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StartseiteKommentare und Themen der WocheRechte Bestien stoppen11.08.2019

Anschlag in NorwegenRechte Bestien stoppen

Nach dem nur mit Glück verhinderten rassistischen Attentat in Norwegen sei jeder Einzelne in der Pflicht, kommentiert Christian Stichler. Es gelte zu widersprechen und nicht wegzuhören. Alle müssten genauer hinsehen, damit sich rechte Gewalt in Europa nicht weiter ausbreite.

Von Christian Stichler

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Polizisten untersuchen nach dem Angriff auf eine Moschee in Baerum bei Oslo den Tatort. (dpa / NTB Scanpix / Terje Pedersen )
Baerum bei Oslo: Dank glücklicher Fügung gab es keine Opfer (dpa / NTB Scanpix / Terje Pedersen )
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Der 10. August 2019 – er hätte zu einem weiteren schwarzen Tag des rechten Terrors werden können. Doch drei mutigen Männern und ein paar glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass wir diesen Tag vermutlich schnell wieder vergessen werden. Aber der versuchte Terrorangriff von Braeum bei Olso zeigt einmal mehr, wie gefährlich die rechtsextreme Gewalt mittlerweile geworden ist.

Christchurch, Kassel, El Paso. Sie zieht sich wie ein festes Band durch unsere westlichen Gesellschaften. Offenbar gibt es Menschen unter uns, die ihren Hass auf das Fremde nicht mehr nur in Internetforen und Filterblasen äußern, sondern die zum Angriff übergehen. Einfach so – aus dem Nichts heraus. Wie beschrieb eine Nachbarin den jungen Attentäter von Norwegen? Er sei ganz normal gewesen. Er habe ihr sogar bei täglichen Besorgungen geholfen.

Unauffällig und bestialisch zugleich

Jung, weiß, männlich, unauffällig. Sieht so die neue Gefahr für unsere freie Gesellschaft aus?

Was geht in diesen jungen Männern vor, wenn aus ihnen plötzlich Bestien werden? Und warum passiert das ausgerechnet in Norwegen? In einem der reichsten Länder der Erde, wo viele Muslime besser integriert leben als an vielen anderen Orten dieser Welt.

Erinnerungen werden wach. An den 22. Juli 2011. Als ebenfalls ein junger weißer Mann zum Angriff überging und zunächst im Zentrum von Oslo und danach auf der Ferieninsel Utöya 77 Menschen hinrichtete. Seine Tat bereut er bis heute nicht. Es hätte in Baerum bei Oslo schrecklich enden können. Lediglich dem Zufall ist es zu verdanken, dass zum Zeitpunkt des Angriffs nur drei Besucher in dem Gotteshaus waren und nicht bis zu 20, wie nur wenige Minuten zuvor. Und welch Glück, das ausgerechnet ein 75-Jähriger maßgeblich daran beteiligt war, den um sich schießenden Attentäter zu überwältigen. Denn dieser junge Mann wollte töten. Er hat den Attentäter von Christchurch bewundert. Er hat – nach allem was wir wissen – offenbar auch seine erst 17-jährige Stiefschwester ermordet. Warum werden junge Männer zu Bestien? Müssen wir uns damit abfinden?

Botschaften frühzeitig erkennen

Nein. Wir müssen der rechten Gewalt etwas entgegenhalten. Das hat mit unseren Sicherheitsbehörden zu tun, aber auch mit uns selbst. Denn der rechte Terror hinterlässt nicht nur Spuren, er kündigt sich auch an. Wer in Internetforen Hass verbreitet, der will dass seine Botschaften gelesen werden. Im Umkehrschluss heißt das: auch die Polizei und die Ermittlungsbehörden können diese Botschaften lesen. Ähnlich wie beim Kampf gegen die Kinderpornografie dürfen sich auch Rechtsextreme nicht hinter der Anonymität des Netzes verstecken. Sie dürfen ihre Hassbotschaften nicht ungehindert verbreiten. Denn nach der Botschaft kommt die Tat.

Auch der mutmaßliche Attentäter von Oslo war den Behörden offenbar bekannt. Hätte man ihn besser überwachen müssen? Der Kampf gegen das rechtsextreme und fremdenfeindliche Gedankengut ist eine Mammutaufgabe für Polizei und Ermittlungsbehörden. Aber wenn wir unsere freie Gesellschaft schützen wollen, müssen wir diese Aufgabe annehmen.

Und auch jeder einzelne von uns ist in der Pflicht. Wenn am Arbeitsplatz, in der U-Bahn oder im Fußballstadion fremdenfeindliche Parolen fallen – und seien sie noch so harmlos – dann heißt es: widersprechen, nicht weghören. Wir sind es unserer freien Gesellschaft und den Opfern des rechten Terrors schuldig.

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