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StartseiteSonntagsspaziergangAnnäherung an Gräfin Goldhaar01.06.2008

Annäherung an Gräfin Goldhaar

Das brandenburgische Örtchen Köpernitz erzählt Adelsgeschichte

Wer das Örtchen Köpernitz besucht, der sollte vorher in Theodor Fontanes Band seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg gelesen haben. Der Schriftsteller hat die historischen Hintergründe fabelhaft aufgearbeitet. Dann werden Landschaft und Figuren lebendig, und das berühmte Gutshaus füllt sich mit der schönen Gräfin La Roche-Aymon und ihrer höfischen Gesellschaft.

Von Franz Nussbaum

Das Gutshaus im brandenburgischen Köpernitz. (Franz Nussbaum)
Das Gutshaus im brandenburgischen Köpernitz. (Franz Nussbaum)

Denken wir uns also gute 200 Jahre zurück. Eine kleine Abordnung der Rheinsberger Hofkappelle ist - damals - mit ihren Instrumenten voraus, nach Köpernitz abkommandiert worden. Da fiedelt und flötet also die Hofkappelle auf der Terrasse, wetteifert quasi mit den Vögeln des kleinen Parks. Und Fontane fängt diese Stimmung ein und notiert:

"Köpernitz, auf dem die Gräfin La Roche-Aymon, geborene 'von Zeuner', ihr reichbewegtes Leben beschloss, ist ein Platz von einer poetischen und nachhaltig wirkenden Schönheit. Man begreift eine stille Passion dafür. Das Herrenhaus ist von großer Einfachheit. Ein Erdgeschoss, neun Fenster Front, mit Dach und Erker. Das einladendste Zimmer ist der Salon, der den Blick auf eine große Parkwiese hat."

Heute blühen hier Fliederbüsche, Tulpen, Narzissen. Am Rande geht es in wilde Brennnesseln über, gesäumt von blühenden Kastanien, Eichen. Köpernitz ist so winzig, dass, wenn man aus dem Auto das Ortsschild erkennt, der Ort auch schon vorbei ist.

Ein rumpeliger Kopfsteinpflasterweg ist die Anfahrt zum Herrenhaus. Abgeblätterter Putz. Man sieht dem Haus Jahre nur dürftiger Renovierung an. Das nahe Rheinsberg war damals, trotz des Schlosses, auch nur ein abgelegenes Provinzdörfchen mit See. Und Köpernitz war sein Misthaufen. Hühner, Enten, Schweinesuhle, Kühe, Schafe und was der sandige Boden sonst noch an Gemüse hergibt. Fische aus dem Köpernitzer See. Eine Art LPG versorgt die Feinschmecker-Küche des Prinzen Heinrich im Rheinsberger Schloss. Und von Zeit zu Zeit trifft sich auch hier im Gutshaus die adelige Hautevolee und vertreibt sich die Langeweile.

Besondere Beachtung der höfischen Langeweiler auf der Köpernitzer Terrasse mag vielleicht der junge Cellist Pitscher finden. Man tratscht, er sei der neue Günstling seiner königlichen Hoheit, des Prinzen Heinrich. Andere wispern, der Prinz habe seinem Freund ein Stipendium in Italien besorgt, wolle ihn dort musikalisch weiterbilden lassen. Günstlingswirtschaft mit Neidern und Nattern.

Nun verkündet der Meldereiter die Vorfahrt seiner königlichen Hoheit, des Prinzen Heinrich. Er lebt insgesamt fast ein halbes Jahrhundert in Rheinsberg. Der Prinz, ein kleiner, feingliedriger Herr. Hohe Perücke, schielt leicht. Er ist 14 Jahre jünger als sein ihm verhasster Bruder "Fritz", der einsam und verbiestert bis 1786 in Sanssouci in seinen letzten Jahren fast nur noch mit seinen Windspielen geredet haben soll. Oder wie es in der Literatur heißt, ein menschlicher Gefühlskrüppel. Zurück in die fast heitere Provinz. Und wir lesen aus einem Brief:

"Dicht beim Orchester stand ein reicher Ledersessel für den Prinzen. Neben ihm Stühle für die Hofdamen, die Gräfinnen Henckel von Donnersmark und La Roche- Aymon. Und weiterhin für die Hofcavaliere und Chargen. Der Prinz empfing die Complimente der Damen, ließ seinen Blick über die Besucher schweifen. Und in dem Augenblick, wo der Prinz vor seinem Sessel stand, schlug der Kapellmeister mit dem Taktstock nieder und die Ouvertüre begann."

