Dienstag, 16. August 2022

Anhörungen zum Sturm auf US-Kapitol
Was einmal passiert, kann wieder passieren

Der Umsturzversuch in den USA vom 6. Januar 2021 sei im Untersuchungsausschuss des Parlaments nüchtern und klar dokumentiert worden, kommentiert Doris Simon. Aber Trump-Anhänger würden ihre Meinung auch nach den Anhörungen eher nicht ändern.

Ein Kommentar von Doris Simon | 10.06.2022

Öffentliche Anhörung des Untersuchungsausschusses zur Attacke auf das US-Kapitol in Washington
Öffentliche Anhörung des Untersuchungsausschusses zur Attacke auf das US-Kapitol in Washington (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mandel Ngan)
Der 6. Januar 2021 war nur ein Stein - der letzte in einer langen Kette, mit der die demokratische Machtübergabe an den rechtmäßigen Wahlgewinner verhindert werden sollte. Der Umsturzversuch begann schon Wochen vorher. Im Zentrum: Donald Trump.
Die Anhörung des Untersuchungsausschusses zeigte dies nüchtern und klar: Donald Trump konnte seine Niederlage nicht akzeptieren, er wehrte sich aggressiv, als Berater, Familienangehörige, Justizminister und die Gerichte ihn mit der Wahrheit konfrontierten. Es gab keinen massiven Wahlbetrug. Aber er wollte um jeden Preis an der Macht bleiben. Dafür tat er alles. Auch, wenn es Menschenleben kostete.
Aussagen und Textnachrichten aus Trumps direktem Umfeld belegen diese zentrale Botschaft, und erschreckendes Filmmaterial, das zeigt, wie zielstrebig und geplant militante rechte Gruppen aus dem ganzen Land am 6. Januar das Kapitol angriffen. Der Ausschuss hat alles getan, um jedermann plastisch und verständlich zu vermitteln, was zum 6. Januar 2021 geführt hat.
Zwei Stunden lang war beinah zu fühlen, wie gefährdet die Institutionen am 6. Januar waren, die amerikanische Demokratie. Wie bereit Trump und sein Verschwörerzirkel waren, Recht und Gesetze zu brechen. Und wieviel im blutigen Showdown an Einzelnen hing: an tapferen Polizisten, die Schlimmeres verhinderten und an Vizepräsident Mike Pence, der sich weigerte, die Verfassung zu brechen.

Wahrheit ist für viele Menschen relativ

Hier gibt es keinen Spin, der Ausschuss hat sich kein Narrativ zurecht gelegt. Dokumente und Zeugenaussagen sind erdrückend, auch in den schrecklichen Details. Es werden viele folgen in den kommenden Sitzungen. Aber Wahrheit ist für viele Menschen relativ: Wer glaubt, Trump habe die Wahl gewonnen und mit dem Angriff aufs Kapitol sei Amerikas Demokratie verteidigt worden, der wird seine Meinung auch nach den Anhörungen eher nicht ändern. Und das ist jeder zweite republikanische Wähler. Republikanische Politiker befeuern dies, wenn sie von Hexenjagd und Parteipolitik sprechen.
Dabei geht es nicht um die Midterm-Wahlen im November. Die Anhörungen werden nicht zu einem Stimmungsumschwung zugunsten der Demokraten führen. Sie sind ein verzweifelter Weckruf: Die Gefahr für Amerikas Demokratie ist mit dem 6. Januar nicht verschwunden. Systematisch und vom Parteikomittee unterstützt kandidieren überall im Land trumptreue Republikaner für Posten, in denen sie Einfluss nehmen können auf Auszählungen und Wahlen, auf allen Ebenen. Mitverschwörer des Umsturzversuches haben volle Wahlkampfkassen und kandidieren aussichtsreich für Ämter wie den Gouverneursposten in Pennsylvania. Was einmal passiert, kann wieder passieren.
Porträt: Doris Simon
Porträt: Doris Simon
Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der „Informationen am Morgen“.