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StartseiteEssay und DiskursAnnäherungen an Deutschland01.11.2009

Annäherungen an Deutschland

Perspektiven der französischen Nachkriegsliteratur

Über das Frankreich der frühen 1940er-Jahre konnten in den vergangenen Jahren viele Lügen zerstört werden. Dabei blieb ein Aspekt der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte weitgehend unberücksichtigt: die Reaktion französischer Schriftsteller nach den Jahren der deutschen Besetzung.

Von Judith Klein

"Ich hasse nur die Henker", bekannte Albert Camus in seinen "Lettres à un ami allemand".
"Ich hasse nur die Henker", bekannte Albert Camus in seinen "Lettres à un ami allemand".
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"Die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit. Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit."

Diese mit keinem Fragezeichen versehenen Ansichten brachte der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy vor fünf Jahren in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels zum Ausdruck. Erstaunlich war auch seine Aussage zur Mangelhaftigkeit des gegenwärtig in Europa herrschenden Selbstverständnisses:

"Ein gesamteuropäisches Wissen über uns selbst als Täter und Opfer ist noch nicht in Sicht."

Was Péter Esterházy nicht erwähnte: Das von ihm herbeigesehnte Wissen "über uns als Täter und als Opfer" gab es schon einmal, und zwar in der französischen Literatur der Nachkriegszeit. Damals erschienen in Frankreich Erzählungen und Romane, die das Leben unter der deutschen Besatzung nachzeichneten und nichts verschwiegen: nicht die Verbrechen der Deutschen und nicht die Schandtaten der Franzosen – Romane auch, die keinen Hass gegen Deutsche verbreiteten.

Die Bücher existieren heute noch, einige von ihnen wurden mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, doch das wertvolle Wissen, das sie in sich tragen, scheint abhanden gekommen; es taucht allenfalls am Horizont der Zukunft wieder auf. Vielleicht war der Umfang und der Wert dieses Wissens auch damals unerkannt geblieben, verkannt von der französischen Nation, den Historikern, den Politikern und den nachfolgenden avantgardistischen Schriftstellern.

Der sich in Frankreich damals herausbildende offizielle Gedächtnismythos verklärte die französische Nation als eine im Widerstandskampf geeinte und im Leiden an der deutschen Besatzung zusammengeschweißte Gemeinschaft – was gewiss auch als kompensatorische Reaktion auf die Erfahrung der Niederlage von Juni 1940 und auf vier Jahre demütigender Besatzung zu verstehen ist.

Es war, als ob die Haltung der Mehrheit der Bevölkerung zunächst nicht abwartend und kompromissbereit gewesen wäre; als ob die Spannungen und Brüche in der Résistance nicht existiert, als ob Kollaboration und Denunziation nicht gewütet hätten; als ob das Vichy-Regime nicht zahlreiche im Zeichen der deutschen Besatzung verübte Schandtaten zu verantworten hätte, beispielsweise: Auslieferung politischer Flüchtlinge an Hitler-Deutschland, der Ausschluss der Juden aus dem politischen, ökonomischen und kulturellen Leben, die Beteiligung der französischen Polizei und Gendarmerie an der Verhaftung, Auslieferung und Deportation von Juden.

Bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts blieb die verengte Sicht, aus der die verwirrende Geschichte eigener Missetaten und Kompromisse ausgeklammert war, im offiziellen französischen Gedenken dominant, während das nicht-konformistische dissonante Gedächtnis der Nachkriegsliteratur, das die Schande der Besatzungszeit offengelegt hatte, beiseite geschoben wurde. Seltsamerweise erwähnten und erwähnen auch ausländische und inländische Historiker und Gedächtnisforscher wie Tony Judt und Henry Rousso in keiner Weise jene frühen dissonanten Stimmen – die Stimmen von Autoren wie Vercors, Jean-Louis Curtis, Simone de Beauvoir, Georges Auclair, Romain Gary und vieler anderer, die hier nicht genannt werden können.

"Ich kann euch versichern, dass wir nicht einmal in dem Augenblick, in dem wir euch erbarmungslos zerstören, Hass empfinden. Und selbst wenn wir morgen, wie so viele andere vor uns, sterben müssten, wären wir ohne Hass. (...) Ich stelle zwei Haltungen gegenüber, nicht zwei Nationen, selbst wenn diese beiden Nationen in einem bestimmten Augenblick der Geschichte entgegengesetzte Haltungen verkörpern. (...) Ich hasse nur die Henker."

Dies bekannte Albert Camus in seinen noch während des Krieges geschriebenen "Lettres à un ami allemand" - Briefe an einen deutschen Freund - und in dem einige Jahre später hinzugefügten Vorwort zur italienischen Ausgabe. Wie die meisten Schriftsteller seiner Zeit, unterschied er zwischen Deutschland und dem Nationalsozialismus, zwischen dem Individuum und seiner Zugehörigkeit zu einer Nation. Und er weigerte sich, von den Deutschen als einer unveränderlichen kollektiven Einheit zu sprechen und den einzelnen Deutschen in ein bestimmtes Sosein, eine Essenz, einzuschließen.

Begünstigt wurde eine solche Position durch die Ablehnung jeder rassischen Deutung des Menschen und durch die Philosophie des Existenzialismus, der die "menschliche Realität" nicht als etwas ein für allemal Gegebenes verstand, sondern als etwas sich ständig Erneuerndes. Jean-Paul Sartre schrieb ein halbes Jahr nach der Befreiung von Paris:

"Der Existenzialismus behauptet (...), dass beim Menschen – und nur beim Menschen – die Existenz der Essenz vorausgeht. Das bedeutet ganz einfach, dass der Mensch zunächst einmal ist und dann erst dies oder das ist. Kurz, der Mensch muss sich seine Essenz erst erschaffen. Indem er sich in die Welt wirft, indem er leidet und kämpft, definiert er sich allmählich – eine Definition, die immer offen bleibt; bevor er stirbt, kann man nicht sagen, was der Mensch ist, und bevor sie ausstirbt, nicht, was die Menschheit ist (...). [Der Existenzialismus] ist eine Art, die menschlichen Dinge ins Auge zu fassen: Er weigert sich, dem Menschen eine ein für allemal festgelegte Natur zuzuschreiben."

Insbesondere Jean Bruller, genannt Vercors, Widerstandskämpfer, Zeichner und Schriftsteller, widmete den sich wandelnden Selbstentwürfen des Menschen eine hohe Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt seiner 1941 geschriebenen Erzählung "Le silence de la mer" - zu deutsch: Das Schweigen des Meeres - steht ein deutscher Offizier, der seinen Lebensentwurf ändert, als er die wirklichen Ziele der Nazis – Unterwerfung Europas, Vernichtung und Zerstörung – aufdeckt. Zwar scheint er zu einer historisch bedeutsamen Tat unfähig, doch ein Rädchen im Vernichtungssystem möchte er nicht sein. Ein Leben in relativer Sicherheit erscheint ihm schlimmer als der Tod: Er lässt sich zur kämpfenden Truppe an die Ostfront versetzen.

Der deutsche Soldat hat mehr mit den Franzosen, bei denen er einquartiert ist, gemein als mit seinem eigenen Bruder und den nationalsozialistischen Führern, denen er in Paris begegnet. Jene, ein älterer Mann und dessen Nichte, schweigen beharrlich – ein Akt des passiven Widerstands –, doch der deutsche Offizier respektiert ihr Schweigen. Der Mann verhehlt seine Sympathie nicht. Er benutzt, um den Offizier zu beschreiben, immer wieder Wörter wie Verzweiflung, Schmerz, Unglück – so sehr fühlt er nach, was jener fühlt, und ist bewegt. Er bekennt:

"Gewiss, ich bewunderte ihn. Weil er den Mut nicht verlor. Und weil er kein einziges Mal versuchte, unser unerbittliches Schweigen durch irgendwelche heftigen Worte zu bezwingen."

