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StartseiteBüchermarktNeapolitanische Eingeweideschau09.02.2020

Anna Maria Ortese: „Neapel liegt nicht am Meer“Neapolitanische Eingeweideschau

Eine große Außenseiterin der italienischen Literatur ist wiederzuentdecken. Anna Maria Orteses neapolitanische Erzählungen und Reportagen, von Elena Ferrante zum Vorbild erklärt, sind neu übersetzt worden. Die Texte gehören zu den großartigsten Zeugnissen italienischer Kultur im vergangenen Jahrhundert.

Von Dorothea Dieckmann

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Blick auf Neapel mit dem Vesuv im Hintergrund im Regen. (imago / Paolo Manzo)
Neapel im Regen (imago / Paolo Manzo)
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Literatur Blick durch die dunkle Scheibe

Tanz auf dem Vesuv Neapel und seine Schriftsteller

"Ich bin eine unsympathische Person. Ich bin abweisend und nicht vorzeigbar. Ich habe Ansprüche an die Welt, ich wünsche mir, die Dinge wären nicht so, wie sie sind. Da ich von der Welt nur die untersten Schichten kenne, meine Urteile dagegen auf alles anwende, erscheine ich letzten Endes ungerecht, ja ich bin es, und deshalb möchte ich lieber nicht sprechen. Ich stehe in ständigem Widerspruch zu mir selbst. Die Einzigen, die mich lieben können, sind diejenigen, die leiden. Wenn jemand wirklich leidet, weiß er, dass er sich in meinen Büchern finden kann."

Wer hier – im Widerspruch zu sich selbst – sagt, dass er lieber nichts sagen will, ist eine der größten italienischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts: Anna Maria Ortese. Vermutlich hat die 82-Jährige, als sie dieses bittere Selbstbildnis verfasste, bewusst auf Herman Melvilles Erzählung "Bartleby" angespielt, deren Protagonist mit seinem einzigen, wiederholten Satz "Ich möchte lieber nicht" zum Inbegriff des stillen Verweigerers wurde. Hinter ihr lag in der Tat ein leidvolles Leben in Armut und Isolation, mit ständigen Ortswechseln: insgesamt 36 Wohnsitzen in zehn Städten. Schon die Familie, in die sie als sechstes von sieben Kindern hineingeboren wurde, zog dauernd um, darunter, von Anna Marias elftem bis zum vierzehnten Lebensjahr, in die italienische Kolonie Libyen. Danach zog die Familie in die heruntergekommene Calata Piliero am Hafen von Neapel, jener Stadt, die für Ortese zeitlebens ein Herzens- und Heimwehort bleiben sollte. Ihre kurze Schulzeit endet nach einem Besuch der Handelsschule. Als schmerzlicher Auslöser ihres Schreibens gilt der frühe Tod ihres Lieblingsbruders Emanuele, bald gefolgt von dem ihres Zwillingsbruders Antonio. 1937 erscheint ein erster Band mit Erzählungen. Die Wohnung der Familie wird ausgebombt; es folgen weitere Umzüge. Nach dem Krieg lebt Ortese von der Hand in den Mund, vagabundiert als Journalistin ohne feste Adresse durch Italien und kehrt immer wieder in die versehrte Stadt am Vesuv zurück. Dort wird der jungen Schriftstellerin von einer Gruppe Literaten und Intellektueller eine Mitarbeit an der Kulturzeitschrift "Sud" ("Süden") angetragen. Sie selbst empfindet Skrupel, genießt jedoch die Wiederentdeckung der Stadt:

"Als ich nach Neapel zurückkehrte, war ich wieder zu einer Unbekannten geworden, doch ich ‚sah’ die Stadt zum ersten Mal. Als Mädchen hatte ich keinerlei Kontakt mit der Wirklichkeit gehabt. Die schrecklichen Zustände, die ich erlebte, hatten mich verstört."