Prinz Heinrichs kleine Gesellschaft aus Rheinsberg und Umgebung witzelt, schwänzelt, schmeichelt, intrigiert. Man parliert fließend französisch. Luthers "teutsche Sprach" benutzt man nur für die Domestiken oder zum Fluchen, wie eine derbe Fremdsprache. Die anwesenden Damen nippen artig an Tässchen aus der Königlichen Porzellan Manufaktur. Heiße Schokolade, kleine Beistelltischchen mit Leckereien.

Genau genommen müssen wir allerdings zugeben, dieses Szenario, dieses Tableau, ist für das Gut Köpernitz historisch nicht mit Datum belegt. Belegt ist der Besuch des preußischen Königs, dazu später mehr. Belegt ist, dass damals an den umliegenden Seen und Parks rund um Rheinsberg kleine höfische Feten ablaufen. Prinz Heinrich selber tritt in Tragödien als Schauspieler besonders edelmütiger Rollen auf. Und den Schlüssel für unsere Fantasien liefert uns Theodor Fontane. 20 Seiten aus Band eins seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg sollte der Sonntagsspaziergänger von heute vorab lesen. Und dann verstehen wir fast jeden Stein in Köpernitz. Dr. Gotthard Erler:

"Der Schlüsselsatz, glaube ich, ist der Satz, den Fontane immer wieder angewendet hat. Man sieht nur was man weiß. Eine Landschaft, eine Stadtlandschaft, erschließen sich nur, wenn man die historischen Hintergründe kennt. Und die sind bei Fontane fabelhaft aufgearbeitet. Man sieht dieses Gutshaus dort stehen und weiß, da hat die Gräfin gelebt, da hat sie ihre großen Feste gefeiert, da hat sie ihr üppiges Haar ausgebreitet, wenn der Besuch kam, um sich dann in aller Schönheit zu präsentieren. Und auf diese Weise erschließ sich ein Stück Geschichte. Da werden Figuren lebendig."

Und nun wollen wir uns der sehr lebendigen Gräfin Goldhaar nähern. Ein heutiger, ein rühriger Förderverein dieses Anwesens in Köpernitz feiert jedes Jahr den "Tag der Gräfin". Französisch und mit vollem Titel heißt sie: "Marquise Caroline Amalie de La Roche-Eymon". Wir hören ja eben, dass sie als besonders geschätzte Hofdame direkt neben dem Bruder Friedrichs des Großen Platz nehmen darf. Heinrich schätzt die pointierte Unterhaltung dieser außergewöhnlich schönen Frau. Sie ist die Gattin seines Adjutanten.

Ein kleines adeliges Landfräulein, Karoline Amalie von Zeuner, die irgendwo am Hofe eine Aufgabe hatte. Eine zauberhafte junge Frau, gebildet, trotz des Landfräuleins. Das gehört durchaus zusammen. Eine Schönheit. Und der Fontane hat sich offenbar sehr genau erkundigt wie sie denn beschaffen war, wie sie aussah. Und beschreibt ja in seinen Wanderungen vor allem ihr Haar. Ein prächtiges goldfarbenes Haar, das bis zu ihren Hüften reichte. Also kurzum, im Stechlin steht der schöne Satz, auf eine Stechlinfigur bezogen: Sie ist eine Dame und ein Frauenzimmer. So müssen Weiber sein. Das gilt auch für die Gräfin La Roche-Aymon."

Und Prinz Heinrich schenkt seinen Musen, den beiden La Roches, die ihm nahe stehen, das Hofgut Köpernitz mit Mann und Maus. Die Gräfin macht in Rheinsberg die Honneurs - und die Männer verrückt. Ihretwegen kommt es fast zu einem Duell zwischen ihrem Ehemann, dem Adjutanten und dem preußischen Herzensbrecher Prinz Louis Ferdinand. Alles sehr vieldeutig bei Fontane nachzulesen. Und Fontane schreibt über die "Gräfin Goldhaar":

"Niemand kannte diese Schönheit besser als sie selbst. Und noch in späteren Jahren wusste sie es derart einzurichten, dass etwa eintreffender Besuch sie womöglich im Neglige überraschen - und das Haar bewundern musste."

Nun wollen wir den ebenso attraktiven wie auch schillernden Grafen La Roche-Eymon kennen lernen. Franzose. Seine Mutter war Hofdame der Königin Marie Antoinette. Er flieht als blutjunger Kerl vor den Wirren der französischen Revolution und deren Kopf-ab-Maschinen auf Umwegen nach Preußen. Und man mag ihm durchaus hintersinnig geraten haben sein Glück am Hofe des Prinzen Heinrich zu suchen.

