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StartseiteCampus & Karriere"Wir sind aufeinander angewiesen"13.03.2019

Angehende Mathe-Lehrer"Wir sind aufeinander angewiesen"

Wer Mathe auf Lehramt studiert, büffelt nicht nur Numerik oder lineare Algebra, sondern auch psychologische und pädagogische Inhalte. Das Studium ist anspruchsvoll, doch im Gegensatz zu vielen anderen Lehramtsstudenten können sich angehende Mathe-Lehrer auf den Gruppenzusammenhalt verlassen.

Von Claudia Euen

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Eine Lehrerin unterrichtet Mathematik in einer Klasse der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen. (imago/Michael Gottschalk)
Der Beruf des Mathe-Lehrers wird immer beliebter, in den vergangenen sechs Jahren hat sich die Studienanfängerzahl verdoppelt. (imago/Michael Gottschalk)
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"Ich hab immer total gerne Mathe-Nachhilfe gegeben und da hab ich gedacht, wenn ich das in meiner Freizeit so gerne mache, dann sollte ich das vielleicht zu meinem Beruf machen."

"Meine Mathelehrer in der zehnten und zwölften Klasse, die haben mich überzeugt, auch das Logische fand ich faszinierend."

"Es gab keinen NC, da wusste ich, das ich einen Platz bekomme."

"Ich will Menschen was beibringen und deswegen werde ich Lehrer."

Mathe-Studentin Marie Nörenberg (Deutschlandradio / Claudia Euen)Marie Nörenberg studiert Mathe in Leipzig (Deutschlandradio / Claudia Euen)

Marie Nörenberg, Justus Weber, Linda Hodler und Ivan Proschenkow studieren Mathe auf Lehramt an der Universität Leipzig – einem immer beliebter werdenden Fach, denn in den vergangenen sechs Jahren hat sich hier die Studienanfängerzahl verdoppelt. Sie alle sind mit Herzblut dabei und sich darin einig, dass vor allem der Einstieg ins Studium die größte Herausforderung ist.

"Wir haben mit vielen Studenten angefangen. In den ersten Semestern hat sich das sehr stark ausgesiebt, zumal die erste Klausur sehr schwer war. Da haben nur drei Studenten die Klausur bestanden, von anfangs circa 120. Natürlich waren nicht 120 zur Klausur zugelassen gewesen", erinnert sich Ivan Proschenkow.

Übungsaufgaben im Wochenrhythmus

Der gebürtige Dresdner studiert im siebten Semester Mathe und Englisch auf Lehramt. Auch er fiel durch diese Prüfung, kam aber im zweiten Anlauf durch. In den ersten vier Semestern wird an der Uni Leipzig ausschließlich mathematisches Wissen vermittelt. Die Lehramtsstudierenden sitzen gemeinsam mit Diplom- und Wirtschaftsmathematikerin in den Vorlesungen, büffeln lineare Algebra, Arithmetik und Geometrie und müssen im Wochenrhythmus Übungsaufgaben abgeben, um für die Klausuren zugelassen zu werden. Das Niveau ist hoch.

Mathematik-Student Iwan Proschenkow (Deutschlandradio / Claudia Euen)Mathematik-Student Iwan Proschenkow (Deutschlandradio / Claudia Euen)

"Eine Vorlesung in Mathe ist wirklich: Der Prof kommt rein, schreibt ein paar Sätze ran, dann die Beweise dazu und man denkt sich: Aha." - "Bis Weihnachten war es ganz schlimm. Da saßen wir an der Übungsserie dreißig Stunden und am Ende hatten wir von den 16 Punkten 1,5 rausbekommen. Da fragt man sich schon, pack ich das, kann ich das weitermachen", sagen Marie Nörenberger und Justus Weber.