Visionäre Beobachterin

1950 erscheint ein zweiter Band mit Erzählungen, "Die begrabene Infantin". In der Titelgeschichte heißt es:

"Ich habe lange Zeit in einer wahrhaft außergewöhnlichen Stadt gewohnt. Dort (...) war alles, das Gute und das Schlechte, Heil und Qual, singende Freude und reißender Schmerz, (...), waren all diese Klänge so eng verbunden, so miteinander vermischt und verschweißt, dass jemand, der von außen in die Stadt kam, vollkommen befremdet war, wie von einem Orchester, dessen Instrumente, aus menschlichen Seelen gebildet, dem ordnenden Taktstock des Dirigenten nicht mehr gehorchten, sondern jedes für sich spielten, sodass ein wundersames Durcheinander entstand (...)".

Weitere drei Jahre später veröffentlichte die 38-Jährige ihr drittes Buch, das trotz hoher Anerkennung ihr Unglück als Mensch und Autorin zementieren sollte: "Il mare non bagna Napoli", wörtlich übersetzt: "Das Meer benetzt (oder berührt) Neapel nicht". Das Paradox, mit dem der Titel die stolze Stadt am Mittelmeer belegt, kennzeichnet die Wahrnehmung der Autorin. Sie registriert die nackte Wirklichkeit so gestochen scharf, dass die Beobachtung ins Visionäre übergeht; so kann sie behaupten, dass der Glanz des Meeres – und das Meer nimmt eine große Rolle in ihrem Leben und Schreiben ein – das Elend der Küstenstadt nicht berührt, kühlt und überstrahlt. Kurz, in den Worten des deutschen Titels: "Neapel liegt nicht am Meer". Orteses hellsichtigen Blick kündigt, so symbolisch wie programmatisch, die erste Erzählung "Die Brille" an. Die kleine halbblinde Eugenia, die in einer der dunklen und feuchten, direkt auf die Gasse gehenden Neapolitaner Erdgeschosswohnungen lebt, soll eine für die arme Familie sündhaft teure Brille bekommen, die ihr beim Optiker angepasst wurde. Bisher war die Welt des Kindes hinter einem Nebelschleier verborgen:

"Nur die Gesichter ihrer Angehörigen (...) kannte sie gut (...). Die Mama schlief mit offenem Mund, man sah ihre abgebrochenen, gelben Zähne; ihre Geschwister (...) waren immer schmutzig und voller Furunkel und ihre Nasen voller Schleim. (...) [Eugenia] spürte verschwommen, dass es jenseits des Zimmers, das immer voll nasser Wäsche war, jenseits der kaputten Stühle und des stinkenden Klos, Licht, Klänge, schöne Dinge gab; und in dem Moment, in dem sie die Brille aufgesetzt hatte, hatte sie eine wahre Offenbarung erlebt (...)."

In Neapels Gassenschluchten

Das verwahrloste Mädchen kann nicht wissen, dass die Offenbarung nur dem Anblick der mondänen Via Roma durch das Schaufenster des Optikers geschuldet war, deren farbige Eleganz die Erzählung als ein Wunder schildert. Als Eugenia jedoch, umringt von den Nachbarn, die Brille auf der Gasse aufsetzt, stürzt das Grauen der verdreckten Gassenschluchten wie ein Höllenpanorama von Hieronymus Bosch über sie herein, sodass sie sich krümmt und erbricht. In dieser einfachen und zugleich kunstvoll novellistischen Weise gestaltet die Autorin eine Weisheit von poetologischer Reichweite. Ihre eigene Brille ist die Sprache. Sie durchdringt den Schleier der Gewohnheit und öffnet die Sinne für Schönheit und Grauen. Anna Maria Ortese schreibt gleich weit entfernt von lokalpatriotischen wie von touristischen Postkartenansichten; man findet weder moralische Wertungen noch neorealistische Klischees. Eine zweite Erzählung, angesiedelt im kleinbürgerlichen Milieu, führt – wiederum über die feinsten Details der Außenwelt – ins Innere einer alternden Junggesellin, die sich einen Moment lang der Illusion einer späten Ehe hingibt, bis das Gefühl einer schwermütigen Klarheit weicht:

"Alles war so neu, so dicht in seiner alltäglichen Einfachheit. (...) Deshalb waren ihre Augen voll Tränen: (...) weil es in diesem Lebenso viele Dinge gab, es gab das Leben und den Tod, die Seufzer des Fleisches und die Verzweiflungen, die gedeckten Tische und die dunkle Arbeit, die Weihnachtsglocken und die ruhigen Hügel von Poggioreale. (...) Und mit einem Mal merkte sie, dass mitten unter den vielen Emotionen ihr tiefstes Denken von neuem so ruhig, kühl und untätig geworden war wie seit eh und je, und Antonio und selbst das Leben waren ihr egal."

Reportagen aus der Unterwelt

Dieselbe fließende, sich gerade in ihrer durchscheinenden Beobachtung für das Mitgefühl des Lesers öffnende Darstellung findet sich in den beiden Reportagen, die auf die fiktiven Geschichten folgen. Die eine führt durch eins der zentralen Armenviertel in ein Pfandleihhaus, die andere in den Palazzo dei Granili, ein gigantisches altes Industriebauwerk am Hafen. Es hatte im Lauf der Geschichte als Getreidespeicher, Gefängnis, Cholera-Hospital, Militärarsenal und Kaserne gedient und nahm nun durch den Krieg verarmte und obdachlos gewordene Bewohner auf. Orteses Bericht mit dem Titel "Die Stadt wider Willen" setzt dem monströsen Schreckensbau, der kurz darauf abgerissen wurde, ein Mahnmal von Dantescher Dimension. Am Eingang zu diesem Höllenkreis hält die Journalistin ihre Kritik nicht zurück. Bevor sie den Leser dazu bringt, sich unter ihrer Führung von den endlosen düsteren, stinkenden Korridoren, den Eingeweiden des Elends verschlucken zu lassen, fällt sie ihr Urteil:

" (...) nur ein zutiefst krankes menschliches Gefüge [kann] dulden, wie es Neapel, ohne sich zu beunruhigen, duldet, dass eines seiner Glieder in Fäulnis übergeht (...). Nach dem Besuch (...) kommt keinem mehr in den Sinn, noch ein niedrigeres Neapel zu besuchen. Hier zeigen die Barometer keinen Grad mehr an, die Kompasse spielen verrückt. Die Menschen, die einem entgegenkommen (...), sind Larven eines Lebens, in dem es einmal Wind und Sonne gab, woran sie aber keine Erinnerung mehr haben. Sie kriechen, klettern oder schwanken, das sind ihre Arten der Fortbewegung. Sie (...) sind keine Neapolitaner mehr und auch sonst nichts."

Das Schweigen der Vernunft

Nur wer seine Stadt und ihre Bewohner so innig liebt, wie Anna Maria Ortese Neapel geliebt hat, ist fähig, die Schwellen zu ihrer Unterwelt sehenden Auges und ohne gefühlige Begleitmusik zu überschreiten. In den Reportagen zügelt sie ihre Empörung durch äußerste subjektive Genauigkeit; dies verleiht ihrer Anklage eine rebellische Kraft. Und doch wurde ihr noch Jahrzehnte später anlässlich der Neuausgabe des Bandes vorgeworfen, sie habe mit ihrem "mitleidlosen" Eindringen in das menschliche Elend das "Hausrecht" und die Intimität der Betroffenen verletzt. So äußerte sich der Schriftsteller Erri de Luca, den Franz Haas, der lange Jahre mit Ortese korrepondierte, in seinem Nachwort zu Recht als "Produzent mittelmäßiger neapolitanischer Folklore" bezeichnet. Aber nicht nur wegen literarischer Differenzen wurde die Verfasserin von "Il mare non bagna Napoli" bis über ihren Tod hinaus angefeindet. Grund ist vielmehr der letzte und längste Beitrag des Buches, "Das Schweigen der Vernunft". In einer Mischung aus Fiktion und Dokumenta­tion porträtiert Ortese die literarisch-journalistische Freundesgruppe um die Zeitschrift "Sud". Dazu erfindet sie eine Ich-Erzählerin auf der Suche nach Informationen für einen Artikel mit dem Titel "Was tun die jungen neapolitanischen Schriftsteller". Während sie die Stadt mit der Straßenbahn und zu Fuß durchstreift, besucht sie die einen, halluziniert die anderen und trifft per Zufall auf wieder andere. Das Ergebnis ist zutiefst ernüchternd:

