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Ans Geld denken

Geld ist Thema des 12. Philosophicums in Lech

Dichter, Philosophen, Ökonomen, Psychologen - sie alle arbeiten sich an einem Phänomen ab, das die Menschheit fasziniert und drangsaliert, seitdem die Idee des messbaren "Wertes" zum ersten Mal aufkam. Was ist Geld? Ein Symbol? Eine Allegorie? Ein Segen oder ein Verhängnis? Geld ist gedanklich schwer zu fassen, aber auf dem 12. Philosophicum in Lech stand es im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Geldstücke (Stock.XCHNG / Bart Zwan)
Geldstücke (Stock.XCHNG / Bart Zwan)
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Über Geld zu philosophieren, ist im akademischen Betrieb verpönt - und zwar in zweierlei Hinsicht: Für die Philosophen gilt es als irgendwie unwürdiger Gegenstand, zu flach für tiefe Gedanken, und für die Wirtschaftswissenschaftler sind philosophische Abstraktionen eher fehl am Platz, da es sich beim Geld doch sozusagen um die Grundessenz ökonomischer Realität handelt.

Dieses intellektuelle Aus-dem-Weg-Gehen hat Tradition. Die meisten großen Theoretiker, die sich intensiv mit Geld beschäftigt haben - Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Georg Simmel, Georg Lukacz - saßen nicht auf akademischen Lehrstühlen, sondern dachten auf eigene Rechnung und Gefahr. Doch der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann ließ sich von solchen fachgeschichtlichen Erwägungen nicht beeindrucken, als er vor vielen Monaten das Thema Geld für das diesjährige Philosophicum in Lech wählte. Er konnte damals noch nicht ahnen, welch brennende Aktualität damit jetzt, im September 2008, verbunden sein würde.

Gleichwohl stand die Weltfinanzkrise nicht im Mittelpunkt dieses Kolloquiums, sondern es ging darum, in mehr als einem Dutzend Referaten vier Tage lang Wesen und Funktion des Geldes an sich zu erörtern. Das Philosophicum findet in anderthalbtausend Metern Höhe in der alten Dorfkirche von Lech statt. Die Luft dort ist so klar und kalt wie die Vorstellung vom reinen Geld als dem abstraktesten Medium menschlicher Kommunikation und zugleich dem konkretesten Mittel menschlicher Herrschaft.

" Und damit ist das Geld natürlich im doppelten Sinne ein ganz großes Thema der Philosophie. Einerseits weil es selbst eine Kategorie ist, die sehr viel Geistiges, Begriffliches, Reflektives in sich trägt, und auf der anderen Seite, weil das Geld als soziales Medium, als ökonomisches Medium, natürlich für jede Theorie der Politik, für jede Theorie der Gerechtigkeit, für jede Ethik, eine ganz entscheidende Rolle spielen muss. "

Liessmann schließt hier an die "Philosophie des Geldes" von Georg Simmel an, der vor etwas mehr als hundert Jahren vorgeführt hat, was sich diesem Thema bei gründlicher Betrachtung abgewinnen lässt. Er räumte zunächst mit der landläufigen Geringschätzung des Gegenstands durch die geistige Welt auf. Geld war für ihn nichts Geistloses, sondern im Gegenteil: Zeichen eines außerordentlichen geistigen Vorgangs.

" Weil das Geld offensichtlich das erste wirklich abstrakte Medium war, das die Menschen entwickelt haben. Geld steht für alle möglichen Waren, Dinge, Dienstleistungen, Güter, ohne selbst tatsächlich einen konkreten Wert darzustellen. Es repräsentiert alle möglichen Werte. Es ist sozusagen Ausdruck einer Abstraktionsleistung, es ist Ausdruck der Fähigkeit des Menschen von konkreten Erscheinungen, von konkreten Waren, von konkreten Dingen, von konkreten Bedürfnissen abzusehen und diese Konkretionen zu reduzieren, zu abstrahieren hin auf diesen einen Gesichtspunkt: Wie kann ich dieses Ding gegen ein anderes austauschen? "

Geld ist also universell; es gibt kaum einen Sachverhalt, zu dem es nicht in Beziehung steht. Nicht von ungefähr sprechen die Geldfachleute so gern in merkwürdigen Flüssigkeitsmetaphern: Geld stellt für sie eine Essenz dar, die strömt, gefriert und zirkuliert. Der Karlsruher Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich führte anhand von Wellness- und Badezimmerprospekten vor, wie stark das Denkbild der Liquidität ist mit dem Geldwesen verbunden ist.

