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StartseiteKommentare und Themen der WocheVW steht mit in der Schuld15.04.2019

Anklage gegen Martin WinterkornVW steht mit in der Schuld

VW versucht, maximale Distanz zwischen sich und dem einst gefeierten, jetzt gefallenen Vorstandsvorsitzenden aufzubauen. Aber die Causa Winterkorn hängt enger mit dem Konzern zusammen, als es VW lieb sein dürfte, kommentiert Silke Hahne.

Von Silke Hahne

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VW-Chef Martin Winterkorn übernimmt die Verantwortung für die Abgasaffäre und tritt zurück. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschukte)
Nach deutscher Gesetzgebung können nur natürliche Personen Straftaten begehen, keine Unternehmen: Ex-VW-Chef Winterkorn muss vor Gericht (picture alliance / dpa / Julian Stratenschukte)
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Schwerer Betrug, unlauterer Wettbewerb, Untreue, Steuerhinterziehung – die Anschuldigungen, wegen derer die Staatsanwaltschaft Braunschweig heute Anklagen gegen Martin Winterkorn und vier weitere Führungskräfte erhoben hat, wiegen schwer. Die Beschuldigten hätten die Existenz einer illegalen Abschalteinrichtung bewusst verschwiegen, heißt es unter anderem zur Begründung.

Bewusstes Schweigen, so kann man wohl auch die Reaktion von Winterkorns ehemaligem Arbeitgeber Volkswagen nennen. Die Anklage stehe im Zusammenhang mit individuellen Ermittlungen gegen Einzelpersonen. Volkswagen äußere sich dazu nicht. 

VW will "schmutzige Altlasten" abwerfen

Juristisch wäre das sicherlich auch heikel. Es geht aber noch eine andere Botschaft von Volkswagens Schweigen aus: Wie schon in früheren Fällen schafft VW maximale Distanz zwischen sich und seine einst gefeierten, jetzt gefallenen Top-Manager. Ob in den USA inhaftiert, lange in Untersuchungshaft, oder vielleicht bald auf der Anklagebank: Was andere verbrochen haben mögen, sind schmutzige Altlasten. Von denen will man sich den Aufbruch in die schöne, neue – und vor allem saubere – Mobilitätswelt nicht vermiesen lassen.

Nicht am Vorabend der wichtigsten Automesse für den Konzern in China, wo mittlerweile 40 Prozent aller VW-Autos verkauft werden und die Dieseltechnologie eh niemanden interessiert, da Elektromobilität schon allgegenwärtig ist.

Anklageerhebung kommt für VW zur Unzeit

Zuhause aber dürfte vielen Autofahrern erneut bewusst werden, dass der Dieselskandal noch lange nicht gegessen ist, vor allem nicht für Stadtbewohner. Sei es, weil sie täglich Stickoxid-belastete Luft einatmen. Oder sei es, weil sie Fahrverbote fürchten müssen. Zuletzt waren die Diesel-Verkäufe wieder etwas gestiegen, nun also neue Unsicherheit. Insofern kommt die Anklageerhebung gegen Winterkorn für Volkswagen zur Unzeit; genau wie die neuerlichen Vorwürfe des Kraftfahrtbundesamtes gegen Mercedes für Daimler.

Zuletzt hatten sich die deutschen Autobauer schließlich sehr viel Mühe gegeben, auch im Heimatmarkt wieder für andere Schlagzeilen zu sorgen. Die Debatte um neue Antriebe mag kontrovers gewesen sein, wenigstens durften sich die Unternehmen hier wieder als Taktgeber fühlen, und nicht - wie so oft im Dieselskandal - als Getriebene.

"Das wirft ein unschönes Licht auf den Konzern"

Diese Rolle aber wird ihnen wohl noch eine Zeit erhalten bleiben. Volkswagen allein schon wegen milliardenschwerer Aktionärsklagen und der Musterfeststellungsklage, die Verbraucherschützer im Namen Tausender Autofahrer ausfechten. Aber auch die Causa Winterkorn hängt enger mit dem Konzern zusammen, als es VW wohl lieb sein dürfte: Die Braunschweiger Ermittler zeigen sich überzeugt, dass Winterkorn und Co. in dem Bestreben gehandelt haben, dem Unternehmen möglichst hohe Verkaufszahlen und einen möglichst hohen Gewinn zu verschaffen. Weil davon ihre Boni abhingen, einerseits.

Aber auch, weil höher, schneller, weiter und vor allem mehr, mehr, mehr lange oberste Unternehmenscredos waren. Das wirft erneut ein unschönes Licht auf VW, aber auch die deutsche Gesetzgebung. Die kennt nämlich nach wie vor nur Ordnungswidrigkeiten von Unternehmen, Straftaten können nur natürliche Personen begehen. Eine Unwucht, die Martin Winterkorn nun möglicherweise ausbaden muss.  

Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.

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