Andris Nelsons ist Chefdirigent beim Boston Symphony Orchestra Boston und am Leipziger Gewandhaus (dpa / Jan Woitas)

Dmitri Schostakowitsch: Festliche Ouvertüre, op. 96

Dmitri Schostakowitsch schrieb seine Festliche Ouvertüre im Jahr 1954 zum 37. Jahrestag der Oktoberrevolution, entsprechend schmetternd und auftrumpfend klingt sie. Eine Gelegenheitskomposition, um die Verbundenheit mit einem Staat zu zeigen, der in alle Lebensbereiche eindrang und seine Bürger, in Wahrheit Untertanen, massiv drangsalierte, auch in der Tauwetterphase nach Stalins Tod. Dennoch fühlte sich Dmitri Schostakowitsch selbst in der Stalinzeit als Patriot, der zwar unter dem Sowjetsystem litt, aber den kulturellen Traditionen Russlands und insbesondere Leningrads, heute wieder St. Petersburg, tief verbunden war. Verzweiflung und Zuversicht, Optimismus und Bedrohung, all dies wird gespiegelt in der sechsten und noch viel stärker in der siebten, der "Leningrader" Sinfonie. Die Sechste wurde im September 1939 vollendet, kurz bevor das faschistische Deutschland Polen überfiel. Man muss die elegische Stimmung des ersten Satz nicht simpel als Kriegsvorahnung deuten, aber auch in der Sowjetunion blickte man damals besorgt nach Westen.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 6 h-Moll, op. 54

Nachdem Dmitri Schostakowitsch 1936 als Opernkomponist der "Lady Macbeth von Mzensk" bei der Obrigkeit in Ungnade gefallen war, hatte er sich mit seiner demonstrativ zuversichtlichen fünften Sinfonie rehabilitiert. In der Sechsten unternahm er bereits wieder Formexperimente, auch wenn der schwer zu fassende Vorwurf des so genannten "Formalismus" die schärfste Waffe sozialistischer Kulturpolitiker gegen experimentierfreudige Künstler war. Die sechste Sinfonie besteht aus einem langsamen und zwei schnellen Sätzen. Das muss den Zeitgenossen eher skurril als affirmativ vorgekommen sein. Auch Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra spielen den dritten Satz als seien sie selbst überrascht von den merkwürdigen Volten dieser Musik, in denen Schostakowitsch nach eigener Aussage die Stimmungen von Frühling, Freude und Jugend vermitteln wollte.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 6 h-Moll, op. 54

Große Bostoner Schostakowitsch-Tradition

Das Boston Symphony Orchestra kann auf eine sehr lange Schostakowitsch-Tradition verweisen. Bereits im März 1942, also etwa anderthalb Jahre nach der Uraufführung spielte es die sechste Sinfonie unter Serge Koussevitzky. Auch die siebte Sinfonie, entstanden während der deutschen Belagerung Leningrads im Sommer 1941, wurde schon ein Jahr später in Boston und auf Tournee aufgeführt. An diese Schostakowitsch-Tradition knüpft auch der heutige Chefdirigent Andris Nelsons an, wenn er die Sinfonien mit dem Boston Symphony Orchestra aufnimmt. Schon als der ausgebildete Trompeter Nelsons mit 24 Jahren als jüngster Generalmusikdirektor die musikalische Leitung der Lettischen Nationaloper in seiner Heimatstadt Riga übernahm, war klar, dass hier ein enorm talentierter Musiker die Szene betrat. Egal ob Verdi, Wagner oder Händel auf den Pulten lag, er animierte das eher mittelmäßige Orchester zu intensivem, farbenreichem Spiel. Der inzwischen vierzigjährige Dirigent studierte in Riga und St. Petersburg, wo er mit den Klangvorstellungen der russischen Orchesterschule ebenso gut vertraut wurde wie mit den Werken von Schostakowitschs Vorgängern. Mittlerweile ist er nicht nur Chefdirigent in Boston, sondern auch Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Formbewusstsein, Klangfarbenfantasie, rhythmische Prägnanz zeichnen seine Interpretationen aus. Wie offen, weich und ja, schön das Marschthema im ersten Satz der "Leningrader" Sinfonie auftaucht, ist einfach umwerfend.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 60