Die Nichte erlebt aus Zuneigung zu ihm ein "inneres Drama" und bricht am Ende das Schweigen, um "adieu" zu murmeln. Jean-Paul Sartre hat in "Qu'est-ce que la littérature?" ("Was ist Literatur?") die Verankerung der Erzählung in einer bestimmten Situation hervorgehoben: Sie habe nur in den Anfangzeiten der deutschen Besatzung, als die französische Bevölkerung noch zwischen guten und bösen Elementen der Besatzungsarmee unterschied, ihre Wirkung entfalten können. Nachdem die Bevölkerung mit Geiselerschießungen, Deportationen und Folterungen konfrontiert worden sei, habe die Erzählung – als zu idyllisch – ihr Lesepublikum verloren.

Erstaunlicherweise weist Sartre nicht daraufhin, dass ein erneuter Wandel der Situation – das Ende des Krieges – wiederum einen neuen Sinn zutage fördern oder erschaffen konnte. Das Schweigen der beiden Protagonisten und die – den sicheren Tod bedeutende – Entscheidung des Offiziers konnten sich gemeinsam in einen stummen Schrei verwandeln, in dem die Möglichkeit von Versöhnung enthalten war. Vercors' Erzählung war in gewisser Weise der Nachkriegsliteratur vorausgegangen, in der die winzigste Opposition, die geringste Dissidenz deutscher Protagonisten gewürdigt und zelebriert wurde.

Der Glaube an die Möglichkeit des Menschen, sich immer wieder neu zu entwerfen, kommt in vielen Texten der Nachkriegszeit sehr plastisch in der Ablehnung des auf die Deutschen gemünzten Schimpfworts "Boche" zum Ausdruck. Dieses geht auf "alboche" zurück, einer – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebildeten – Zusammensetzung aus "al" für "allemand", deutsch, und "boche" für "caboche", "Dickschädel". Durch die Abschleifung von "al" klingt das Wort wie ein Axthieb. Jorge Semprun widmete ihm lange eindringliche Passagen seines Werks "Le grand voyage" - Die große Reise - , in dem der Ich-Erzähler seine Haltung so erklärt:

"Wenn sie wirklich durch und durch Boches sind, werden sie nie etwas anderes sein. Ihr Boche-Sein ist wie etwas Wesenhaftes, das sich jedem menschlichen Zugriff entzieht. Sind sie Boches, so bleiben sie Boches, ein für allemal. Das ist dann nicht mehr etwas sozial Gegebenes, wie etwa, dass sie Deutsche und Nazis sind. Sondern es ist eine Wirklichkeit, die vor aller geschichtlichen Tatsächlichkeit liegt und gegen die man machtlos ist. Es wäre umsonst, die deutsche Armee zu vernichten, die Überlebenden wären immer noch Boches. Nichts bliebe mehr übrig, als sich ins Bett zu legen und auf bessere Zeiten zu warten."

Französische Romane der Nachkriegszeit, deren Handlungsort das nun in Besatzungszonen aufgeteilte Deutschland ist, stellen eine eigene besonders interessante literarische Kategorie dar. Der 1946 erschienene Roman "Siegfried" von Jean-Louis Curtis enthält im ersten Teil fiktive Tagebuchnotizen eines von antisemitischer Wut erfüllten Hitler-Jungen. Nach dem Krieg trifft dieser auf einen französischen Besatzungssoldaten, der versucht, sich in das Denken und Fühlen des Deutschen hineinzuversetzen – experimentell und bis zur geistigen Selbstaufgabe, doch nicht ohne seinen Gesprächspartner immer wieder mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu konfrontieren, gerade weil er an dessen Wandlungsmöglichkeit glaubt:

"Eben, ich möchte verstehen, warum die Musik und die Dichtung und dann das Andere? Das Andere, das Grauen, die Barbarei, Buchenwald, Dachau. Ich möchte eine Bilanz ziehen, vom einen zum anderen wechseln können. Ich kann es nicht, und das finde ich unerträglich. Ich träume von einer brüderlichen Welt, in der das Adjektiv 'deutsch' kein Synonym mehr für 'verflucht' ist."

