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StartseiteKalenderblattDie Frau mit der spitzen Feder, die nie heiraten wollte03.02.2020

Annette Kolb vor 150 Jahren geborenDie Frau mit der spitzen Feder, die nie heiraten wollte

Annette Kolb, geboren am 3. Februar 1870, ist bis heute vor allem für ihre heiteren Romane bekannt. Doch die Deutsch-Französin konnte auch anders. Mit kritisch-sarkastischen Texten schrieb die Pazifistin gegen die Kriegstreiber des Ersten Weltkriegs an.

Von Christoph Vormweg

Historische Aufnahme zeigt die deutsche Schriftstellerin und Pazifistin Annette Kolb im seitlichen Profil mit Hut um das Jahr 1915. (Getty Images / Corbis / adoc-photos)
1913 erscheint Annette Kolbs Roman "Das Exemplar", für den sie den renommierten Fontane-Preis erhält (Getty Images / Corbis / adoc-photos)
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"Ich bin eben halb deutsch und halb französisch." Sagt Annette Kolb im Alter von 95 Jahren in einem Rundfunk-Interview.

"Man liebt die Deutschen mit anderen Gefühlen wie die Franzosen. Aber man liebt beide."
Was ihr nicht immer leicht fällt. Denn Annette Kolb wird am 3. Februar 1870, kurz vor Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs, geboren. Die Propaganda-Mär von der Erbfeindschaft der Nachbarländer lastet auf ihrem ganzen Leben.

Als Tochter einer französischen Pianistin und eines angesehenen Münchner Gartenarchitekten wächst Annette Kolb im großbürgerlichen Umfeld des bayerischen Königshofs auf.

"Annette Kolbs Mutter hat bekannte Teegesellschaften abgehalten – und da kamen alle hin: also das diplomatische Corps, Geistliche, Künstler, Literaten."

Die Literaturwissenschaftlerin Isabelle Stauffer: "Da konnte Annette Kolb Kontakte knüpfen. Die Leute haben die neuesten literarischen Erscheinungen aus Paris und London mitgebracht. Das hat ihr Reisen ermöglicht. Also das war intellektuell, und was Weltläufigkeit anbelangt, ganz wichtig."

Mit spitzer Feder geschriebene Porträts

In den großbürgerlichen Münchner Kreisen begegnet Annette Kolb auch ihrem fünf Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen Thomas Mann. Sein Urteil:

"Zwischen den Sprachen aufgewachsen, schrieb sie in einem reizend inkorrekten Privatidiom damenhafte und originelle Gesellschaftsstudien, die des psychologischen und musikalischen Reizes nicht entbehrten und unbedingt zur höheren Literatur zählten."

Annette Kolbs Porträts sind mit spitzer Feder gezeichnet – etwa das von Gustl Kummerfeld, dem Sohn eines Barons, in ihrem Roman "Daphne Herbst".

"Sein großes Vermögen lieh ihm einen erotischen Zauber, und man fand ihn schön. Niemand würde ihn schön genannt haben ohne den Goldschein, in dem er ging. So aber hatten ein paar Rundtänze mit Lucy Schlingen genügt, um sie zu entflammen. Ehrlich liebeskrank war Lucy."

Isabelle Stauffer: "Kolb ist eine ironische Schriftstellerin. Wenn ich sie vergleichen müsste mit jemandem, dann zum Beispiel mit Jane Austen, weil sie die Gesellschaft kritisch und ironisch porträtiert, aber nicht mit vernichtender, sondern eher mit bewahrender, liebevoller Ironie."

"Heiraten wäre mir ein schrecklicher Gedanke gewesen"

"Ich konnte mich verlieben. Aber heiraten wäre mir ein schrecklicher Gedanke gewesen. Dazu fand ich mich nicht schön genug."

1913 erscheint Annette Kolbs Roman "Das Exemplar", für den sie den renommierten Fontane-Preis erhält. Darin beschreibt sie die schwierige Affäre von Mariclée mit einem britischen Diplomaten und lässt ihre eigene Liebesphilosophie durchscheinen.

"Irgendwie bin ich im vornherein für den Mann verdorben […], denn es fragt sich, wer mehr zurückbehält: der alle Dinge auskostet, oder der, dem es glückt, sich von keinem fangen zu lassen."

Stauffer: "Das sind keine klassischen Liebesgeschichten. Und witzig ist auch, dass sie in ihren Aufsätzen das Argument umkehrt, dass die Emanzipation die Liebe verhindert, sondern sie sagt, es ist die neue Kälte des modernen Mannes und seine Passivität, die die Frauen überhaupt erst zur Emanzipation getrieben hat."

Annette Kolb, stadtbekannt für ihre extravaganten Hüte, besteht noch im hohen Alter auf der Anrede "Fräulein". Und sie nutzt ihre Freiheiten ohne Ehemann, raucht Zigaretten und lernt Autofahren.

Während des Ersten Weltkriegs kritisiert Annette Kolb offen die Kriegstreiber in Deutschland und Frankreich. Wegen "pazifistischer Umtriebe" verhängt das Kriegsministerium eine Reise- und Briefsperre. Daraufhin setzt sie sich ins Schweizer Exil ab. 1933 wiederholt sich das deutsch-französische Drama für Annette Kolb. Am Tag des Wahlsiegs der NSDAP schaltet sie das Radio an, um ein Konzert zu hören.

"Und statt dem kommt der Hitler. Und da habe ich mir gesagt: Das ist der Krieg! Bei dieser hündischen Bosheit! Diesem Hass!"

Erneuter Gang ins Exil

Annette Kolb geht erneut ins Exil, erst nach Frankreich, dann in die USA. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird sie in der jungen Bundesrepublik nie wieder heimisch.

"Es gibt viele nationalsozialistische Naturen, die geblieben sind als Erben. Und das ist das, was mich entfremdet, was mich unglücklich macht."

Schlimmer noch: "Der Materialismus ist grässlich. Ich habe das Bild gebracht von einer trockenen Sintflut. Und diese, finde ich, hat sich über uns bereitet." 1967 stirbt Annette Kolb im Alter von 97 Jahren.

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