" Schon in unserer Alltagssprache zeugen ganz viele Wendungen vom Wasser als Metapher für das Geld. Und dabei stehen einerseits seine verschiedenen Qualitäten, aber andererseits gerade auch sein Fließen, seine Beweglichkeit, also auch seine Dynamik, also auch seine Verheißung von Energie im Mittelpunkt. Man pumpt Geld in die Märkte, man lässt Geldquellen versiegen oder man entdeckt eine sprudelnde Einkommensquelle, man hat gegen Liquiditätsengpässe zu kämpfen, sitzt vielleicht sogar auf dem Trockenen, muss deshalb einen Freund anpumpen, ist dann wieder flüssig und schwimmt schließlich vielleicht sogar im Geld. "

So wird schon im sprachlichen Umgang damit deutlich, dass es sich um eine schwer zu fassende Materie handelt, die alles durchdringen und sich in alles verwandeln kann. Geld ist ein Medium, ein Leitmedium sogar, und hat als solches metaphysischen Charakter, wie der Mannheimer Philologe Jochen Hörisch ausführte:

" Geld wird das andere seiner selbst. Es transsubstantiiert sich. Aus Wertzeichen werden wertvolle Güter. Geld hat, wenn es als Leitmedium beglaubigt wird, die Macht, Sema (Zeichen) in Soma zu konvertieren: Gott spricht: Es werde Licht - und es ward Licht. Gott sagt: Es werden die Tiere. Und es warden die Tiere. Man investiert Zeichen, und es kommt was Reales dabei heraus. Zeichen in Bezeichnetes zu konvertieren - et vice versa, ist der eigentliche Zauber des Geldes. Der profane Zauber des Leitmediums Geld ist also allen offenbar. Man kann Geldzeichen hergeben, um so an ein begehrtes, wertvolles Gut zu gelangen. Und umgekehrt ein wertvolles Gut hergeben, um dafür an wertvolle Zeichen zu gelangen. In den Worten aus Goethes Faust II, die souverän monetäre mit christlicher Logik zusammenbringen, heißt das: "Dies Metall lässt sich in alles wandeln." "

Dem Faust war auch der Tagungstitel entnommen: "Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält", und in der Tat darf Goethe als ein ausgesprochener Fachmann in wirtschaftlichen Dingen gelten. Unter dem Titel "Geld und Magie" gab der vor vierzehn Jahren emeritierte St. Galler Nationalökonom Hans Christoph Binswanger eine Interpretation der modernen Wirtschaft im Spiegel von Goethes Faust:

" Was ist das Faszinierende? Es ist, meine ich, gerade der alchemistische Charakter der modernen Wirtschaft. Heute wird die Alchemie zwar als Aberglaube abgetan. Es heißt, dass sich seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften die Goldmacherei endgültig als Illusion erwiesen habe, dass niemand mehr sinnlos seine Zeit für solch abstruse Vorhaben vergeuden wolle. Ich behaupte etwas anderes. Die Versuche zur Herstellung des künstlichen Goldes wurden nicht deswegen aufgegeben, weil sie nichts taugten, sondern weil sich die Alchemie in anderer Form als so erfolgreich erwiesen hat, dass die mühsame Goldmacherei im Laboratorium gar nicht mehr nötig ist.

Das eigentliche Anliegen der Alchemie im Sinne der Reichtumsvermehrung ist ja nicht, dass tatsächlich Blei in Gold transmutiert wird, sondern lediglich, dass sich eine wertlose Substanz in eine wertvolle verwandelt, also z.B. auch Papier in Geld. Wir können den Wirtschaftsprozess als Alchemie deuten, wenn man zu wertvollem Geld kommen kann, ohne es vorher auch durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben. [Die Wirtschaft stellt sich als eine Art Zylinder dar, aus dem ein Kaninchen herausgeholt werden kann, das vorher nicht drin war.] Es ist eine Wertschöpfung - dieser Begriff Wertschöpfung ist ein terminus technicus der modernen ökonomischen Wissenschaft! - das heißt, eine Tat, die das Gesetz der Erhaltung von Masse und Energie überwindet, also zu einem ständigen Wachstum der Wirtschaft führt, das an keine Grenzen gebunden ist. Es geht um die Überwindung von Zeit und Vergänglichkeit. "