Für sich selbst notiert der junge Franzose:

"Deutsche, preußische Verantwortung. Aber auch englische, französische, amerikanische Verantwortung. Spiel, in dem niemand unschuldig ist."

In Georges Auclairs 1950 erschienenem Roman "Un amour allemand" ("Eine deutsche Liebe") der ebenfalls in der französischen Besatzungszone spielt, trifft der Ich-Erzähler, ein französischer Besatzungssoldat, auf eine große Zahl von Deutschen. Fasziniert und zugleich angeekelt oder verzweifelt beobachtet er ihre unterschiedlichen Reaktionen auf die eigene Verstrickung in den Nazi-Terror : Schuldeingeständnis, Trauer, Verzweiflung, Selbstmitleid, Selbstquälerei, sich hineinsteigern in die Opferrolle – Haltungen, die später von Jean-Paul Sartre in "Les séquestrés d'Altona" ("Die Eingeschlossenen von Altona") dramatisch zugespitzt werden sollten – aber auch Selbstgerechtigkeit, Leugnung eigener Schuld und gewaltsames Festhalten an den Zielen des Nationalsozialismus.
Vorausgesetzt, seine deutschen Bekannten erkennen ihre Verantwortung an, gesteht ihnen der Protagonist die Möglichkeit der Wandlung zu. Einem Mann gegenüber, der ihn auf der Straße wie versteinert anstarrt, reagiert er so:

"Seine Freiheit konnte so viele unterschiedliche Wege einschlagen, dass ich nie und nimmer die Möglichkeit seines Ressentiments als essenziell, wesenhaft, hätte betrachten können. Diesen Menschen hassen? Eine Überzeugung drängte sich mir auf – stärker als zu jedem anderen Zeitpunkt meines Lebens: Niemals würde ich Hass empfinden können – es sei denn, irregeführt durch Zorn. (...) Ich war nicht damit einverstanden, dass sie [die Deutschen] für immer verdammt sein sollten."

Und über einen Urlaub mit seiner deutschen Geliebten, die an den Nationalsozialismus geglaubt hatte, sagt er:

"Ich war dieser glückliche und ein bisschen verrückte Mann, der an die Möglichkeit glaubte, einen Menschen verändern zu können (...); ich glaubte an die erneuernde Kraft der Liebe."

Mit der Weigerung, die Deutschen auf ein bestimmtes Sosein festzulegen, geht die Erkenntnis Hand in Hand, dass andere Nationen nicht davor gefeit seien, ähnliche Gräueltaten wie die Nazi-Verbrechen zu begehen, und dass in diesen vielleicht etwas Menschliches zum Ausdruck gekommen sei. In dem Roman von Georges Auclair stellt der Ich-Erzähler – ohne damit die singuläre Schuld Deutschlands in Frage zu stellen – folgende Überlegung an:

"Jede andere Nation hätte sich demselben Fanatismus ausliefern können. Es reichte, einen Blick auf die Geschichte zu werfen, um das zu verstehen. Und für die Geschichte war kein Volk verantwortlich oder aber alle waren es."

Solche Menschheitsbezüge sowie Anspielungen auf die gesellschaftliche und psychische Bedingtheit der begangenen Verbrechen durchziehen die Texte. "Was an den Deutschen kriminell ist, das ist der Mensch", lässt Romain Gary eine seiner Personen sagen. Und wie im Echo – wenn auch dramatischer – verkündet der ehemalige Folterer Frantz in Jean-Paul Sartres Theaterstück "Die Eingeschlossenen von Altona":

"Das Jahrhundert wäre gut gewesen, wenn auf den Menschen nicht sein grausamster Feind aus grauer Vorzeit gelauert hätte, die fleischfressende Spezies, die sich geschworen hatte, seinen Untergang herbeizuführen, das unbehaarte durchtriebene Tier, der Mensch."

