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StartseiteSprechstundeAngst vor Menschen12.08.2008

Angst vor Menschen

Studie soll mehr Fakten über soziale Phobie liefern

Die sogenannte soziale Phobie gilt als Sonderfall einer Angststörung: Betroffene fürchten sich vor dem Werturteil ihrer Mitmenschen, so dass sie am Ende jeglichen sozialen Kontakt meiden. Experten schätzen, dass zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland mehr oder minder starke Anzeichen einer sozialen Phobie zeigen. Eine Studie soll nun zeigen, welche Therapie am besten geeignet ist.

Von Michael Engel

Angst vor anderen Menschen kann zur Vereinsamung führen.  (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Angst vor anderen Menschen kann zur Vereinsamung führen. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

Erste Anzeichen gibt es schon im Kindergarten: Das Kind "klebt" regelrecht auf dem Arm der Eltern und will auf keinen Fall allein zurück gelassen werden. Auch später dann, in der Schule, so Prof. Eric Leibing von der Universität Göttingen, sind die Signale der "sozialen Phobie" unübersehbar:

"Wenn man daran denkt, wie es in der Schule ist, dann kennen alle Jugendliche oder kleine Kinder, die sich nicht trauen, sich in der Schule zu melden. Vielleicht auch über Monate gar nicht sprechen und sich gar nicht melden. Das wäre dann schon etwas, was dann schon behandlungsbedürftig wäre."

Der Keim für eine soziale Phobie wird nach Meinung von Experten schon in der Frühphase der Kindheit gelegt. Wenn Eltern "überbehüten", stark kontrollieren, wenig Zuwendung geben, ist das Risiko größer, dass die Kinder an einer sozialen Phobie erkranken.

"Wenn ich aus der Schule komme ist es meistens so, dass ich mich gleich vor den Computer setze, ob es was Neues gibt. Dann schnell Mittag essen, Hausaufgaben machen, und dann gleich wieder vor den Computer, über Lehrer reden, wie doof sie waren oder so. Meistens auch Spiele spielen. Ja! "

Internet und Computer, vermuten Experten, können eine soziale Phobie verstärken, weil sie Rückzugsmöglichkeiten bieten. Kontakte sind anonym, und es gibt keine reale Kontrolle wie zum Beispiel Blicke der Mitmenschen, die Angst machen könnte. Dr. Bert te Wildt - Psychiater an der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass es eher dafür spricht, dass die Menschen sich, weil sie in der konkret realen Welt gekränkt worden sind oder verängstigt worden sind, in die virtuelle Welt zurück ziehen und dann sekundär diese Abhängigkeit entwickeln."

Häufig verschwindet die Ängstlichkeit spätestens nach der Pubertät wie von selbst: Betroffene gewinnen Freunde, erleben soziale Kontakte als Bereicherung für's Leben. Wer als junger Erwachsener unter einer sozialen Phobie leidet, sollte spätestes dann Hilfe in Anspruch nehmen, vor allem, wenn berufliche Nachteile absehbar sind wie Schulversagen, Abbruch des Studiums, Kommunikationsprobleme im Betrieb.

"Bisher weiß man, durch Psychotherapie werden etwa 60 bis 70 Prozent geheilt oder so deutlich gebessert, dass eigentlich kein großer Leidensdruck mehr vorhanden ist. Es gibt ja auch die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung. Das weiß man, dass es auch gute Ansprechquoten gibt, aber dass die Rückfallquoten extrem hoch liegen. Das heißt, wenn man diese Medikamente absetzt, treten die Ängste meistens wieder auf. "

Eine Multicenterstudie, finanziert vom Bundesbildungsministerium, soll nun herausfinden, welche psychotherapeutischen Strategien am besten geeignet sind. In Göttingen, Mainz, Jena, Bochum, Dortmund und Dresden werden dazu zwei psychotherapeutische Konzepte miteinander verglichen. Ein verhaltenstherapeutischer und ein tiefenpsychologischer. Die Wissenschaftler wollen wissen, welche der beiden Methoden besser und vor allem länger wirkt. 580 Betroffene werden gesucht, 360 haben sich bisher nur gemeldet.


IService
nteressenten, die in der Nähe der sechs beteiligen Universitäten leben und Interesse an der wissenschaftlich begleiteten Studie haben, können sich im Internet informieren
unter http://www.sopho-net.de . Dort finden Sie - unter dem Link "Kontakt" - auch die Anschriften und Telefonnummern der psychologischen Institute.

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