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StartseiteForschung aktuellDiskriminierungsverdacht erschüttert Fachjournal10.06.2020

Angewandte ChemieDiskriminierungsverdacht erschüttert Fachjournal

Mit der Publikation eines Essays hat sich die Angewandte Chemie, eine renommierte deutsche Fachzeitschrift, dem Vorwurf ausgesetzt, Frauen und Minderheiten zu diskriminieren. Ein Teil des Expertenbeirats ist aus Protest gegangen. Die Geschäftsführung fühlt sich im Stich gelassen.

Von Volker Mrasek

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Verschiedene Chemikaliien stehen auf einem Tisch (Imago Images)
Die Zeitschrift Angewandte Chemie kämpft mit Diskriminierungsvorwürfen (Imago Images)
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Was ist da los bei der Angewandten Chemie? Zwei Redakteure vorübergehend suspendiert; Chefredakteur Neville Compton mit sofortiger Wirkung durch ein vierköpfiges Interim-Team ersetzt; 16 Wissenschaftler, die aus Protest den internationalen Expertenbeirat der angesehenen Fachzeitschrift verlassen, darunter Chemie-Nobelpreisträgerin Frances Arnold aus den USA.

Chemiker-Essay verstoße gegen heutige Leitbilder

Auslöser der ganzen Turbulenzen ist ein Essay, den die Angewandte Chemie veröffentlichte und ins Netz stellte. Also kein Fachartikel, sondern ein Meinungsstück aus der Feder des tschechischen Chemikers Tomas Hudlicky. Er hat eine Professur an der Brock University in Kanada. Was Hudlicky scheibe, vertrage sich nicht mit den heutigen Leitbildern in der Wissenschaft, urteilt Peter Schreiner, der Präsident der GDCh, der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Sie gibt die Zeitschrift heraus:

"Natürlich besteht das Recht auf die freie Meinungsäußerung für jeden. Nur, diese freie Meinungsäußerung, die grenzt natürlich dann an den guten Ton, wenn sie Personengruppen diskriminiert. Und das ist genau hier passiert."

Eine Wissenschaftlerin hält eine Multiwellplatte mit vom Coronavirus infizierten Zellkulturen in einem Labor der biologischen Sicherheitsstufe 3 (Hochsicherheitslabor) im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI.  (dpa/picture alliance - Julian Stratenschulte/dpa) (dpa/picture alliance - Julian Stratenschulte/dpa)Genderforscherin: Wissenschaftliche Ambitionen werden "mit Männlichkeit verknüpft"
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GDCh-Präsident Schreiner: Essay diskriminiert Minderheiten

Hudlicky schreibt in seinem Essay unter anderem: "In den letzten beiden Jahrzehnten wurde vielen Gruppen und Personen ein bevorzugter Status zuerkannt. Und das trotz der Tatsache, dass der Anteil von Frauen und Minderheiten im akademischen Betrieb und in der pharmazeutischen Industrie stark gestiegen ist. (…) Neue Ideologien sind aufgetaucht und haben die Einstellungspraktiken, die Promotion, die finanzielle Förderung und die Anerkennung für bestimmte Gruppen beeinflusst."    

Das alles wirke sich negativ auf die Forschung in der Organischen Chemie aus, behauptet Hudlicky, ohne hier allerdings Literaturquellen zu nennen. Schließlich mokiert er sich auch noch über "verpflichtende Schulungskurse über Gleichberechtigung, Inklusion, Diversität und Diskriminierung".

Für GDCh-Präsident Schreiner eine unhaltbare Position: "Er diskriminiert im Grunde alle Minoritäten, indem er sagt, dass diese Minderheiten bevorzugt behandelt würden. Das können natürlich sehr viele Gruppen sein. Das können Leute anderer Hautfarbe sein, anderer Religion, anderer Nation. Das sind sicherlich im Wissenschaftsbetrieb natürlich auch Wissenschaftlerinnen. Also, sehr viele Gruppen, die da pauschalisiert einfach vorverurteilt werden. Und das ist komplett unakzeptabel." 

Brock-University, Canada: "Hochgradig kritikwürdige Aussagen"                                                                       

Auch andere chemische Fachgesellschaften distanzierten sich inzwischen von dem Essay, darunter die kanadische, deren Mitglied Hudlicky ist. Selbst seine eigene Universität veröffentlichte einen Offenen Brief und rügt darin die "hochgradig kritikwürdigen" Aussagen Hudlickys. Er selbst sprach von einer "Hexenjagd", wollte dem Deutschlandfunk aber kein Interview geben. Äußern werde er sich frühestens in einigen Tagen.

Merkwürdig an der Sache ist aber auch das Verhalten der Angewandten Chemie. Als auf Twitter eine riesige Protestwelle von Chemikern anschwoll, entfernte die Redaktion den Text kurzerhand wieder aus dem Internet mit der Begründung, es habe sich noch nicht um die Endfassung gehandelt. Tatsächlich heißt es aber zu Beginn des Essays:

"Dieses Manuskript ist nach einer Begutachtung akzeptiert worden und erscheint als akzeptierter Artikel online."  

Geschäftsführer fühlt sich vom Beirat im Stich gelassen          

Die ausgetretenen Mitglieder des Fachbeirates fahren inzwischen schwere Geschütze gegen die Angewandte Chemie auf. Wortwörtlich schreiben sie:

"Einen Essay zu akzeptieren und zu veröffentlichen, der rassistische und sexistische Ansichten unterstützt, deutet auf ein größeres Problem. Die Veröffentlichungspraxis des Fachjournals hat ethnische und Geschlechtsvielfalt unterdrückt."      

Wolfram Koch, der Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker, weist diese Kritik energisch zurück:

"Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich habe mich darüber sehr geärgert, weil es eine sehr einseitige Sicht der Dinge ist, die in dieser Form nicht zutrifft. Und das ist nicht nur meine Sicht als ein Vertreter der Eigentümer-Gesellschaft, sondern wir haben auch viele Rückmeldungen von anderen, auch vor allen Dingen ausländischen Kolleginnen und Kollegen bekommen, die genau dies auch sagen und es auch sehr kritisieren, dass diejenigen, die als Mitglied des Gremiums, das uns beraten soll, anstatt uns in dieser schwierigen Situation zur Seite zu stehen und uns eben zu beraten, das Schiff verlassen."    

Den Schaden für eine der renommiertesten deutschen Fachzeitschriften kann man im Moment noch nicht ermessen. Aber er könnte groß ausfallen. Diverse US-amerikanische Forscher haben angekündigt, dass sie künftig nicht mehr in der Angewandten Chemie veröffentlichen wollen.

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