In der Schule konkret, im Studium abstrakt

Mittlerweile gibt es an der Uni einen offenen Mathe-Raum, wo Studierende älterer Semester zwar keine Lösungen servieren, dafür aber wichtige Tipps und Anregungen geben bei der Suche nach dem richtigen Ergebnis. Seitdem würden viele Studierende besser durch die Prüfungszeit kommen, sagt Silvia Schöneburg-Lehnert. Sie ist Professorin für die Didaktik der Mathematik, betreut die Lehramtsstudierenden und weiß, dass sich die angehenden Mathe-Lehrer auch erstmal auf die Uni einlassen müssen.

"Das Problem, was auch vielfach untersucht wird, ist der Übergang Schule – Hochschule. Dass viele denken, da geht alles so weiter, aber das ist oft nicht so. In der Schule ist alles konkret, Zahlen, wo ich eine Vorstellungen von vielen Sachen habe. Im Studium wird es abstrakter, man muss also dieses mathematische Denken, diese Heurismen, wie ich die allgemeinen Probleme lösen können, erst lernen."

Das Mathe-Studium ist also eine echte Herausforderung. Justus und seine Kommilitonen lernen deshalb oft in Gruppen, um schwierige Aufgaben besser lösen zu können. Das sieht er als großen Vorteil.

Mathe-Student Justus Weber (Deutschlandradio / Claudia Euen)Justus Weber lernt oft in Gruppen (Deutschlandradio / Claudia Euen)

"Die Deutsch-Lehrämter sind mehr für sich. Wir sind mehr aufeinander angewiesen. Das ist ein Geben und Nehmen – das bindet aneinander. Und es ist unglaublich befriedigend, wenn man an so einer schweren Übungsaufgabe saß, und sie dann richtig gelöst hat."

Der 22-Jährige hat mittlerweile das Grundstudium geschafft. Seit dem fünften Semester sind auch psychologische und pädagogische Inhalte dazu gekommen. Da aber sehen viele Studierende Nachbesserungsbedarf.

"Es wurde ja schon immer gesagt, die Gymnasiallehrer sind eher so die Fachidioten und das ist halt so, weil wir werden dazu ausgebildet, Fachidioten zu werden. Wir haben nur drei Didaktik-Module, obwohl wir fünfeinhalb Jahre studieren. Das ist halt nichts, finde ich. Wir sind nur in zwei Praktikas – ich hab schon ein bisschen Angst vorm Referendariat", sagt Marie Nörenberg.

Den Schülern die Angst vor Mathe nehmen

Auch für Linda Hodler, die Lehramt für Oberschule studiert, mangelt es an didaktischer Ausbildung. Manche Fächer, die sie studiert – wie Numerik oder Programmieren am Computer - werden bis zur zehnten Klasse gar nicht gelehrt. Und trotzdem: Nach einem Praktikum in der Schule weiß sie, dass ihr die Uni wichtiges Handwerkszeug mitgibt.

Mathe-Studentin Linda Holder (Deutschlandradio / Claudia Euen)Mathe-Studentin Linda Holder (Deutschlandradio / Claudia Euen)

Linda Hodler: "Früher war sehr frontal, sehr selten Gruppenarbeit – wir haben jetzt in der Didaktik viel kennengelernt, wie man den Schülern auch spielerisch Sachen beibringen kann. Es gibt viele Spiele, die sind nicht teuer, die kann man auch selber basteln – um von dem Frontalen und Trockenen wegzukommen, weil eh schon viele Angst vor dem Fach haben."

Und die will Linda Hodler ihren Schülern nehmen. Dafür wünscht sie sich mehr Praxisbezug und eine bessere Ausstattung an den Schulen. Insgesamt aber war das Lehramtsstudium die richtige Entscheidung. Dafür muss man einiges mitbringen.

Linda Hodler: "Fleiß, Lernen, Üben, Leidenschaft für den Beruf, die bringt uns weiter, die ist wie das Feuer, das in uns brennt."

Marie Nörenberg: "Man muss auf jeden Fall Ehrgeiz mitbringen, man muss sich selbst strukturieren können."

Justus Weber: "Man soll die sinnlose Schönheit der Abstraktion kennenlernen. Man braucht auch Leidensfähigkeit. Es ist nicht unbedingt ausschlaggebend, welche Note man im Mathe-Abi hatte."

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