Hier sind einige Stichwörter gefallen, die alle noch einzeln entwickelt werden sollen: Wachstum und Schöpfung, Zeit und Vergänglichkeit. Die theologischen Anklänge sind kein Zufall. Man begegnet ihnen beim Thema Geld auf Schritt und Tritt. Geld ist, das wusste schon Aristoteles, vor allem eine Frage des Glaubens; wenn nicht an seinen Wert geglaubt wird, gilt Geld nichts. Aber die religiösen Implikationen gehen darüber noch weit hinaus und schlagen sich im selben Grunddesign von Münzen und Hostien nieder sowie in den Begriffen: hinter Schulden steht die Schuld, hinter dem Erlös Erlösung und hinter dem Kaufpreis von Dingen der Lobpreis Gottes.

Wirtschaftswissenschaftler schreiben dem Geld gewöhnlich drei Funktionen zu: Es dient als Tauschmittel, als Wertaufbewahrungsmittel und als Zählmittel. Zur Erklärung dessen, was Geld eigentlich ist, reicht das aber nicht aus. Denn Geld ist ein durch und durch wahnhaftes, von Mystik und Magie imprägniertes Konstrukt. Schon die Tatsache, dass der alchemiebegeisterte Issac Newton im Jahr 1717 den Goldstandard für die englischen Banknoten einführte, damit der Zauber des Goldes zur Stärkung des Geldes beitrüge, spricht Bände.

Geld hat also eine völlig irrationale Seite, ja der in Würzburg und München lehrende Volkswirtschaftler Karl-Heinz Brodbeck bezeichnete Geld sogar als eine Illusion. Zur Geldentstehung führte er aus:

" Hamann hat gesagt: Man versteht Geld nur, wenn man die Sprache versteht, und man versteht die Sprache nur, wenn man das Geld versteht. Sie erklären sich wechselseitig. Das war für mich ein Schlüsselsatz. Da war mir klar: man kann nicht eine Theorie des Geldes entwickeln, ohne auch gleichzeitig etwas über Sprache zu sagen. Was ist die Ähnlichkeit? Sprache erklären hieße, eine Folge von Sätzen aussprechen. Das heißt schon die Sprache voraussetzen. Wir sind in einem Zirkel. Niemand kann die Sprache erklären. Deshalb ist auch - das hat schon Rousseau sehr klar und schön beschrieben - Sprache nicht als Erfindung zu erklären. Geld kann man auch nicht als Erfindung erklären. "

Bei aller Irrationalität, Metaphysik und Transzendenz ist Geld aber auch ein Inbegriff von kalter, kalkulierender Vernunft. Schon Hegel fand, im Geld sei "das formale Prinzip der Vernunft vorhanden". Marx bezeichnete die Logik als "das Geld des Geistes". Der strukturelle Zusammenhang von Geld und Geist wurde, wie Jochen Hörisch zeigte, bereits sehr viel früher erkannt:

" Sophisten schwant, dass Philosophie ein Epiphänomen des Geldverkehrs ist. Das ist eine ungeheure, eine kränkende Vermutung. 'Du, Aristoteles würdest gar nicht so gescheit denken können, wie du denkst, wenn es nicht das Geld gäbe, das uns allen das Abstrahieren beigebracht hat.' Philosophieren, Denken ist Abstrahieren, und die Möglichkeitsbedingung für Abstrahieren ist die ungeheure Abstraktionskraft, Homologisierungskraft, die im Geld liegt.

Ein so souveräner Kenner der frühen Antike wie Nietzsche hat das prägnant auf den Begriff gebracht: "Preise machen" - schreibt Nietzsche, "Werte abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen" - schreibt Nietzsche -, "das hat in einem solchen Maße das allererste Denken der Menschen präokkupiert, dass es in einem gewissen Sinne das Denken selbst ist. Hier ist die älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden; hier möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorranggefühls in Hinsicht auf anderes Getier zu vermuten sein." - Menschen sind also Wesen, die Geld haben. Das können Tiere nicht. "

Diese Abstraktionskraft des Geldes steht in einem spannungsvollen Verhältnis zur Moral - ein Thema, das auch zu Nietzsches Favoriten zählte. Denn es ist nicht ausgemacht, welche sittlichen Gestaltungswirkungen Geld eigentlich entfaltet. Verdirbt es die Seele? Oder stellt es eigentlich eine Entlastung dar, wie der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz behauptet?

