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StartseiteKultur heuteRestaurierung in mühevoller Kleinarbeit12.07.2016

Anna-Amalia-Bibliothek in WeimarRestaurierung in mühevoller Kleinarbeit

2004 verursachte ein Brand in der historischen Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar große Schäden. Zwölf Jahre später zeigt die Bibliothek in einer Ausstellung, wie die Restaurierung vorangeht. Vizedirektor Jürgen Weber schätzt, dass sie noch acht Jahre dauern wird.

Jürgen Weber im Gespräch mit Änne Seidel

Blick in die Bibliothek mit Büchern auf Borden, stuckverzierten Wänden, Durchgängen und einer Empore (imago / Jürgen Ritter)
Blick in die restaurierte Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar im Oktober 2015 (imago / Jürgen Ritter)
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Änne Seidel: Es war eine Nacht, an die sich die Stadt Weimar wohl noch lange erinnern dürfte: die Nacht vom 2. auf den 3. September 2004. Die Nacht, in der es hieß: Die Bibliothek brennt. Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek mit ihren wertvollen Beständen stand in Flammen und das alles wegen eines defekten Kabels. Feuerwehr, Mitarbeiter der Bibliothek und Weimarer Bürger schafften es zwar, mit vereinten Kräften noch einige Bücher zu retten. Trotzdem war der Schaden enorm, der finanzielle, aber natürlich auch der kulturelle Schaden. 50.000 Bücher zerstört, weitere 67.000 beschädigt. Seither wurde fleißig restauriert, und wie genau das mit der Restaurierung funktioniert, das dokumentiert die Bibliothek zurzeit in einer Ausstellung, kuratiert von Jürgen Weber, zugleich auch stellvertretender Direktor der Bibliothek. Ihn habe ich vorhin erst mal gefragt, wie viele Bücher denn mittlerweile schon restauriert wurden.

Jürgen Weber: Wir konnten 37.000 Bücher, die schwere Einbandschäden hatten, restaurieren, und wir haben darüber hinaus noch 56.000 Grafiken und Bücher gehabt, die aufgrund von einer Schadstoffbelastung dekontaminiert werden mussten. Auch das ist erledigt. Und von den 25.000 sogenannten Aschebüchern, also solchen Büchern, die überhaupt keine Einbände mehr haben, konnten wir rund 3.000 Einheiten restaurieren. Das entspricht rund 600.000 Blatt.

Seidel: Vor zwei Jahren zum zehnjährigen Jahrestag des Brandes, da hieß es, die Restaurierung werde noch sechs bis zehn weitere Jahre in Anspruch nehmen. Können Sie das mittlerweile genauer abschätzen? Bis wann wird es noch dauern, bis dann tatsächlich alles restauriert ist?

Weber: Ich denke, dass wir rund acht Jahre noch benötigen, um diesen Bestand an restaurierungsfähigen Aschebüchern zu bearbeiten.

Der Dachstuhl der zum Weltkulturerbe gehörenden Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar steht am 02.09.2004 in Flammen. (picture alliance / ZB / Michael Paech)Der Dachstuhl der zum Weltkulturerbe gehörenden Herzogin Anna Amalia Biblithek in Weimar steht am 02.09.2004 in Flammen. (picture alliance / ZB / Michael Paech)

"Es klingt auch wieder als Papierstück"

Seidel: Sie haben da ja auch ganz spezielle Verfahren für die Restaurierung der Bücher entwickelt. Sie sprechen jetzt die Aschebücher an. Wie genau gehen Sie da vor? Man muss sich ja vorstellen: Sie halten da dann wirklich einen Rußklumpen in den Händen. Wie wird aus dem wieder ein lesbares Buch?

Weber: Zunächst werden die Bücher in einem Wasserbad gereinigt, von den Schadstoffen und von den Ascheresten. Dann kommt es darauf an, die Fehlstellen zu ergänzen. Die können sich mitten in so einem Blatt befinden, aber insbesondere hier natürlich am Rand. Dort wird ein Faserbrei angeschwemmt im Unterdruckverfahren und zuletzt muss die Oberfläche noch weiter stabilisiert werden. Das erreichen wir, indem wir ein Papierfließ aus Japanpapier darüberlegen. Das ist hauchdünn, so dünn, dass Sie es fast nicht mehr wahrnehmen, das aber dem Blatt eine Stabilität verleiht, so dass Sie es wieder binden können und wirklich als Buch verwenden können. Es klingt auch wieder als Papierstück, wenn Sie es so anschlagen.

Seidel: Das klingt jedenfalls nicht ganz unkompliziert. Und dieses Verfahren, das versuchen Sie dann auch in der Ausstellung anschaulich zu machen?

Weber: Ja. Das Wichtige hieran ist: Im Prinzip kannte man diese Techniken schon in der Papierrestaurierung. Aber hier ist es soweit ausgearbeitet und entwickelt worden, dass wir es in Mengenverfahren anwenden können.

Seidel: Mengenverfahren bedeutet, dass Sie viele Bücher auf einmal restaurieren können, richtig?

Weber: Ja. Und dazu gehört auch, dass wir es unternommen haben, die historischen Einbände zu restaurieren. Wir haben eine Infrastruktur aufgebaut, die es uns erlaubt, mit jetzt zurzeit 27 Werkstätten in ganz Europa zusammenzuarbeiten.

Bibliotheksdirektor Michael Knoche zeigt am Freitag (03.09.2004) ein vom Löschwasser beschädigtes wertvolles Buch aus der Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)Bibliotheksdirektor Michael Knoche zeigt kurz nach de, Brand ein vom Löschwasser beschädigtes wertvolles Buch aus der Sammlung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Seidel: Jetzt sind bei dem Brand aber ja auch viele Bücher so stark zerstört worden, dass sie nicht mehr restauriert werden können. Was ist mit den Überresten passiert? Lagern die jetzt irgendwo auf einem Bücherfriedhof?

Weber: Nein. Es ist so, dass wir 50.000 Bände gar nicht mehr bergen konnten. Wir können nur aus Kataloganalysen ermitteln, worum es sich handelt. Diese Bände versuchen wir, auf dem antiquarischen Markt wiederzubeschaffen oder einen Ersatz zu beschaffen dafür. Da sieht die Bilanz so aus, dass wir bisher rund 10.000 Bände wiederbeschaffen konnten. Aber was wir nicht zurückbekommen sind einmal der Einband. In unserem Bestand ist es so, dass fast alle Bücher Gebrauchsspuren enthalten. Die sind endgültig verloren gegangen und die sind es auch, die uns motiviert haben, überhaupt das Restaurierungsprojekt für die Bücher, die wir geborgen haben, anzugehen.

Seidel: … sagt Jürgen Weber, stellvertretender Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, zum Stand der Buchrestaurierungen, zwölf Jahre nach dem Brand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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