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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrotz Corona nicht das Pulver verschießen19.03.2020

Anleihekaufprogramm der EZBTrotz Corona nicht das Pulver verschießen

Die EZB mobilisiert ein milliardenschweres Programm, um die Liquidität im Euroraum zu bewahren. Doch Klemens Kindermann warnt: Was, wenn es schlimmer kommt. Hat die Zentralbank ihr Pulver dann schon verschossen?

Von Klemens Kindermann

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Totale des Gebäudes der Europäischen Zentralbank von unten, im Vordergrund ein Schild, worauf "European Central Bank / Eurosystem" zu lesen steht (picture alliance / Daniel Kalker)
Haupteingang der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend (picture alliance / Daniel Kalker)
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Die Europäische Zentralbank ist lernbereit. Nachdem ein erstes Hilfspaket vor einer Woche eindeutig zu klein geraten war und völlig verpuffte, erhöht sie auf eine dreiviertel Billion Euro. Eine schwindelerregende Summe. Was noch schwindelerregender ist: Schranken und Vorbehalte, die einmal für Europas Zentralbank als neutralem Hort der Stabilität galten, werden außer Kraft gesetzt. Ob die EZB, die ihrem Auftrag nach eigentlich nur für stabile Preise sorgen soll, überhaupt so viele Anleihen kaufen darf, steht offenbar gar nicht mehr in Frage. Dass die EZB seit heute Nacht auch kurzfristige, mit Ausfallrisiken behaftete Unternehmensanleihen kauft, scheint kein Problem mehr zu sein.

Man könnte sagen: im Angesicht der Corona-Krise hat die EZB seit heute Nacht in einen "Alles ist Möglich"-Modus umgeschaltet – mit ungewissen Folgen für die Stabilität der Währung Euro.
Das Motiv ist klar und durchaus ehrenwert: Unternehmen sollen durch Liquidität gerettet werden und Staaten wie Italien vor dem Bankrott bewahrt werden. Die Frage ist nur, ob es die Europäische Zentralbank ist, die in der Corona-Krise wirklich wirksam werden kann.

Die Regierungen sind gefordert

Die EZB hätte wachsam die Resonanz auf ihr erstes Paket vor einer Woche beobachten sollen: sie war gleich Null trotz des Versprechens des Anleihekaufs von 120 Milliarden Euro. Auch die am Sonntagabend ebenfalls völlig überraschend von der US-Notenbank Fed aufgefahrene Superkanone einer Leitzinssenkung auf nahe Null Prozent blieb vollkommen wirkungslos. Offenbar werden Notenbanken nicht als diejenigen angesehen, auf die es in der Bekämpfung der Corona-Krise ankommt. Neben dem Gesundheitswesen und der Wissenschaft sind da vielmehr die Regierungen gefordert, die ja auch bereits an massiven Hilfspaketen basteln.

Die entscheidende Frage ist, ob sich die Zentralbanken jetzt nicht selbst das Pulver wegnehmen, welches sie in Zeiten der "Nachhölle" der Corona-Krise dringend bräuchten. Denn dann drohen wankende Banken, die auf ihren Krediten sitzenbleiben, und möglicherweise eine schwere Finanzkrise. Auf die EZB wartet zusätzlich ein drohendes Auseinanderbrechen des Euros, wenn die Staaten im Euroraum andere Mitglieder des Eurosystems wie Italien nicht retten wollen oder sogar auch gar nicht retten können. Kann die EZB dann noch reagieren? Vielleicht nicht. 

 

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft und seit 2012 stellvertretender Chefredakteur beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

 

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