Gesellschaftliche, biologische oder psychische Gründe für die Verbrechen anzuführen, hat eine entlastende Funktion, wenn nicht an der Verantwortung des Einzelnen für seine Taten und sein Menschenbild festgehalten wird. In Sartres Stück ist das ebenso der Fall – der ehemalige Folterer begeht Selbstmord – wie in den Romanen von Auclair, Curtis, Gary...

Die existenzialistische Weigerung, Menschen ein unveränderbares Wesen zuzuschreiben, bestimmte auch das Verhältnis der französischen Schriftsteller zur eigenen Nation: Sie beschrieben ihre Landsleute in aller Vielfalt, sprangen zwischen antithetischen Verhaltensmöglichkeiten hin und her und ließen dem Einzelnen die Offenheit aufeinanderfolgender Selbstentwürfe. Simone de Beauvoirs 1945 veröffentlichter Roman "Le sang des autres" - Das Blut der anderen -, dem sie die Themen des Existenzialismus unterlegte, bezeugt diese Offenheit, indem er die radikale Transformation der beiden Hauptfiguren darstellt, ihren Wandel hin zu einer politischen Ethik des gewaltsamen Widerstandes. Die Personen diskutieren immer wieder die Ambiguitäten der gewaltsamen Aktion, die das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzt, denn die Deutschen reagieren mit Geiselerschießungen und Folter. Deutlich wird: Die Ambiguitäten sind unüberwindbar, müssen ausgehalten werden... Doch die Protagonistin wohnt einer Razzia bei, sieht, wie jüdische Frauen auf der Pariser Place de la Contrescarpe zusammengetrieben werden, sieht, wie die Anwohner schweigend zuschauen:

"Eine lange Schlange von Frauen kam aus der rue Mouffetard, flankiert von Polizisten. Sie liefen paarweise und hielten Bündel in der Hand. Der kleine Platz lag schweigend da, wie ein Dorfplatz. Durch die Scheiben der Autobusse sah man kleine gehetzte Gesichter. Rings um den Platz standen die Leute reglos und schauten zu."

Die Erkenntnis der eigenen Beliebigkeit – "Sie war da, und ihre Gegenwart änderte nichts" – fegt die Ambiguität hinweg und führt zum gewaltsamen Engagement und zum Tod.

Einen überaus kritischen Blick wirft Vercors auf das Verhalten der Franzosen unter der deutschen Besatzung. In der 1943 erschienenen Erzählung "La marche à l'étoile" - Der Lauf hin zum Stern - bringt der Autor die Handlangerdienste der französischen Polizei und Gendarmerie bei der Verhaftung und Ermordung von Juden in erschreckender Weise zur Sprache. Die zentrale Gestalt der Erzählung, Thomas Muritz, der sein Geburtsland Mähren Ende des 19. Jahrhunderts aus Liebe zu Frankreich verlassen hat, wird als alter Mann von einem französischen Polizisten dem Tod ausgeliefert. Seine Schreie seien keine Todesschreie, keine Schreckensschreie gewesen, erklärt der Ich-Erzähler, als er von dem Geschehen erfährt, sondern "Schreie der Not, der Verzweiflung, des Grauens, des Todeskampfes einer erschlagenen Liebe." Er fügt hinzu:

"Ich weiß sehr wohl, ich fühle es, dass sich an meiner Liebe zu meinem Vaterland etwas geändert hat. Dass ich vielleicht niemals mehr mit der reinen Freude, die ich früher empfand, an Frankreich werde denken können."

Und als ahnte er den kommenden Einfluss derjenigen, die die Größe der Nation zelebrieren und Mythen erschaffen, schließt er: "Sie sind stärker als ich, sie werden mir den Mund verbieten" – womit eine Antwort auf die Frage gegeben ist, warum jenes "Wissen über uns als Täter und Opfer" verdrängt wurde...

Vercors' Erzählung "L'imprimerie de Verdun" - Die Druckerei von Verdun - von 1945 beleuchtet grell den Gegensatz zwischen denen, die mit dem Regime und den Besatzern kollaborieren, und denen, die sich mit den Opfern solidarisieren. Nicht die Stabilität oder die Qualität eines Wertesystems befähigen zu Solidarität und Gerechtigkeit, sondern die Bereitschaft, sich an die Stelle der Leidenden zu setzen, und die sich daraus ergebende Gewissheit, das Leben nicht mehr aushalten zu können, wenn andere beraubt, deportiert und ermordet werden. Doch denen, die lieber sterben wollen, als die Verfolgung anderer zu dulden, stehen diejenigen gegenüber, die darauf aus sind, ihre eigene Haut zu retten oder Nutzen aus der Verfolgung anderer zu ziehen.

Letztere bestimmen das Leben in der südwestlichen Kleinstadt Saint-Clar, deren Bevölkerung Jean-Louis Curtis in "Les forêts de la nuit" - Labyrinthe der Nacht – ein zweibändiger Roman, der 1947 den Prix Goncourt erhielt – schonungslos beschreibt. Das Vichy-Regime und die deutsche Besatzung sind dort keine Fremdkörper oder Verhältnisse, die an den Menschen abgleiten, sondern sie durchdringen und verändern die Seelen, abgesehen davon, dass sie für manche tödlich sind.

Die deutsche Besatzung setzt recht friedlich ein: "Alle geben klein bei" sagt ein Schüler, der sich dem Widerstand anschließt und später denunziert und umgebracht wird. Aus dem Klein-bei-geben wird bald mehr: Unterwerfung.

"Ganz Saint-Clar verwöhnt die Besatzer. Und diejenigen, die sie angeblich hassen, bewundern sie insgeheim. (...) die Leute akzeptieren sie aus Berechnung, aus Interesse oder einfach aus Willensschwäche.' (...) Und so lebte Saint-Clar in der warmen Trägheit des Sommers."

Allmählich verändert sich die Sozialstruktur des Ortes. Karrieresucht, rücksichtsloses Machtstreben und die Ideologie des kleineren Übels setzen sich durch. Fast alle Einwohner sind in Schuld verstrickt. Hingabe und Großmut legen nur wenige an den Tag. Der Riss zwischen Tätern und Opfern geht zuweilen mitten durch die Familien, ja mitten durch ein und dieselbe Person. Résistance-Akte in letzter Minute, ausgeübt von den "Parvenus des Heroismus", und Suche nach Sündenböcken kündigen die Spielart des kommenden Friedens an.

Im Augenblick der Libération, als diejenigen, die keinen Finger gegen die Besatzung gerührt haben, sich ein Résistance-Mäntelchen umhängen und sich in Patriotismus überbieten, wird die Stadt zum Schauplatz von Misstrauen, Verdacht und Unruhe :

"Zu spüren war, dass nun, da die eiserne deutsche Faust ihren Zugriff gelockert hatte, die verfeindeten inneren Kräfte, die so lange geknebelt worden waren, von einem zum anderen Augenblick zum Ausbruch kommen konnten. Vorzeichen eines Bürgerkriegs waren zu spüren. Niemand fühlte sich sicher."

Vielleicht liegt hierin eine weitere Antwort auf die Frage, wie jener Geschichtsmythos der im Widerstandskampf geeinten französischen Nation entstehen konnte: Auf dem Spiel stand die innere Ordnung, vielleicht die gesamte Gesellschaftsordnung. Am Ende des Buches wird die Jagd auf die Frauen beschrieben, die intimer Beziehungen zu deutschen Soldaten verdächtigt werden; in den Angriffen auf die Schwachen verbergen sich Feigheit und Angst:

"Und da saß – wie die Hexen oder die Verbrecher des Mittelalters – eine alte Frau mit weißem Haar auf einem Schemel, mit halb geschorenem Kopf, unter den Blicken von dreitausend Clarensern."

