Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Dienstag, 21.05.2019
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Skandal, der kein Ende nimmt20.04.2019

Anklage gegen WinterkornEin Skandal, der kein Ende nimmt

Kommt es zum Prozess gegen Martin Winterkorn, würden ihm bis zu zehn Jahre Haft drohen und die Rückzahlung von bis zu elf Millionen Euro Boni. Es wäre die endgültige Pulverisierung seines Lebenswerkes. Doch es steht noch viel mehr auf dem Spiel, kommentiert Silke Hahne.

Von Silke Hahne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ex-VW-Chef Martin Winterkorn (SVEN SIMON)
Martin Winterkorn droht auch in Deutschland eine Anklage wegen Betrugs (SVEN SIMON)
Mehr zum Thema

Anklage gegen Martin Winterkorn VW steht mit in der Schuld

Kartellvorwürfe aus Brüssel BMW, Daimler und VW drohen Milliardenstrafen

Autos und Daten VW und Amazon schrauben an der Cloud

Das Timing war filmreif, vielleicht sogar mit voller Absicht der Staatsanwaltschaft Braunschweig: Ausgerechnet am Vortag der für Volkswagen wichtigsten Automesse in Schanghai gab sie bekannt, dass sie Martin Winterkorn anklagt. Der Vorwurf: unter anderem schwerer Betrug und Untreue. Statt weniger einzelner Mitarbeiter soll also der ehemalige Chef von allen mit Schuld sein an einem der größten Wirtschaftsskandale der letzten Jahrzehnte. Soll sich und das Unternehmen bereichert haben, unlauter, auf Kosten von Umwelt und Kunden.

Als das also öffentlich wurde, trat wenig später in Schanghai der aktuelle Chef von allen bei VW, Herbert Diess, auf die Bühne und erzählte mit betont guter Laune die VW-Erfolgsgeschichte in China: das Land, wo der Dieselantrieb und der Dieselskandal niemanden interessieren. Die Geschichte vom Aufstieg zum Marktführer im größten Markt von allen; und die Geschichte von der sauberen Mobilität für alle, zumindest in diesem Teil der Welt, wo die Politik sie mit Macht durchsetzt.

VW-Vorstand Herbert Diess bei einer Presskonferenz am 16.11.2018. Der Volkswagen-Konzern stockt seine Investitionen in die Elektromobilität und Digitalisierung in den kommenden fünf Jahren auf knapp 44 Milliarden Euro auf. (dpa / Julian Stratenschulte)VW-Vorstand Herbert Diess (dpa / Julian Stratenschulte)

Unisono feierte der Konzern an diesem Abend die Entwicklung der Mobilität in Fernost - weg vom eigenen Auto, hin zu Mitfahrdiensten; weg vom Verbrenner, hin zur Elektromobilität - und die klaren Rahmenbedingungen, die die Politik des Landes Autokonzernen setzt. 

Ruhmlose Vergangenheit 

Das sollte eigentlich aufhorchen lassen - was führen Autobosse im Schilde, die die Regulierung ihrer Branche begrüßen und die Abschaffung des Verbrenners als gegeben hinnehmen? Aber für den Moment verpuffte der Effekt, redete niemand von der glorreichen Zukunft des Konzerns - sondern nur seiner ruhmlosen Vergangenheit. Auch wenn VW sich an diesem Abend nach Kräften bemüht, die Linien zwischen der Anklage gegen Winterkorn und den eigenen Rechtsstreitigkeiten zu verwischen: kein Kommentar zu "individuellen Ermittlungen gegen Einzelpersonen". 

Zehntausende Seiten haben die Staatsanwälte in diesen Ermittlungen gegen die Einzelperson Winterkorn und weitere Beschuldigte zusammengetragen; langsamer als in den USA, mit weniger scharfen Rechtsmitteln im Rücken, aber mit Akribie haben sie Informationen verdichtet zu einem aus ihrer Sicht hinreichenden Tatverdacht. 9.058.621 in Wahrheit nicht zulassungsfähige Fahrzeuge, so listen die Ermittler auf, wurden in Verkehr gebracht und verbotswidrig zugelassen. Stimmt das Landgericht Braunschweig ihnen zu, glaubt es, dass eine Verurteilung wahrscheinlich ist, dann wird das Verfahren eröffnet. 

Es wäre die nächste Zäsur in diesem Skandal, der kein Ende nimmt. Dann würden Winterkorn bis zu zehn Jahre Haft drohen und die Rückzahlung von bis zu elf Millionen Euro Boni, die er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu Unrecht ausgezahlt bekommen hat. Es wäre die endgültige Pulverisierung seines Lebenswerkes, von dem auch so schon nicht mehr viel übrig ist.

Erst Pedant, dann ahnungslos?

Der Beschuldigte war einst berüchtigt für seine Pedanterie, will aber von den unfassbaren Vorgängen in seinem Konzern nichts mitbekommen haben; die entscheidende Notiz in seiner Wochenendlektüre von Geschäftsunterlagen hat er nach eigener Aussage nicht studiert. Bis ihm das Gegenteil gerichtlich bewiesen wird, gilt für ihn also die Unschuldsvermutung. 

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein Prozess gegen Winterkorn mindestens so dreckig würde wie die Abgase, um die es hier geht. Winterkorns Verteidiger schießen sich jetzt schon mal auf die Staatsanwälte ein. Sie monierten, nicht ausreichend Zeit fürs Studium von Unterlagen eingeräumt bekommen zu haben. Auf diese Gangart der Staatsanwaltschaft hieß es, werde man sich einstellen.

Es werden weitere Aussagen und Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen

Kommt es zum Prozess, davon kann man ausgehen, werden wieder Dokumente und Aussagen an die Öffentlichkeit gelangen; dann werden wieder auch außerhalb des Gerichtssaals die Fragen verhandelt: Was wusste Martin Winterkorn? Wann? Aus welcher Notiz, E-Mail oder Unterhaltung?

Da dieser Winterkorn aber nicht im luftleeren Raum agiert hat, unwissend oder nicht, tangieren all diese Fragen auch Volkswagen. Was für ein System hat all das ermöglicht? Ist es inzwischen wirklich anders? Wer wusste noch etwas? Fragen des Aktionärsrechts sind berührt, auch die Frage, ab wann VW manipulierte Autos nicht mehr hätte verkaufen dürfen, welche Kunden also vielleicht offiziell betrogen wurden.

Es geht um mehr als nur Winterkorn auf der Anklagebank

Das alles heißt: Kommt es zum Prozess, sitzt nicht nur Martin Winterkorn auf der Anklagebank, sondern der gesamte Konzern. Und der kann sich dann wohl auf noch die ein oder andere filmreife Überraschung einstellen.

Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk