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StartseiteTag für TagGlaubensfrage Brexit22.01.2019

Anglikanische KircheGlaubensfrage Brexit

Die EU hat bei Anhängern der Kirche von England keinen besonders guten Ruf. Kirchenmitglieder haben überproportional stark für den Brexit gestimmt. Die Kirchenleitung hingegen will, dass Großbritannien in der EU bleibt. Das sorgt für Spannungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenführern.

Von Ada von der Decken

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Die St. John's Church in Tilbury (Deutschlandradio / Ada von der Decken)
Mehr als zwei Drittel der Anglikaner haben 2016 für den Brexit gestimmt (Deutschlandradio / Ada von der Decken)
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Sonntag, elf Uhr in Tilbury im südenglischen Essex. Gerade ist der Gottesdienst in der St. John's Kirche zu Ende gegangen. Rund die Hälfte der 50 Kirchgänger bleibt noch auf eine Tasse Tee und einen Plausch im Gemeindesaal. Hier wird über Gott und die Welt gesprochen. Und ab und zu auch über den Brexit. Jen, Morey und Kath sitzen zusammen. Während Jen vor zweieinhalb Jahren für einen Verbleib in der EU gestimmt hat, waren Morey und Kath für den Brexit.

"Seit Großbritannien in der EU ist, geht es bergab", meint Kath. Ihre Meinung teilen die meisten in Tilbury. Hier an der Themse haben mehr als zwei Drittel der Menschen für den Brexit gestimmt.

"Das Bauchgefühl gibt den Ausschlag"

Die Stadt hat in den vergangenen Jahrzehnten einen extremen Wandel erlebt. Einst war sie eine florierende Hafenstadt, geprägt von einer weißen, stolzen Arbeiterschaft. Der Hafen setzt mittlerweile auf automatisierte Containerabfertigung statt auf Muskelkraft: Arbeitslosigkeit, Armut und Leerstand prägen Tilbury heute.

Pastor Tim Codling in seiner Kirche in Tilbury (Deutschlandradio / Ada von der Decken)Für Pastor Tim Codling ist der Brexit auch eine emotionale Frage (Deutschlandradio / Ada von der Decken)

Die Regierung in London, keine 50 Kilometer die Themse hoch, verkennt diese neue Realität, sagt Gemeindepastor Tim Codling:

"Natürlich ist der Brexit eine Frage der Vernunft. Aber er ist genauso eine emotionale Frage. Und das Bauchgefühl gibt bei solchen Entscheidungen den Ausschlag. Es ist ein Problem, dass die Entscheider diese emotionale Bindung nicht nachvollziehen können, die Menschen zu ihrer Region und ihrer Geschichte haben."

Sollten sich Bischöfe politisch positionieren?

Eine solche Kluft besteht auch zwischen Kirchenführung und Kirchenvolk. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, sprach sich vor der Abstimmung für einen Verbleib in der EU aus. Darüber beschwerte sich nach dem Referendum eine Anruferin in einer Sendung des Radiosenders LBC. Warum er sich überhaupt eingemischt habe, fragt Judith den Erzbischof direkt. Sie als Brexit-Befürworterin fühle sich von der Anglikanischen Kirche vor den Kopf gestoßen und gehe seither nicht mehr in die Kirche.

Erzbischof Welby verteidigt sich: Er habe keine Wahlempfehlung gegeben, sondern nur ehrlich seine persönliche Meinung gesagt. Judith aber bleibt dabei: Als einflussreicher kirchlicher Würdenträger hätte der Erzbischof seine Meinung besser für sich behalten sollen. Ähnlich sieht es auch Gemeindepastor Tim Codling in Tilbury:

"Als Erzbischof, Bischof oder Gemeindepastor muss man seine persönliche Meinung verschweigen, denn man ist für jeden da, unabhängig von politischen Ansichten."

"Anglikaner sein bedeutet englisch sein"

Gemeindemitglied Kath hingegen nimmt der Kirchenleitung ihre Aussagen zum Brexit nicht übel – sie mache ohnehin nicht alles, was der Erzbischof sagt. Brexit-Befürworter wie Kath sind keine Ausnahme: Mehr als zwei Drittel der Engländer, die sich der Anglikanischen Kirche zugehörig fühlen, haben beim Referendum 2016 für den Brexit gestimmt.

Chris Baker von der William-Temple-Stiftung (Deutschlandradio / Ada von der Decken)"Die Kirche von England definiert das Englischsein", sagt Chris Baker (Deutschlandradio / Ada von der Decken)

Für Chris Baker, Forschungsleiter der William-Temple-Stiftung, die an der Studie beteiligt war, sind diese Ergebnisse wenig überraschend. Eine Nähe zur Anglikanischen Kirche fühlen besonders ältere Menschen außerhalb der Metropolen, und diese Gruppe ist überwiegend für den Brexit. Aber noch etwas war ausschlaggebend, erklärt Chris Baker:

"Anglikaner sein bedeutet englisch sein. Die Anglikanische Kirche verkörpert die englische Identität. Da kommt es auch nicht darauf an, ob man in die Kirche geht oder nicht. Die Kirche von England definiert das Englischsein."

Ein Land in der Identitätskrise

Die Erhebung hat es gezeigt: Gefragt, was sie an der Kirche von England schätzen, fielen unter den Top-3-Antworten kein Mal die Stichworte "Glaube" oder "Gott". Vielmehr: Sie sei "integraler Bestandteil der englischen Kultur", "moralische Instanz in der Gesellschaft" und "Teil des englischen Erbes". Der Brexit aber habe die Briten in eine Identitätskrise gestürzt, und da sei nun auch die Kirche gefordert, meint Chris Baker:

"Der Kirche von England kommt bei der Definition einer neuen Identität eine Schlüsselrolle zu. Ob unsere Zukunft nun in der EU liegt oder außerhalb. Ich habe das Gefühl, dass wir als Land vergessen haben, wer wir sind. Ich glaube, der Brexit bedeutet eine Identitätskrise für Großbritannien und seine Rolle in der Welt."

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