Die alte Frau hat freundschaftlich mit einem deutschen Offizier verkehrt, dessen Bildung und Liebenswürdigkeit sie anziehen: Sie spürt, dass er kein Nazi ist, sondern unwillentlich unter die "barbarischen Horden des Dritten Reiches" geraten ist. Schließlich fällt der Offizier bei den "Kameraden" und Vorgesetzten in Ungnade und wird an die russische Front geschickt. Der Grund: Fehlen militärischer Gesinnung... und eine jüdische Großmutter. Der Abschied der beiden ist zärtlich und verzweifelt, hat er ihr doch erzählt, dass seine Frau und sein kleiner Junge in Deutschland durch Bomben getötet wurden... "Armer junger Mann", flüstert sie.

Als sie nach der Libération bestraft wird, hält ein alter Freund zu ihr, rettet sie vor der Meute. Die Schaulustigen und Spottenden laufen hinter ihnen her. Ein Vergleich drängt sich dem Erzähler auf:

"All das glich den halluzinatorischen Pogrombildern aus Nazideutschland, die die französischen Zeitungen in den Jahren 1939-1940 veröffentlicht hatten. (...) Hohngelächter prasselte auf sie nieder, ungeheuer, mittelalterlich, apokalyptisch; Dummheit und Hass wogten durch die gut genährte, glückliche Menge, die nie gelitten hatte und für die (...) die Deutschen ein Segen gewesen waren."

Das Verdikt "schuldig", coupable, durchzieht die Bücher jener Jahre, sofern sie Krieg und Besatzung gewidmet sind und die Verantwortung Frankreichs beleuchten.

"Ich weiß sehr wohl, dass ich schuldig bin, dass wir schuldig sind, dass wir ihnen – den Deportierten – Rechenschaft schulden (...). Alles den Nazis anzulasten ist zu bequem",

sagt der Ich-Erzähler aus Vercors' Roman "Les armes de la nuit" - Die Waffen der Nacht -, der 1946 erschien. Zornerfüllt und fast untröstlich bezichtigte Jean-Paul Sartre sich und die Franzosen in "Réflexions sur la question juive" - Überlegungen zur Judenfrage -, die als Buch ebenfalls 1946 erschienen: "Wir sind alle kriminell."
Oft ist von einer diffusen Schuld die Rede, der Schuld, nichts getan zu haben, als es noch Zeit war; gleichgültig gewesen zu sein, als das Judenstatut erlassen wurde; weggeschaut zu haben, als die Juden ausgegrenzt und in großer Zahl deportiert wurden – wie es Vladimir Jankélévitch 1948 in seinem Essay "Dans l'honneur et la dignité" - In Ehren und Würden - beschreibt:

"Wer von uns erinnert sich nicht an die Sonntagnachmittage in der sogenannten freien Zone zwischen 1941 und 1943, mit ihren Parks voll friedlicher Spaziergänger und voll Kinderlachen? (...) Die Züge verkehrten. Die Bürger fuhren in die Ferien und in den Wintersport. (...) Paris hatte seine literarischen Ereignisse, seine Theater, seine hegelianischen Kellner und alles, was eine große Nation braucht, um ihren Rang zu halten. Sie war wirklich schön, die Gelehrtenrepublik von 1944."

Vielleicht war es die Erkenntnis eigener Schuld, die die französischen Schriftsteller dazu befähigte, sich aus dem geschlossenen Kreis eigenen Leidens zu lösen, um sich dem Leiden der anderen zuzuwenden: dem Leiden der Juden. Lange vor der offiziellen Gedächtniskultur nahmen Vercors, Simone de Beauvoir, Romain Gary, Jean-Louis Curtis und Georges Auclair und etwas später Charlotte Delbo und Jorge Semprun die Vernichtung der Juden in ihr Gedenken auf.

Ohne in irgendeiner Weise zu suggerieren, alle Formen kollektiven und individuellen Leidens seien vergleichbar oder müssten in gleicher Weise bedacht werden, wandten einige der erwähnten Schriftsteller ihre Aufmerksamkeit der Not der Deutschen zu, dem Leiden der Kinder und der Jugendlichen unter den Bomben und während der Hungersnot, dem Leiden der Deserteure.