" Man könnte sagen, an die Stelle der Moralisierung der Lebensverhältnisse ist ihre Monetarisierung getreten. Und das war ein ungeheurer Gewinn. Auch da sind wir leicht geneigt, das für traurig zu halten. Ich glaube, es gibt kein einziges Kolloquiumsthema, das häufiger in den letzten Jahrzehnten auf die Tagesordnung gesetzt wurde, als "Werteverfall". Aber es handelt sich gar nicht um einen Werteverfall, sondern es handelt sich um einen Werteverzicht. Die kapitalistische moderne Gesellschaft verzichtet auf moralische Werte zugunsten eines anderen, viel effektiveren Funktionssystems. Also da, wo man früher moralisiert hat, wird jetzt monetarisiert. "

Diese Entmoralisierungs-Dialektik hat schon Goethe, der nicht umsonst einer der ersten Leser von Adam Smith war, klar erkannt und zur Darstellung gebracht. Noch einmal Jochen Hörisch:

" Wenn Mephisto sagt: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft", dann macht er nichts anderes als in wunderbare deutsche Verse zu bringen die zentrale Einsicht von Mandevilles 'Bienenfabel' und von 'The Wealth of the Nations': "Private vices become public benefits." Die individuellen Schwächen und bösen Anlagen, die wir haben, können in einen öffentlichen Vorteil transformiert, konvertiert - ich sage ganz bewusst: transsubstantiiert - werden. Warum? Weil das Geld das Medium ist, das es zulässt, böse zu sein. Man beutet andere Leute aus, man hat egoistische Bedürfnisse, man will reicher sein, besser dastehen als andere Leute, man lässt das Böse zu - und Geld ist böse, das weiß man seit der Antike, seit Sophokles, seit der Erfindung des Geldes - aber es kommt was Besseres dabei heraus, als wenn man Wirtschaftsprozesse moralisch organisiert. Das ist die gewaltige These von Mandeville und von Adam Smith, aber eben auch von Goethe: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft." "

Womit sich ein gedanklicher Kreis schließt. Die Abstraktionsleistung, die Geld als reinen Wertgedanken hervorgebracht hat, neutralisiert nach Ansicht von Norbert Bolz und Jochen Hörisch weitgehend die ethischen Wertvorstellungen, die ihm im Wege stehen. Und der Abstrahierungsprozess schreitet fort: In der Tat hat das Geld ja schon dramatisch an Stofflichkeit verloren; heutzutage rast es vor allem in Form von Bitströmen durch Bankencomputer. Und indem es so virtuell zirkuliert, vermehrt es sich auf unheimliche Weise. Mit jeglichem Kredit, den irgend jemand irgend jemandem gewährt, wächst die im Umlauf befindliche Geldmenge. Sie wächst so, als wäre mehr gearbeitet worden, dabei ist nur mehr geglaubt worden. Denn wie das Wort Kredit schon zeigt: Geld ist vor allem Glaubenssache. Auch Schulden produzieren Banknoten - das ist wahrhaftig höhere Magie.

Seltsam aber, dass das Nachdenken über Geld inzwischen aus der Mode gekommen zu sein scheint. Die Ökonomie galt lange als Zentralwissenschaft, um die moderne Welt zu begreifen und zu verändern. Den Rang hat sie verloren; ihr intellektueller Sex-Appeal ist verblasst. Das rächt sich natürlich in dem Maße, wie die Ökonomie zum allmächtigen Prinzip der Lebensgestaltung auf unserer globalisierten Erde wird. Oder platter ausgedrückt: Geld regiert nach wie vor die Welt. Womit die moralische Betrachtung doch nicht ganz eskamotiert werden kann. Denn wie der große Ökonom Milton Friedman einmal sagte: "Es gibt überhaupt nur zwei Sorten Geld auf der Welt: dein Geld und mein Geld."

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