"Ich hatte gesehen, dass die Erklärung des Endes, des Scheiterns (...) in jedem Gesicht stand, wie ein Gerichtsbescheid an einer armen Tür: Dahinter ahnte man das Feuer, das am Erlöschen war, einen gebeugten Rücken, ein erschrecktes Auge oder auch ein wild brennendes Feuer, das bald erlöschen würde. (...) Alle waren hier gefallen, die sich gewünscht hatten zu denken oder zu handeln, all diese Stimmen hatten den Faden verloren (...)."

Mit albtraumhafter Schärfe entwirft die Schriftstellerin das Sittenbild einer müden, verlorenen, in selbstgerechten Attitüden erstarrten Generation von Intellektuellen auf dem Hintergrund der Stadt, deren wildes Eigenleben sich ihren Abstraktionen und Besserwissereien entzieht. Bitterer als eine poetische Fiktion und doch poetischer als eine Satire, entlarvt diese Erzählung die Gleichgültigkeit der bürgerlichen Intelligenz gegenüber der vulkanischen, magischen Macht Neapels und der archaischen Natur seiner einfachen Bewohner; sie beklagt die Weigerung der selbsternannten neapolitanischen Dichter und Denker, ihre Sinne und ihr Empfinden für den Menschen zu öffnen. Unerbittlich traurig ist die Betrachtung der Erzählerin beim nächtlichen Gang neben einem ihrer Protagonisten:

"(...) ich erinnerte mich, ihn in den Jahren des ‚Sud’ immer so gesehen zu haben (...): mit diesen kleinen, raschen Schritten, ohne etwas anzuschauen, eiskalt, seine Gedanken auf die Dinge gerichtet, die es zu tun galt. Zu meiner unermesslichen Verwunderung glaubte ich zu verstehen, dass er weder Phantasie noch Gefühle besaß (...), und dies ermöglichte ihm, keine Angst vor Neapel zu haben. Wie alles Monströse, so hatte auch Neapel keinerlei Wirkung auf Personen, die nicht besonders menschlich waren, in einem kalten Herzen vermochten seine maßlosen Zaubereien keine Spur zu hinterlassen."

Vorwurf der Nestbeschmutzerin

Als das Buch im Einaudi-Verlag erschien, war es für die Betroffenen kein Kunststück, sich wiederzuerkennen, denn Anna Maria Ortese hatte dem Wunsch ihres Lektors Elio Vittorini stattgegeben, sämtliche Personen beim Klarnamen zu nennen: Lokalmatadoren wie Luigi Compagnone, Domenico Rea, Raffaele La Capria und Pasquale Prunas. Verletzte Eitelkeit und moralische Empörung waren so heftig und einhellig, dass sie einer Vertreibung gleichkamen und die Autorin seither keinen Fuß mehr in die Stadt setzte. Offenbar hatte in der Zeit der Zusammenarbeit keiner der Kollegen daran gedacht, dass die von ihnen angeworbene Autorin den scharfen Blick, der ihre Schriften auszeichnete, auch auf ihre unmittelbare Umgebung richtete. Anders als im London der kritischen Gesellschaftsdame Virginia Woolf, mit deren filigraner, präziser Subjektivität Orteses Schreiben vieles gemeinsam hat, fehlten in der italienischen Umgebung Großzügigkeit, Streitlust und Humor – nicht zuletzt aufgrund einer viel provinzielleren und zutiefst patriarchalischen Grundhaltung. Dass noch heute Autoren späterer Generationen stellvertretend polemisieren, Ortese habe ihre Freunde "ausspioniert", zeugt von dem dauerhaften männerbündlerischen Instinkt, die Kritikerin als Nestbeschmutzerin zu brandmarken. Orteses unbestechlicher Blick auf Neapels Schattenseiten bildet dabei eine willkommene Folie für die Exkommunikation aus der Familie der Wohlmeinenden und Heimatverbundenen. Aber war "Il mare non bagna Napoli" wirklich ein Buch gegen Neapel?

"Im Abstand von vier Jahrzehnten frage ich mich, (...) ob es falsch war, das Buch zu schreiben, und wie man es heute lesen sollte. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, hat damit zu tun, wie das Buch geschrieben ist. Wenige sind imstande zu verstehen, dass man in dem 'Wie' des Geschriebenen den einzigen Schlüssel für die Lektüre eines Textes (...) findet. Also gut, das 'Wie' dieses Buches hat etwas Überschwängliches, Fieberhaftes, tendiert zu hohen Tönen, neigt zur Halluzination: Fast auf jeder Seite erscheint selbst in seiner Strenge ein ‚Zuviel’: Die Anzeichen einer authentischen ‚Neurose’ sind offenkundig."

So steht es in dem Vorwort, das Ortese anlässlich der Neuausgabe des Bandes im Jahr 1994 schrieb. Doch es handelt sich keineswegs um eine entschuldigende Rücknahme. Denn sie erklärt ihre damalige "Neurose" als Entfremdung von der sogenannten Wirklichkeit und ihre Wiederbegegnung mit Neapel nach dem Krieg als deren Steigerung. Schnell wird klar, dass "Neurose" hier nichts anderes bedeutet als das existentielle Bedürfnis zu schreiben – und mit den Mitteln der Literatur einer Entfremdung Ausdruck zu verleihen, die in Wahrheit das Merkmal der unzumutbaren Wirklichkeit ist. Es versteht sich von selbst, dass Orteses Mittel, das "Wie" ihres Schreibens, keinesfalls schlicht realistisch sein kann. Das fieberhaft "Neurotische", das flackernde Changieren zwischen Innen und Außen, Bildern und Phänomenen, untergründigen Emotionen und sinnlichen Oberflächen, radikalem Naturalismus und Phantastik hat experimentelle, avantgardistische Züge. Neben der erwähnten Virginia Woolf sind Katherine Mansfield, Joyce mit seinen "Dubliners", die "magischen Realisten" Südamerikas, vor allem aber ihr großer italienischer Zeitgenosse Carlo Emilio Gadda als literarische Verwandte genannt worden. Nicht zuletzt ihr unkoventioneller Stil hat zu Orteses Verkanntheit beigetragen. Nur wenige etablierte Kollegen – darunter der Rebell Pier Paolo Pasolini – waren ihr zugetan. Als sie ihren durchweg prekären Lebensverhältnissen 1965 den Roman "L’Iguana" abrang, blieb das kleine Meisterwerk unbeachtet. Ein Liebesroman, der ihr im Nachhinein peinlich war, bekam dagegen den Premio Strega. Später kommentierte Franz Haas:

"Für ihren schlechtesten Roman bekommt sie 1967 den höchsten Literaturpreis Italiens, als aber im Jahr 1975 ihr größtes Werk erscheint, wird es von keiner einzigen Zeitung im Land rezensiert."