Diese Adjutanten standen meist in einem sehr persönlichen, homosexuellen Verhältnis zum Prinzen. Und wurden entsprechend hoch dotiert. Und es hat eine ganze Reihe gegeben. Die bekanntesten sind eben La Roche-Aymon, das war der letzte. Und eben der berüchtigte Kaphengst, der immerhin dieses zauberhafte Anwesen Meseberg geschenkt bekam.

Und der letzte Adjutant kam ziemlich abgewrackt als Neunzehnjähriger. Eine hoch aufgeschossene, gebildete Figur. Ein Mann so richtig nach den Wünschen des Prinzen Heinrich, der ja dann schon ein 70er war. Und ihn stellt er Knall und Fall an. Braun gebrannt mit schon militärischen Erfahrungen, trotz seiner 19 Jahre, eine hervorragende Ausbildung gehabt. Und sicher war er auch ein Lustbube in den Gemächern des Prinzen. Dieser junge Mann lernt in Berlin ein kleines adeliges Landfräulein kennen. Große Liebe. Und mit ihr kehrt er nach Rheinberg zurück. Und stellt dem Prinzen - und der hat das ohne weiteres akzeptiert - seine junge Braut und spätere Frau vor.

Es wimmelt also hier vor interessanten Lebensläufen, die uns Fontane
sehr, sehr gründlich recherchiert hat. Dazu kommt, dass ihn der Prinz Heinrich ein Leben lang fasziniert hat. Prinz Heinrich kommt in vielen seiner Geschichten vor. In Romanen wird auf ihn angespielt. Und zwar hat ihm wahrscheinlich vor allem die Opposition von Prinz Heinrich gegenüber dem großen Bruder Friedrich II. in Potsdam-Sanssouci gereizt. Fontane hat immer versucht, den Querdenkern einen Platz einzuräumen. Damals sagte man nicht Querdenker, sondern Frondeur. Also man opponierte gegen die offizielle Meinung.

Prinz Heinrich war für Fontane - und wahrscheinlich sagen Historiker heute dasselbe - ein Mann, der von Anfang an in Opposition zu seinem Bruder in Sanssouci gestanden hat. Das mögen charakterliche Hintergründe sein. Es sind vor allem aber auch politische Hintergründe gewesen. Dieses doch etwas verknöcherte friderizianische System, was dann doch da in der Nähe von Friedrich dem Großen in Potsdam geübt wurde.

Das passte dem feinsinnigen, vielseitig gebildeten, auf französische Kultur orientierten Prinzen Heinrich nicht. Dazu kommt, dass wahrscheinlich Friedrich sich nicht gerade fein seinem Bruder gegenüber benommen hat, als es um die strategischen Entscheidungen im Siebenjährigen Krieg ging. Und den dann auch ziemlich in aller Öffentlichkeit herunter putzt. Nun etwas gerafft dargestellt:

"Nach Prinz Heinrichs Tod schafft es La Roche-Aymon als Franzose zum preußischen Regimentskommandeur und Generalmajor aufzusteigen. Er kämpft hochdekoriert auf preußischer Seite gegen Napoleon."

Bonaparte soll einen seiner häufigen Tobsuchtsanfälle gezeigt haben, als er erfährt, dass auf der preußischen Gegnerseite ein Exil-Franzose das Kommando führt. Nach Napoleons endgültigem Sturz zieht es Graf und Gräfin La Roche-Aymon nach Paris.
Der Graf erhält seine früheren Güter zurück. Macht dort eine steile Karriere bis zum Rang eines Generalleutnants der Französischen Armee, schließlich die Position eines "Pairs" und damit Mitglied des obersten Staatsgerichtshofes Frankreichs. Und die La Roches trennen sich.

"Die Gräfin kehrt mit 55 Jahren aus dem pulsierenden Paris zurück in die hintere Provinz von Köpernitz. Sie lebt hier noch über 30 Jahre in diesem Gutshaus. Sie empfängt auch als 'Gräfin Weißhaar' immer noch Besucher, beispielsweise den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Sie bewirtet die königlichen Gäste mit einer besonderen Trüffel-Zervelatwurst."

Diese Wurst und die Geschichte darum herum verwendet oder verwurstet Fontane auch in einer längeren Dialogszene seines Stechlin-Romans. Aber die La Roche-Aymon überwirft sich mit ihrem König. So als sei es Tradition, dass die "Frondeure" von hier aus Berlin unter Beschuss nehmen dürfen.

Seit 150 Jahren gibt sie Ruhe, liegt hier auf dem kleinen Friedhof von Köpernitz beerdigt. Und das alles kann man sich hier bei Führungen, bei Kaffee und Kuchen, bei kleinen Konzerten und Lesungen vortragen lassen. Wir setzen uns abschließend in den großen Ledersessel, und der Kapellmeister senkt wieder den Taktstock.

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