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StartseiteBüchermarktFrau im Hintergrund20.12.2018

Anneliese Botond: "Briefe an Thomas Bernhard" Frau im Hintergrund

Beeindruckende Briefe einer fast unbekannt gebliebenen Lektorin an Thomas Bernhard: Der Stern des österreichischen Autors begann in den sechziger Jahren schnell zu leuchten - Anneliese Botond als scharfsinnige und gefühlvolle Begleiterin hatte ihren Anteil daran.

Von Helmut Böttiger

Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976. (pa / dpa / Votava)
Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard (im Juni 1976) appellierte an seinen Verleger Siegfried Unseld, der Kündigung der Lektorin Anneliese Botond zu widersprechen. (pa / dpa / Votava)
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Havanna war ein Traumort für Anneliese Botond, Montevideo oder Lima. Und sie entdeckte schon in den sechziger Jahren den großen Philosophen Michel Foucault und übersetzte ihn ins Deutsche, später dann große lateinamerikanische Romane wie die des phantastischen Kubaners Alejo Carpentier oder von Juan Carlos Onetti. Sie lebte von 1922 bis 2006. Weniger bekannt ist, dass sie in den sechziger Jahren eine Vorgeschichte als Lektorin hatte.

Und wenn man ihre jetzt veröffentlichten Briefe an den bedeutenden Schriftsteller Thomas Bernhard liest, möchte man gern mehr von ihr wissen. Man erhält an einem herausragenden Beispiel Einblick in die Tätigkeit eines Lektors, wie es sie so heute nicht mehr gibt. Und man nimmt Anteil an den Denk- und Gefühlsbewegungen einer beeindruckenden Frau, die sich selbst nie in den Mittelpunkt stellte. Es hat schon etwas zu bedeuten, wenn ein meist raunzender, misanthropischer und sich in wahre Wut- und Vernichtungskaskaden hineinsteigernder Autor wie Thomas Bernhard an seinen Verleger Siegfried Unseld schreibt:

"Frau Dr. Botond - hier wäre allerhand Grundsätzliches über die ungeheure Qualität dieser Frau als Institution anzuschließen, was ich aber unterlasse, weil mir Loben in absoluten Wertkategorien das Fürchterlichste ist, das es gibt."

Und als Anneliese Botond sich im Sommer 1969 entschlossen hat, ihren Vertrag bei Suhrkamp zu kündigen, reagiert Thomas Bernhard sofort mit einem Brief an den Verleger:

"Ich kann nicht glauben, dass Sie dieser Unsinnigkeit widerspruchslos stattgeben, sie also ohne Widerspruch hingenommen haben und ich bitte Sie, alles zu überdenken und wenn noch möglich, alles zu tun, um diese Frau, deren Bedeutung für den Verlag gar nicht abgeschätzt werden kann, zurückzuhalten."

Die Vertraute im Verlag

Die Briefe Thomas Bernhards an Anneliese Botond sind, angesichts ihrer Umzüge und Auslandsaufenthalte, fast ausnahmslos nicht erhalten geblieben. Aber was wir von ihr lesen können, zeigt: Im Laufe weniger Jahre hatte sich da eine spannende Geschichte entwickelt. 1962 betreute Anneliese Botond als Lektorin des Insel-Verlags Thomas Bernhards ersten Roman "Frost". Im Folgenden wird sie seine Vertraute im Verlag und begleitet seine sich sprunghaft steigernde Berühmtheit.

Selbst, nachdem sie gekündigt hat, gibt sie zum Schluss noch das edition suhrkamp-Bändchen "Über Thomas Bernhard" heraus. Die Lektorin erkennt die besondere Eigenart dieses Autors sofort und ist zusehends fasziniert von ihm - beschreibt er doch in atemloser, wuchtig daherkommender Prosa Einsamkeiten und Ausweglosigkeiten. Wie Botond 1968 auf seinen Text "Verstörung" reagiert, nimmt etliche spätere Exegesen präzise vorweg:

"So sehe ich jetzt (freilich grob, verkürzt, ungenau) den Grundriss von "Verstörung" (die eine Theologie ist), sehe von diesem Grundriss aus eine tatsächlich schwindelerregende Konsequenz bis in die geringfügigsten Details dieses Buches, aller Ihrer Bücher. Wie es mir auch erst jetzt, nachträglich, schwindelerregend ist, dass dieser immense Weltentwurf Eingang gefunden hat in diese zwei engen Buchdeckel, die ihn nicht halten können. "Verstörung" ist tief, tief, ist gegenwärtig und urzeitlich wie nur Mythen und Phantasmen. "Verstörung" wird noch lange wachsen müssen in den Köpfen. Die Welt Ihrer Bücher ist endgültig. Wiederholbar, aber unveränderlich. Sie ist eine geschlossene Welt und als solche auch ein Gefängnis. (Das ist der tiefere Grund, warum Sie nicht über Ihre Bücher schreiben können.) Sie können die Schrecken vermehren, die Spannung steigern, die Perspektive, die Konstellation verändern. Sie können das Gefängnis ausweiten, endlos – wie die Carceri Piranesis – zu einem immer furchtbareren, immer königlicheren Gefängnis: der Grundriss wird bleiben. Das ist keine Einschränkung, im Gegenteil. Kafka, Beckett haben auf einer kranken Zeit solche Gefängnisse errichtet und sind groß."