Dieser Marsch ersetzt die in der üblichen Sonatenhauptsatzform eines ersten Satzes in der Sinfonie vorgesehene Durchführung konstrastierender Themen und ist mit "Invasion" überschrieben. Auch Nelsons steigert die Bedrohung durch die berühmte Melodie bis zu einer gruseligen Überwältigungsästhetik. Die Sinfonie entstand unter der grauenhaften deutschen Belagerung Leningrads, die 900 Tage dauerte und zahllose Tote forderte. Schostakowitsch komponierte während der Bombardements, während die Bevölkerung hungerte und fror. Und doch weist diese Sinfonie weit über die schrecklichen Zeitumstände hinaus, ist viel mehr als eine Schilderung des konkreten Ereignisses. So kommt auch der immer bedrohlicher gesteigerte Marsch in Andris Nelsons Interpretation nicht als platt-didaktische Geschichtsstunde und Fingerzeig daher, "hier kommen die bösen deutschen Soldaten und zerstören alles", sondern als in Musik gesetzte Warnung, was auch uns heute drohen kann durch jedes autoritäre Regime.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 60

Brüchige Idylle und doppelter Boden

Den zweiten Satz seiner siebten Sinfonie beschreibt Dmitri Schostakowitsch als ein lyrisches, sehr zartes Intermezzo, er spricht sogar von "ein bisschen Humor". Nun ist das mit dem Humor gerade bei Schostakowitsch immer eine delikate Sache. Der ist nämlich fast nie unbeschwert, sondern immer doppelbödig und gefährdet. So wie überhaupt seine Musik durchgängig einen doppelten Boden hat, den Musiker und Publikum erkennen sollten. Auch das gelingt Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra. Immer ist die Idylle brüchig, könnte wenig später kollabieren, dennoch ist es ein großes Glück des Augenblicks, gemeinsam Musik machen zu können. Damals für Schostakowitsch, aber auch heute.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 60

Man muss kaum erwähnen, dass das Boston Symphony Orchestra zu den besten der Welt gehört. Regelmäßig taucht es auf den vordersten Plätzen der einschlägigen Listen auf, ebenso regelmäßig werden die Musiker mit Preisen und Publikumsjubel überschüttet. Wie virtuos sie aber auch den Ton von Schostakowitschs Sinfonien treffen, die eben nicht nur aus spieltechnischer Brillanz und großem Ton bestehen, das nötigt Bewunderung ab. Auch der ausgebleichte hohe Streicherklang hat bei den Bostonern noch Substanz und Farbe, die Blechbläser trumpfen auch in den massivsten Passagen nicht demonstrativ auf, wie es der amerikanischen Tradition entspräche. Alle Instrumentengruppen erzeugen gemeinsam Druck in den spannungsvollen Teilen, lassen aber auch uneitel anderen den Vortritt, wo es geboten ist.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 60

Den vierten Satz seiner siebten Sinfonie komponierte Dmitri Schostakowitsch nachdem er mit seiner Familie aus Leningrad evakuiert wurde. Er klingt als blickte der Komponist nachdenklich zurück auf die schrecklichen Erlebnisse in der belagerten Stadt. Auch hier zeigt sich Schostakowitsch als geschichts- und formbewusster Musiker. Im barocken Tanzrhythmus der Sarabande leitet er eine triumphale Steigerung ein, die in eine Wiederkehr des "Heimat"-Themas vom Beginn der Sinfonie mündet. Der Triumph über das faschistische Deutschland wird hier musikalisch vorweggenommen. Bei der Uraufführung im März 1942 war das noch eine vage Hoffnung, aber schnell wurde diese Sinfonie zu einem Symbol des antifaschistischen Kampfs.

Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 60

So endet die siebte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, die "Leningrader", in der Interpretation des Dirigenten Andris Nelsons mit dem Boston Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent er seit 2014 ist. Es spricht für Nelsons Stilempfinden und Geschmack, dass er auch das Finale der "Leningrader" Sinfonie nicht in Triumphkitsch umschlagen lässt, sondern selbst hier noch zu fragen scheint, welcher Preis für den Sieg gezahlt werden musste. Außer der sechsten und der siebten Sinfonie sind auf der neuen, beim Label Deutsche Grammophon erschienenen Doppel-CD noch die Schauspielmusik zu William Shakespeares "King Lear" und die Festliche Ouvertüre von Dmitri Schostakowitsch zu hören. Eine Aufnahme von zweieinviertel Stunden Musik, an der es nicht das geringste auszusetzen gibt.

Dmitri Schostakowitsch "Under Stalin's Shadow"
Sinfonien Nr. 6 & 7, Suite aus der Schauspielmusik zu "King Lear", Festliche Ouvertüre
Boston Symphony Orchestra
Leitung: Andris Nelsons
Deutsche Grammophon (2CDs)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk