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StartseiteTag für TagZwei Mystiker begegnen sich09.07.2019

Anselm Grün und Milad KarimiZwei Mystiker begegnen sich

Ein prominenter Benediktinermönch und ein prominenter muslimischer Religionsphilosoph schreiben gemeinsam ein Buch: "Im Herzen der Spiritualität". Anselm Grün und Milad Karimi wollen zeigen, wie sich Muslime und Christen begegnen können. "Dieses Buch kann helfen", findet unser Rezensent.

Von Andreas Main

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Benediktinermönch Anselm Grün und der muslimische Religionsphilosoph Milad Karimi in Münsterschwarzach Im Wörterbuch speichern Keine Wortliste für Englisch -> Deutsch... Eine neue Wortliste erstellen... Kopieren  (Daniel Biskup)
Benediktinermönch Anselm Grün und der muslimische Religionsphilosoph Milad Karimi (Daniel Biskup)
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Dies ist keine objektive Besprechung, was ein banaler Satz ist, weil Rezensionen per se subjektiv sind. In diesem Fall ist sie aber besonders subjektiv.

Ich muss die Situation transparent machen, in der ich das Buch "Im Herzen der Spiritualität" gelesen habe. Ich habe es gelesen in einer Situation, die alle Mensch erleben oder erleben werden, die einen umhaut. Eltern verlassen uns. Oder drohen uns zu verlassen. Ohne zu privat werden zu wollen: In anstrengenden Tagen und Wochen habe ich mich unter anderem an diesem Buch festgehalten. Weil es geprägt ist von Herzenswärme, von einer zutiefst humanen Haltung. Weil ihm eine spirituelle Tiefe zugrunde liegt, die das Beste ist, was Religionen zu bieten haben.  

"Mystiker verstehen sich"

"Im Herzen der Spiritualität – Wie sich Muslime und Christen begegnen können" - der Titel des Buchs gibt die Richtung vor, in die die Autoren wollen. Hier der muslimische Religionsphilosoph mit Wurzeln in Afghanistan, dort der katholische Benediktinermönch und Theologe mit Wurzeln in Unterfranken. Der eine Professor an der Universität Münster, der andere Autor, Betriebswirt  und Priester in der Abtei Münsterschwarzach.

Benediktinerpater Anselm Grün, aufgenommen vor der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg (dpa / picture alliance / David Ebener)Anselm Grün vor der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg (dpa / picture alliance / David Ebener)

Anselm Grün, Benediktinermönch: "Für mich ist der Dialog der Religionen ganz wichtig, damit die Religionen auch im Frieden miteinander leben und die Religionen Friedensstifter sind. Leider haben die Religionen ja auch beigetragen zur Spaltung oder zu Aggressionen, und je mehr wir den Dialog führen, desto näher kommen wir uns, und gerade der Dialog über Erfahrung, Spiritualität und Mystik, da geht es nicht um Rechthaberei, sondern um Erfahrung und da kann jeder von jedem lernen. Einfach zu spüren, welche Erfahrung machen die mit Gott, wie beten die. Die Mystiker verstehen sich irgendwie, weil sie nicht dogmatisch denken können in Bildern."

Milad Karimi, Religionsphilosoph: "Füreinander die Herzen zu öffnen, auch lernen aus dem Blick des anderen sich selbst und ihn zu betrachten. Mit den Ohren von Anselm Grün das Evangelium zu hören – für einen Muslim ist das heilend und schön. Mit seinen Augen eine Kirche zu betrachten, ist etwas völlig anderes, als wenn ich ein sehr schönes Buch über die gotische Kirche lese. Uns war es wichtig, nicht bei den Unterschieden zu bleiben, sondern durch die Unterschiede hindurch zu gelangen. Ich als Muslim zum Beispiel glaube nicht an einen trinitarischen Gott. Das lässt sich jetzt einfach sagen, aber was ist eigentlich das Besondere an diesem Glauben an Christologie oder Trinität. Und ich glaube, da ist wichtig, den Weg der Spiritualität zu nehmen, weil dieser Weg ein höchst sensibler, wacher, aber zugleich auch verbindender Weg ist."

"Weg von der Oberfläche und von Plattitüden"

Beide, Anselm Grün wie auch Milad Karimi, wollen weg von der Oberfläche und von Plattitüden. Sie bohren tiefer. Sie tasten sich vor zu dem, worum es in Religion wohl gehen könnte oder sollte, würde Religion nicht reduziert auf politische Ideologie, wozu es in allen monotheistischen Religionsgemeinschaften zurzeit mehr oder weniger stark ausgeprägte Tendenzen gibt. Das lassen beide hinter sich. Ihr Ausgangspunkt ist die Spiritualität - nicht im Sinne billiger Esoterik, sondern im Sinn gelebter, gefühlter, durchdachter Religiosität. Und um es vorwegzunehmen: Das ist wohltuend, bereichernd und öffnet einen neuen Blick.

Dennoch trauen sich Milad Karimi und Anselm Grün auch ran an die Stolpersteine, wie sie das nennen: also für den Muslim etwa Kreuzestod oder Menschwerdung Gottes - und für den Christen Koranpassagen, die hasserfüllt wirken, oder der Anspruch, der Islam möge eine Gesellschaft durchdringen. Sie meiden die Knackpunkte nicht - und so tun sich Gemeinsamkeiten auf. Etwa wie sie von Gott reden. Karimi spricht von Sehnsucht, von Gott als Geheimnis, Anselm Grün spricht mit dem großen Theologen Karl Rahner von Gott als dem "absoluten Geheimnis". Hier ähneln sich die beiden bereits in der Wortwahl.

Milad Karimi: "Was ist eigentlich das Besondere an Spiritualität? Das Besondere ist, dass wir lernen, dass wir die Wahrheit nicht besitzen – weder wir Muslime noch wir Christen –, sondern wir sind auf dem Wege nach der Wahrheit. Wahrheit, Gott ist immer Sehnsucht. Und wenn ich so einen Blick habe für das Leben, dann ist die Begegnung mit einem Christen oder mit einem Juden nichts anderes als ein gemeinsamer Weg zur Wahrheit - im Bewusstsein, dass ich mich immer irren kann."

Der Islamwissenschaftler und Philosoph Milad Karimi (Peter Grewer)Der Religionsphilosoph Milad Karimi (Peter Grewer)

Der Münsteraner Muslim und der Münsterschwarzacher Mönch - sie treten auch gemeinsam auf, viermal bislang, hoffentlich noch öfter. Der eine, Anselm Grün, mit langem grauen Haar und langem grauen Bart trägt den Habit der Benediktiner, also jene Kutte, die ihn als Ordensmann erkennbar macht. Ein, sofern sich das von außen beurteilen lässt, in sich ruhender Mann, Jahrgang 1945. Der andere Milad Karimi, Jahrgang 1979, trägt einen cool-feinen Anzug, schwarz-weiße Lederschuhe, lässige Taschen, wildes lockiges Haar. Er ist im guten Sinne - er möge es mir verzeihen – ein Popstar islamischen Denkens. Ein Popstar mit Tiefe - jenseits von Talkshow und Co.

Der eine mit Kutte, der andere mit Anzug: Benediktinermönch Anselm Grün und Religionsphilosoph Milad Karimi im Gespräch (Daniel Biskup)Der eine mit Kutte, der andere mit Fliege: Benediktinermönch Anselm Grün und Religionsphilosoph Milad Karimi im Gespräch (Daniel Biskup)

Grün und Karimi - der eine sanft und charismatisch, der andere humorvoll und selbstironisch und ebenso charismatisch. Und dabei fällt auf: Beide stehen auf festem Boden, was sie offenbar frei macht, sich für den Anderen zu öffnen. Das könnte die beiden zum Vorbild machen: Sie sprechen miteinander ohne die schrillen Töne der Abwehr und des Angriffs, der Hysterie und der wechselseitigen Unterstellungen.

Milad Karimi: "Wir leben in einer Welt. Wir teilen die eine Welt und teilen das eine Leben – aber getrennt. Aber getrennt lebt es sich nicht schön, und ich finde, dass wir Begegnung suchen sollten in allen Belangen des Lebens. Gerade Religionen wie das Christentum und der Islam – und dazu gehört auch das Judentum – gehören zusammen."