Ein ungewöhnlicher Lebensweg

Im Lauf der Jahre werden die Briefe Botonds aber auch immer persönlicher, mit vielschillernden subjektiven Färbungen. Von ihrem offenkundig ungewöhnlichen Lebensweg erfahren wir in diesem Buch nur indirekt. Ihr Geburtsname war Strasser, 1947 wurde sie bei dem berühmten Freiburger Ordinarius Hugo Friedrich promoviert und heiratete mit 27 Jahren Joschka Botond-Blazek, einen Germanisten mit ungarischen Wurzeln, der aber recht bald keine größere Rolle mehr zu spielen schien.

In den fünfziger Jahren studierte sie an der Pariser Sorbonne und erlangte dort ihren zweiten Doktortitel. Die Lektorenstelle im Insel- und dann im Suhrkamp-Verlag versah sie äußerst kompetent und vorbildlich, aber in den Briefen an Thomas Bernhard zeigt sich, dass ihr die Modalitäten des Literaturbetriebs, also auch die Verlagsstrukturen überhaupt nicht behagten. 1964 wird Siegfried Unseld ihr Chef, und als sie von einer Afrikareise zurückkommt, schreibt sie an Bernhard:

"Seit ein paar Tagen aus Tripolis zurück, erholt, entspannt, so vergnügt wie schon lange nicht mehr, wieder ganz "harmlos", so dass ich jetzt selbst unseren Napoleoniden Unseld für einen Menschen anschauen kann, was mir vorher manchmal schwerfiel."

Selbstironische Souveränität

Später wettert sie, und das wirkt angesichts der Entwicklung der Branche äußerst aktuell, gegen "Männer, die sich am Organisatorischen berauschen". Und als es Streit um den Titel von Bernhards Buch "Verstörung" gibt – Unseld lehnt diesen Titel ab – versetzt sie in einem Brief an Bernhard knapp:

"Das Buch ist zu groß, als dass man im Titel Konzessionen an das Publikum machen dürfte."

Immer wieder spickt sie ihre Briefe mit gelehrten Zitaten, fühlt sich getroffen von Sartres "Medusenblick des Anderen" oder nimmt eine Anleihe bei Rahel Varnhagen: "Es ist alles, wie es ist, dass heißt ‚anders‘". Das ist voller Esprit und überraschender Volten. Wenn sie einmal von der Gegenwart als einer "Imponderabilientextur" spricht, spürt man auch ein seltenes Potenzial an selbstironischer Souveränität. Mit der Einsamkeit, der Unerreichbarkeit Thomas Bernhards scheint sie sich immer mehr zu identifizieren, und als er monatelang wegen seiner langwierigen Lungenerkrankung im Spital liegt, springt sie privat mit einer Summe von 6.000 DM für die Behandlung ein. Die Kritiker bezeichnet sie gelegentlich als "Gehirnspatzen", und den einflussreichen Marcel Reich-Ranicki hat sie besonders auf dem Kieker:

"Im Grund hat R.R. an sich selbst den besten Richter, in jedem Satz straft er sich der Ahnungslosigkeit. Aber dass solches Gewäsch in der "Zeit" erscheinen kann, ist und bleibt deplorabel." 

Bruch mit dem alten Leben

Anneliese Botond will etwas anderes, und sie ist, dieser Eindruck verstärkt sich immer mehr, auf der Suche nach ihrer eigenen Freiheit. Als sie endlich den Entschluss fasst, ihren Verlagsvertrag zu kündigen, nimmt ihr Leben eine Wendung. Sie bricht zu einer Schiffsreise nach Lateinamerika auf, über San Salvador, Caracas, Bogota nach Lima, und in Peru bleibt sie vier Jahre lang. Ihre Briefe vom Anfang ihres Aufenthalts, als sie immer noch mit der Endredaktion des Bandes "Über Thomas Bernhard" beschäftigt ist, sind ihre letzten an Thomas Bernhard - sehr suggestive Landschafts- und Milieuschilderungen, voller Zufriedenheit damit, dass sie aus ihrem alten Leben ausgebrochen ist.

Warum sie dann keine Briefe mehr an ihn geschrieben hat, auch, nachdem sie 1974 wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist, ist nicht klar. Der Herausgeber Raimund Fellinger, der eigentlich alles weiß, kann das ebenfalls nur konstatieren. Der Ton ihrer letzten Zeilen aus Südamerika lässt eigentlich auf keinen abrupten Abbruch schließen. Aber man ahnt - sie musste wohl ihr Leben ändern, und sie hat es getan. Eines ist dabei schade: man möchte mehr von ihr lesen. Vielleicht taucht ja noch etwas Anderes von ihr auf.   

Anneliese Botond: "Briefe an Thomas Bernhard.
Mit unbekannten Briefen von Thomas Bernhard 1963-1971."
Hg. von Raimund Fellinger.
Korrektur Verlag, Mattinghofen. 212 Seiten. 29.90 Euo.

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