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StartseiteDlf-MagazinDie Parteienhopperin09.06.2016

Anke Domscheit-BergDie Parteienhopperin

Anke Domscheit-Berg ist flexibel: Sie lebte lange in Berlin und wohnt heute auf dem Land. Sie war Unternehmensberaterin und ist nun frei schaffende Internetaktivistin. Sie war Mitglied der Grünen, wechselte zu den Piraten und will künftig für die Linke antreten: In der kommenden Bundestagswahl soll sie Außenminister Frank-Walter Steinmeier sein Direktmandat in Brandenburg an der Havel streitig machen.

Von Vanja Budde

Netzaktivistin und Guerillastrickerin Anke Domscheit-Berg im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Netzaktivistin und Guerillastrickerin Anke Domscheit-Berg im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
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Anke Domscheit-Berg "Wer überwacht wird, ist nicht frei"

Durchsage im Regionalzug: "Nächster Halt: Fürstenberg."

Es war nicht leicht, einen Termin zu  finden, an dem Anke Domscheit-Berg zu Hause ist. Ständig ist die 48 Jahre alte Frontfrau der digitalen Szene unterwegs zu Panels, Meetings und Konferenzen, hält Vorträge über Transparenz in der Politik und Frauenrechte. Da trifft es sich gut, dass die große alte Villa, in der sie mit Sohn und Ehemann lebt, dem ehemaligen Sprecher der Enthüllungs-Plattform Wikileaks, Daniel Domscheit-Berg, direkt am Bahnhof von Fürstenberg liegt. 

In Filzrock und roten Strumpfhosen kocht die Ex-Piratin in der großen Wohnküche gastfreundlich Tee, serviert dazu Kekse. Fürstenberg: eine Stunde nördlich von Berlin an drei Seen gelegen, nicht einmal 6.000 Einwohner,  leidlich schnelles Internet.  

 "Also als wir 2010 überlegt haben, von Berlin raus ins Umland zu ziehen, war einer der Hauptgründe dafür, dass unser beider Leben viel zu hochtourig war. Wir haben also wirklich ein bisschen Ruhe und Erdung gesucht und hier auch gefunden."

In der raren Freizeit fährt die Frauenrechtlerin mit ihrem Mann gern Fahrrad – auf einem Tandem!  

"Dann kann er etwas mehr treten und ich etwas weniger und ich bleibe nicht zurück."

Einst Zugpferd für die Piraten

Im Bundestagswahlkampf 2013 war Domscheit-Berg selbst das Zugpferd – für die Piraten-Partei in Brandenburg, die aber an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Im September 2014 verließ sie die Piraten. Nun will sie für die Linke bei der kommenden Bundestagswahl antreten. Erst Grüne, dann Piratin, dann am Start für die Linke. Ist das pragmatisches Parteienhopping?

"Nö", meint Domscheit-Berg. Avancen der SPD wäre sie nicht gefolgt, das sei keine linke Partei mehr. Und bei den Piraten sei sie ausgetreten, weil die vermeintlichen Vorreiter sich als platte Sexisten gezeigt hätten.  

 "Was man da als Frau auszuhalten hat. Also das persönlich zu machen, auf den Körper, das Aussehen oder die Sexualität zu beziehen. Deswegen bin ich da ausgetreten und habe beschlossen: Partei ist für mich durch, Partei mache ich nie wieder und ich habe mir da die Finger verbrannt und es hat nichts gebracht."

Aber dann kamen AfD und Pegida. Eine Entwicklung, die sie entsetzt und erschreckt.

 "Wo ich mich wie 1988/89 in der DDR als Studentin gefragt habe: Was mache ich jetzt eigentlich? Gucke ich da zu und sehe, wie der Zug gegen die Mauer fährt? Oder mache ich selber aktiv etwas, auch wenn ich eigentlich gar nicht so wild darauf bin?"

In dem Moment kam die Brandenburger Linke auf die prominente Internetaktivistin zu. Die regiert in Potsdam mit der SPD – und hat einer neuen Umfrage zu Folge ihre Stellung als zweitstärkste Kraft des Landes an die AfD verloren, die auf 19 Prozent der Stimmen kam. Parteichef und Finanzminister Christian Görke hat also ein Problem. Und nicht genug eigene Leute, es zu richten?

 "Das war die Basis selbst. Sie ist auch in der Nachbarstadt, meiner Geburtsstadt, geboren, sie ist Premnitzerin, verortet in der Region. Und das war dann ausschlaggebend: Das Profil, das Standing und sie ist natürlich auch über Brandenburg hinaus bekannt und es ist ein Wahlkreis, der hoch politisch ist – und da ist sie eine gute Wahlalternative."

Jetzt linke Alternative zu Steinmeier

Zu Frank-Walter Steinmeier von der SPD, den es zu schlagen gilt, falls er nicht Bundespräsident wird. Unmöglich wäre ein Sieg gegen Steinmeier in Brandenburg/Havel nicht: Er hatte 2013 nur 300 Stimmen Vorsprung vor der CDU-Bewerberin. Domscheit-Berg bleibt auch als Kandidatin der Linken aber erst einmal parteilos.  

 "Emotional bin ich damit noch nicht fertig. Partei geht noch nicht, aber Politik machen zu wollen, eine linke Stimme dem, was sich da so an rechtem Gedankengut entwickelt, entgegenzusetzen und dann vielleicht mehr Wirkung zu haben, als wenn man eben nur graswurzeltechnisch hier draußen aktiv ist."

Oben in ihrem Haus lässt sie mietfrei eine syrische Flüchtlingsfamilie mit drei kleinen Töchtern wohnen. Mit deren Mutter gräbt sie manchmal zusammen im Garten, erzählt Domscheit-Berg. 

"Hier gibt's übrigens auch syrische Bohnen. Da hat unsere Halima Guerillagardening betrieben und heimlich ein paar Bohnen versenkt." 

Dass das Refugium von Fürstenbergs Bahnhofstraße her komplett einsehbar ist, störe sie nicht, meint Anke Domscheit-Berg: Transparenz auch im Privaten. Zum Abschied zeigt die Netzaktivistin noch kurz das Zukunftslabor im Erdgeschoss, in dem Schulklassen an 3-D-Druckern experimentieren können.  

Aus großen, mit bunter Wolle gefüllten Körben an der Wand ragen Stricknadeln: Domscheit-Berg ist einerseits zwar in Sachen digitale Revolution unterwegs, aber auch leidenschaftliches Mitglied eines Fürstenberger Strickzirkels.  

 "Es hat etwas sehr Befriedigendes, wenn man mal nicht mit dem Kopf arbeitet, wo man redet und schreibt und kaum ist es gesendet, ausgesprochen oder gedruckt, ist es quasi weg und man kann die Leistung nicht mehr sehen und anfassen. Aber wenn man dann so einen Schal hat, ist der da. Das  hat mir eine zusätzliche Befriedigung und einen Ausgleich ins Leben gebracht, die ich für meine eigene mentale Gesundheit einfach gebraucht habe."

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