Selbstverständlich kann dieses Projekt verpuffen - so wie viele gut gemeinte Dialog-Foren. Aber in diesem Fall erscheint etwas mehr Optimismus gerechtfertigt. Denn hier wird eben endlich über den Kern von Religion geschrieben und gesprochen - jenseits der Politikfloskeln.

"Jenseits der Politikfloskeln"

Das ist ein Aufschlag. Klar, der Ansatz der beiden Bestsellerautoren wird nicht alle gordischen Knoten durchschlagen und er wirkt auch nur bei jenem Publikum, das eine Antenne hat für einen Anselm Grün und / oder einen Milad Karimi. Aber es könnte sein, dass ihr Buch langfristig wirkt. Quasi subkutan. Oder um den Titel aufzugreifen, ließe sich etwas pathetisch formulieren: Wenn sich etwas bewegt, dann im Herzen der Spiritualität. Der schon erwähnte Karl Rahner hatte ja schon vor rund einem halben Jahrhundert formuliert: Der Christ wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein. Analog dazu lässt sich womöglich sagen: Der Muslim wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.

Nun beschäftige ich mich seit Kindesbeinen an mit dem Christentum. Und seit einem Vierteljahrhundert mit dem Islam. Noch nie habe ich so viel verstanden vom islamischen Glut-Kern oder von dem, was den Islam im Innersten zusammenhält. Und auch das Christliche erschließt sich neu, wenn dieser Benediktinermönch uns teilhaben lässt an seinem Leben mit dem, was er als "absolutes Geheimnis" bezeichnet.

Anselm Grün: "Theologie ist ja auch eine ins Wort gebrachte Erfahrung. Und für mich heißt Dogmatik nicht Rechthaberei, sondern die Kunst, das Geheimnis offen zu halten. Und wenn man das Geheimnis offen hält, dann kommt man sich auch näher. Spirituelle Menschen sind immer offen für das Geheimnis. Auch wenn wir über das Geheimnis vielleicht in einer anderen Sprache sprechen, dann aber doch in einer Sprache, die der andere auch versteht."

"Ein wichtiges Buch"

Sich verstehen - beide Autoren stehen für eine existentielle Herangehensweise. Beide scheuen nicht die Emotion. Auch nicht das Pathos. Nicht im Sinne von Heldenpathos, sondern im Sinne von Demut, Herzenswärme und Anteilnahme. So nähern sie sich schreibend an. Es entsteht ein Netz, das beide trägt. Oder dieses Netz ist längst da. Und schreibend wird ihnen bewusst, dass dieses Netz tragfähig ist. Tragfähiger, als der Leser vielleicht vermutet hat. Mönch und Muslim lassen ihn teilhaben, wie sie sich schreibend ihrer Nähe bewusst werden. Und weil sie auch das ansprechen, was sie schwierig finden an der anderen Religion, entsteht Glaubwürdigkeit. Und je weiter die Lektüre des Buchs voranschreitet, desto unwichtiger wird die Frage: Ist es gerade Milad Karimi, der diesen Abschnitt des Buches schreibt? Oder ist es Anselm Grün? So wird dieses Buch zu einer Einheit, aber nicht zu Einheitsbrei.

Mein Fazit: Dieses Buch ist ein wichtiges Buch! Lesen könnten oder sollten es all jene, die bereit sind, nicht gedachten Gedanken zu folgen und ausgelatschte Pfade der medialen Oberflächlichkeit zu verlassen. Die werden ein intellektuelles und emotionales Vergnügen erleben - egal ob Juden, Christen, Muslime oder Religionsfreie. Hauptsache: offen und nicht verbohrt. Ich zumindest werde dieses Buch wieder und wieder lesen. Und mir jeden einzelnen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Diese Sätze haben das Potential, Herzen und Hirne zu erreichen. In allen möglichen Lebenslagen. Dieses Buch kann helfen.

Anselm Grün & Milad Karimi : "Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können"
Herder Verlag, Freiburg. 288 Seiten, 20 Euro.

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