Montag, 26. September 2022

Kommentar Anklage gegen früheren US-Präsidenten
Trumps Sauerstoff ist die Aufmerksamkeit

Die Anklage gegen Donald Trump wegen Betrugs in Millionenhöhe dürfte dem früheren Präsidenten durchaus nutzen im Rennen um die Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen, kommentiert Doris Simon. Ihm sei es egal, woher die Aufmerksamkeit komme.

Ein Kommentar von Doris Simon | 22.09.2022

Der frühere US-Präsident Donald J. Trump auf einre "Save America"-Kundgebung in Ohio
Der frühere US-Präsident Donald J. Trump ist nun wegen Millionenbetrugs angeklagt (Imago / Kyle Mazza)
Eine Anklage wegen Betrugs in Millionenhöhe – das ist Gift für eine politische Karriere. Erst recht, wenn das Ziel das höchste öffentliche Amt ist. Einerseits. Andererseits ist da der frühere Präsident der USA, der gerne auch der nächste wäre. Und für den gelten landläufige Lebensweisheiten nicht oder nur sehr eingeschränkt.

Skandale und Prozesse: ein Dauerzustand

Natürlich wird sich Donald Trump geärgert haben über das drohende Zivilverfahren. Die Aussicht auf eine mehrstellige Millionenstrafe und das lebenslange Verbot, im Bundesstaat New York Unternehmen zu führen, bedeuten noch eine Schippe drauf auf den Berg rechtlicher Probleme, denen sich Trump ohnehin gegenüber sieht, und noch mehr Anwaltskosten. Einerseits. Andererseits kann sich ein Prozess, wenn es dazu kommt, ewig hinziehen. Überhaupt ist das, was jetzt passiert, seit Jahrzehnten ein Dauerzustand in Donald Trumps Leben: Skandale, Prozesse, ein Heer von Anwälten, die dafür sorgen, dass der Laden trotzdem läuft.
Donald Trump lebt damit sehr gut, denn sein Sauerstoff ist Aufmerksamkeit. Und es ist bei ihm ziemlich egal, woher sich die Aufmerksamkeit speist. Seine rechtlichen und geschäftlichen Probleme nutzt er sehr erfolgreich, um zu mobilisieren und seine innerparteiliche Konkurrenz zur Solidarität mit ihm zu zwingen. Jeder hätte die Reaktion des früheren Präsidenten und seines Umfelds auf die Anklage gestern vorformulieren können, es ist immer das gleiche Muster: Politische Hexenjagd, Amtsmissbrauch, korrupte Justiz, dahinter stecke nur Hass,  auf einen erfolgreichen Ex-Präsidenten und Geschäftsmann.

Keine Differenzierungen bei Trumps Anhängern

Trumps Strategie fällt auf fruchtbaren Boden in einem Land, das in Stammesdenken verfallen ist. So viele Untersuchungen gegen einen früheren Präsidenten, und fast alle angestoßen von Staatsanwälten und Politikern, die der Demokratischen Partei angehören, das könne doch nicht mit rechten Dingen zugehen, meinen längst nicht nur Trumps radikale Anhänger. Wie schwerwiegend die Vorwürfe sind, spielt keine Rolle. Es gibt so wenig Zwischentöne, kein Differenzieren, keine maßvolle Kritik aus den eigenen Reihen. Es geht um „Die“ gegen „Wir“. Ein Angriff auf Trump ist ein Angriff auf die Republikaner ist ein Angriff auf das konservative Amerika ist ein Angriff auf jeden konservativen Wähler.
Deshalb dürfte das drohende Zivilverfahren wegen Betrugs dem früheren Präsidenten durchaus nutzen. Kleinspenden seiner Basis werden fließen und es verschafft Trump einen Vorteil im Rennen um die Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen.
Bei der Vorstellung der Zivilklage sagte New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James: Normale Menschen könnten eine Bank nicht anlügen, und wenn sie es täten, würde die Regierung ihnen das Handwerk legen. Warum sollte das hier anders sein? Eigentlich eine rhetorische Frage. Andererseits geht es für einen großen Teil der US-Bürger um eine Verschwörung - mit Donald Trump als Opfer.
Porträt: Doris Simon
Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der "Informationen am Morgen".