Im Jahre 2008 schrieb der amerikanische Wissenschaftler Norman M. Naimark, nachdem er die "zentrale Verantwortung des 'Dritten Reiches' für die Zerstörung Europas, die Ermordung der Juden und den Vernichtungskrieg" erwähnt hatte:

"Aber dieser Krieg zerstörte auch das Leben von Millionen Deutschen und einer ganzen Generation von Vergewaltigungsopfern. Ihre Geschichten müssen erzählt, angehört und ernst genommen werden."

Dass der französische Schriftsteller Romain Gary all dies in der Erzählung "Les habitants de la terre" (Die Bewohner der Erde) auf erschütternde Weise, wenn nicht beschrieben, so doch evoziert hat, ist heute fast vergessen.

In einer Trümmerlandschaft in der Nähe Hamburgs spielt sich ein Nachkriegsdrama ab: Ein seltsames Paar, ein nicht mehr junger fliegender Händler und ein blindes Mädchen irren – kurz vor Weihnachten – durch ein Schneegestöber, in der Hoffnung, den Glasbläserbrunnen einer kleinen Stadt wiederzufinden und von dort nach Hamburg zu gelangen.

Der Schnee und die Blindheit des Mädchens verleiten den Mann, die Wirklichkeit – der Brunnen ist verschwunden, überall liegen Trümmer herum – vor ihr zu verbergen. Sie ist blind, weil sie ein Trauma erlitten hat:

"Sie war krank. Die Eltern waren umgekommen, und der armen Kleinen war ein Unglück zugestoßen. (...). Ja, die Kleine war wie gesprungenes Glas, sehr zerbrechlich. Die Bomben, das Leben in den Trümmern, und dann diese unglückseligen Soldaten(...). Seitdem hat die Kleine die Augen vor allem verschlossen. Sie hat sie von innen her geschlossen, äußerlich sind sie geöffnet. (...) Das ist heilbar. (...) Es gibt sehr große Gelehrte, vor allem in Deutschland, regelrechte Pioniere einer neuen Welt, sogar unsere Feinde geben es zu. Doch es gibt nur einen wirklichen Spezialisten, sagen die Ärzte. Den Professor Stern in Hamburg."

Stern, ein jüdischer Name, ein jüdisches Symbol – "Stern meine Ahnen", dichtete Rose Ausländer; es ist, als ob die deutschen Opfer ihr Augenlicht durch (den) Stern wiedererlangen könnten, würden sie nicht durch die Brutalität der eigenen Leute daran gehindert. So nimmt das Unglück seinen Lauf: ein Lastwagenfahrer, vielleicht einer von denen, die den Trümmerschutt der Glasbläserei und der zerstörten Singschule Schola Cantorum abtransportieren, hält und nimmt die beiden Herumirrenden mit, bis er den fliegenden Händler – ohne das Mädchen – hinauswirft.

Doch bald darauf treffen sie sich wieder, das Mädchen – die Kleidung zerrissen, die Schminke verwischt – und der fliegende Händler... weit entfernt von Hamburg: Der Fahrer war in die umgekehrte Richtung gefahren:

"Er fasste sie bei der Hand und sie setzten ihren Weg fort – in der weißen Nacht, die ihnen das Gesicht streichelte."

Durch den Verzicht darauf, an die Schuld der Anderen zu erinnern, um die eigene Schuld zu mindern, durch die Anerkennung der eigenen Schuld und durch die Offenheit für die Leiden der anderen gelangten die französischen Schriftsteller der Nachkriegszeit zu jenem Wissen "über uns als Täter und als Opfer", das Péter Esterházy heute in der europäischen Erinnerungskultur vermisst. Wenn ihre Werke auch bald verdrängt wurden, so stifteten sie doch vielleicht Gefühlsbindungen zwischen Franzosen und Deutschen, die für den Zusammenhalt Europas unabdingbar sind.

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