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StartseiteKommentare und Themen der Woche"Hass fängt mit Worten an"15.03.2019

Anschlag in Christchurch"Hass fängt mit Worten an"

Das Bekennerschreiben des Attentäters von Christchurch korreliere mit der Kaltblütigkeit der Tat, kommentiert Marcus Pindur im Dlf und mahnt, auf Sprache zu achten - auch hier in Deutschland: "Extreme Sprache schafft den Raum und die Rechtfertigung für extreme Gewalt."

Von Marcus Pindur

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Menschen legen Blumen nieder (dpa/Dominic Lipinski/PA Wire/empics )
"Die Sprache und die Vorurteilsmuster sind verräterisch, und sie sind nicht schwer zu identifizieren", kommentiert Marcus Pindur im Dlf und nennt das Schreiben des Attentäters eine "hasserfüllte Botschaft" (dpa/Dominic Lipinski/PA Wire/empics )
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Es ist ein grauenvolles Dokument des Hasses und des Zynismus. Der Täter von Christchurch filmte seine Mordorgie und übertrug sie live im Internet. Aus der Perspektive eines Videospiels konnten seine Anhänger das Massaker verfolgen. Die Bilder zeigen einen absolut kalten, planvoll vorgehenden Täter. Er lud seine Waffen nach, ging einmal zurück zu seinem Auto, um neue Munition zu holen und exekutierte noch lebende Opfer ohne zu zögern mit Kopfschuss. 

Die Kaltblütigkeit der Tat korreliert mit der hasserfüllten Botschaft, die mutmaßlich vom Täter ins Internet gestellt wurde. Ein "Manifest" nennt er es, natürlich, die Selbststilisierung als Held der rechtsextremen Ideologie geht stets mit der Fiktion einer politischen Begründung einher. Dabei kann diese Gewalt selbstverständlich nie gerechtfertigt oder gar begründet werden. Ein Dokument des Hasses ist dieses Manifest, und es erinnert an ein ähnliches Schreiben des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. 

Der Hass richtet sich auf Zuwanderer, besonders Muslime. Die ideologischen Versatzstücke der Rechtsextremisten sind überall gleich: Elitenhass, Verschwörungstheorien und Rassenideologie. Überschrieben ist das sogenannte Manifest mit dem Titel: "Die große Umvolkung". Dieses Topos geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch muslimische Zuwanderer ersetzt werden soll. Akteur ist angeblich eine sinistre, globalisierte Elite, die den Kapitalismus und die Politik steuert, und auch der Antisemitismus ist nie weit. 

"Achten wir auf unsere Sprache - und auf die der anderen"

Ein weiteres Topos des Rechtsextremismus: die niedrige Geburtenrate der westlichen Welt, die hohe Geburtenrate der islamischen sogenannten Invasoren. Und ganz offen erklärte der Täter von Christchurch: Es gehe ihm um Rache. Rache für alles Mögliche, was "der Islam" angeblich "dem Westen" angetan habe – eine wirre Sammlung von Karl Martell über die Belagerung von Wien 1683 bis zu islamistischen Anschlägen der letzten Jahre. Ein andauernder, quasi genetisch bedingter Zusammenstoß der Zivilisationen wird behauptet – und damit einher geht die Selbsterhöhung der eigenen, kleinen Persönlichkeit als Kämpfer in historischer Mission. 

Die Sprache und die Vorurteilsmuster sind verräterisch, und sie sind nicht schwer zu identifizieren. Extreme Sprache schafft den Raum und die Rechtfertigung für extreme Gewalt. Wenn also bei uns in Deutschland ein Alexander Gauland den Nationalsozialismus als "Vogelschiss der Geschichte" bezeichnet, so ist dies genauso verräterisch wie beunruhigend. Hass fängt mit Worten an. Achten wir also auf unsere Sprache, und auf die der anderen.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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