Später Ruhm

Dieses Hauptwerk mit dem Titel "Il porto di Toledo", "Der Hafen von Toledo", nach Haas "einer der größten italienischen Romane des Jahrhunderts", gibt der Stadt Neapel den Namen der Via Toledo, die in Neapel die schachbrettartigen Gässchen des sogenannten Spanischen Viertels auf Höhe der früheren Stadtmauer in Richtung Meer begrenzt. Die "Hispaniserung" Neapels als fiktives Toledo spielt auch auf die Tatsache an, dass Orteses väterliche Vorfahren aus Spanien stammten und der Name Ortese vermutlich die italienische Variante des spanischen "Ortez" ist. Erzählt wird mit autobiografischen Anklängen die Geschichte der jungen, schreibenden und unglücklich liebenden Damasa unter einem gewalttätigen Regime. Das zauberische, gespenstisch traumverlorene Buch ist bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden. Auch in Italien ist Ortese erst als knapp Achtzigjährige mit ihrem letzten Roman, "Die Klage des Distelfinken", endlich berühmt geworden. Ihr Glück war die Begegnung mit dem Adelphi-Verlag, der daraufhin ihre früheren Werke nach und nach wieder auflegte – darunter auch die Neuausgabe von "Il mare non bagna Napoli". Auf Deutsch lag seit 1955 die Übersetzung von Charlotte Birnbaum vor. Der Titel "Neapel, Stadt ohne Gnade", den man damals gewählt hatte, spielt ausgerechnet auf ein schwülstiges Gedicht von Luigi Compagnone an, das Ortese in ihrer inkriminierten Erzählung spöttisch zitiert hatte: "Dies ist meine Stadt ohne Gnade". Durchaus denkbar ist, dass "Il mare non bagna Napoli" zu einem wesentlich besseren Gedicht beigetragen hat. Ingeborg Bachmann, Italien zeitlebens verbunden, schrieb im Jahr 1964 ihr Gedicht "Böhmen liegt am Meer". Die Gnade, die im deutschen Titel anklang, findet sich in diesen, auch an Orteses Person erinnernden Zeilen:

"Wie Böhmen (...) eines schönen Tags
Zum Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen."

Mit Marianne Schneiders Neuübersetzung sind die Erzählungen für deutsche Leser vom Staub der 1950er-Jahre befreit und um viele holprige, ja falsche Anlehnungen an die Originalsprache bereinigt worden. Trotz der wendigen und reichen Sprache wartet aber auch die neue Übertragung mit Schnitzern auf, die man bei dieser verdienten Übersetzerin nicht erwartet. Dass die "schmerzensreiche Jungfrau Maria" oder gar die "Madonna der sieben Schmerzen" mit "die schmerzhafte Jungfrau" wiedergegeben wird, ist ebenso peinlich wie der Klageruf "Liebe Frau, haben Sie’s gehört, welches Erbarmen!" Immer wieder stolpert man über konfuse Formulierungen, etwa wenn sich Männer "tatenlos auf ein Fensterbrett werfen","Ideen in Verwirrung gestürzt" werden oder ein "ganzes außerordentliches Fantasieren" von Gram begleitet wird. Allerdings ist Anna Maria Orteses Schreiben selbst im besten Sinn oft unfrisiert und verschroben. Sie, die sich als "Schiffbrüchige" bezeichnete, hat ihre letzten Jahre in notorischer Zurückgezogenheit fern von Neapel verbracht, getröstet vom späten Ruhm, aber auch verstört durch das Wiederaufflammen des Grolls gegen sie anlässlich des Neudrucks von "Il mare non bagna Napoli". Als letztes Buch wurde ihr wichtigster Roman "Il porto di Toledo" wieder aufgelegt; zwei Wochen später starb die große Außenseiterin 84-jährig. Ihr 100. Geburtstag im Juni 2014 wurde in Italien posthum nur in ein paar akademisch-literarischen Nischen gefeiert. Ein Schlaglicht hat jedoch die geheimnisvolle Bestsellerautorin Elena Ferrante auf ihre neapolitanische Vorfahrin geworfen, als sie bekannte:

"Was Neapel angeht, so fühle ich mich heute vor allem angezogen von Ortese. Wenn es mir gelänge, noch von dieser Stadt zu schreiben, würde ich versuchen, die Richtung zu erforschen, die sie gezeigt hat."

Anna Maria Ortese: "Neapel liegt nicht am Meer"
aus dem Italienischen von Marianne Schneider
Verlag Friedenauer Presse, Berlin. 232 Seiten, 22 Euro.

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