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StartseiteSpielweisenWie durch ein Prisma neu beleuchtet07.07.2021

Anspiel - Bearbeitungen von MusikwerkenWie durch ein Prisma neu beleuchtet

Was sagen die vielen aktuellen Werkbearbeitungen über unsere Zeit? Immer öfter gibt es Arrangements über Genregrenzen hinweg, und die Sozialen Medien begünstigen das Weiterverarbeiten. Ein Blick auf das große Ganze mit André de Ridder, der sich als Musiker viel mit Bearbeitungen auseinandersetzt.

André de Ridder im Gespräch mit Jonas Zerweck

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Ein Mann mit Bart, Brille und mittellangen Haaren lehnt an einer Wand und blickt in die Kamera. (Marco Borggreve)
Der Dirigent André de Ridder ist selber oft auch an Projekten beteiligt, die sich mit der Bearbeitung von Musik beschäftigen, wie etwa das Ensemble stargaze. (Marco Borggreve)
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Jonas Zerweck: Es sind mal lebensnahe Umstände, mal künstlerische Impulse, die zu Bearbeitungen führen. In allen Fällen kann man aber die Originale auf eine ganz neue Weise kennenlernen. Bearbeitungen zeigen uns Bekanntes in so neuer Gestalt, dass diese spannende Mischung aus Neuentdeckung und Wiedererkennen gleichzeitig entsteht. Über dieses weite Feld von Bearbeitungen spreche ich jetzt noch mit André de Ridder. Er ist Dirigent, arbeitet gerne genreübergreifend und sehr gerne auch mit zeitgenössischer Musik.

In der neuen zeitgenössischen Musik spielen Bearbeitungen ja auch eine große Rolle. Herr de Ridder, im Laufe des 20. Jahrhunderts kam man in der Musikentwicklung zu dem Punkt, dass irgendwie alles erlaubt war und irgendwie auch alles gemacht wurde. Erst hat man die traditionelle Harmonik über Bord geworfen, dann gab es neue Modelle wie die Zwölftonmusik und Serielle Musik. Auch davon hat man sich dann wieder gelöst. Dann durfte Musik reine Pause sein. Musik durfte aus Alltagsgeräuschen bestehen, vom Zufall auskomponiert werden oder vom Computer errechnet werden. Also gefühlt durfte Musik irgendwie alles und war dann irgendwie auch schon mal alles. So richtig radikale neue Ansätze sind heute selten zu finden. Gibt es heute vielleicht gar keinen anderen Weg mehr, als das Vorhandene neu zu verarbeiten, also Bearbeitungen anzufertigen?

André de Ridder: Ich glaube nicht, dass das der einzige Weg ist, aber es ist ein interessanter Weg sich mit historischer Musik auseinanderzusetzen. Ich finde es gerade heutzutage einen legitimen und interessanten Ansatz, um vielleicht auch Repertoir, das sich sonst nicht so einfach kommunizieren lässt, mit einem neuen Publikum auf neue Art und Weise zu verbinden. Die Frage ist gar nicht, ob das besser sein soll – ich glaube, dass ist niemals der Ansatz –  sondern einfach nur anders beleuchtet wie durch ein Prisma von lebenden Komponist*innen oder Bearbeiter*innen. Das finde ich legitim und es gibt dafür viele Beispiele. Das Gegenstück ist, dass Barockopern oder Repertoir authentisch aufgeführt werden, und nun gibt es eine Tendenz zu Barockopern im neuen Klanggewand, sie zu bearbeiten oder zu collagieren – und damit einem anderen Publikum oder in einen anderem Zusammenhang zu Gehör zu bringen. Damit kann man vielleicht auch bei einem jüngeren Publikum werben. Ich sehe es als etwas Positives, als Werbung für dieses Repertoir in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Klängen oder auch durch zeitgenössische Autor*innen oder Komponist*innen.

Monteverdi-Arien und Singer-Songwriter

Zerweck: In meiner Wahrnehmung wird es auch zunehmend mehr, dass Bearbeitungen über Musikgenregrenzen hinweg stattfinden. Wir haben in dieser Sendung das Album von Wooden Elephant besprochen. Nehmen Sie den Zuwachs in diese Richtung auch wahr und falls ja, wie erklären Sie sich das?

de Ridder: Ich nehme das zunehmend auf jeden Fall wahr. Ich glaube, es gibt eine große Offenheit von nicht-klassischen Musikern und Musikerinnen, die z.B. Singer-Songwriter sind und sich aus irgendeinem Grund plötzlich mit der Musik von Purcell oder Monteverdi auseinandersetzen. Oder dass Künstler*innen wie z.B. Ane Brun, die norwegische Singer-Songwriterin Monteverdi-Arien oder Songs bearbeitet hat. Letztendlich sind es ja auch bei Monteverdi größtenteils nur eine Melodie und ein Bass. Der wurde dann harmonisiert. Das ist dem ähnlich, wie Singer-Songwriter oder Bands heutzutage arbeiten. Dadurch haben sich da ganz interessante Synergien ergeben und es wundert mich eigentlich nicht, dass solche Künstler, die das so für sich wiederentdecken, dann auch gewissermaßen zu den Wurzeln des Songwritings zurückgehen.

Zerweck: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das ausgerechnet zurzeit passiert und nicht schon vor 10 bis 30 Jahren?

de Ridder: Wir haben es nur nicht mitbekommen. Ich glaube schon, dass das auch schon vor 10 bis 30 Jahren stattgefunden hat. Es gibt natürlich auch Beispiele von Sting und Marianne Faithful, die solche Sachen aufgenommen haben, Projekte mit Kurt Weill, aber auch wiederum mit Renaissancemusik und Purcell. Wir erfahren davon nur, wenn das berühmte Persönlichkeiten machen. Ich glaube, dass heute ein größeres Publikumsinteresse grenzenübergreifend ist und, dass sich auch im Pop-Publikum durchaus größere Offenheit einstellt. Zum Beispiel Liebhaber elektronischer Musik: Die können in diesen spektralen Ambienten auch etwas in Renaissancemusik finden, auch in Chormusik wie Gesualdo oder auch spektraler, zeitgenössischer klassischer Musik. Die sind einfach auch an sehr komplexe Sounds gewöhnt – gerade durch avancierte Pop- oder Elektronik-Musik. Bei denen sind die Ohren, ohne eine klassische Ausbildung zu haben, für komplexere Klangbilder affin geworden. So ist in diesem Bereich eine Entdeckensfreude und -bereitschaft entstanden.

Kreatives Arbeiten in den sozialen Medien

Zerweck: Ich nehme gerade in den sozialen Medien wahr, beispielsweise in TikTok-Videos oder auch auf Instagram, dass Musik in sehr kurzer Zeit viel reproduziert wird. Es wird viel wiederholt, auch aufeinander eingegangen, Videos werden kopiert und eine eigene Schicht darüber musiziert. Also dort herrscht eine grundsätzliche Stimmung des Reproduzierens und Weiterverbreitens. Ist diese sehr schnelle Technologie der Sozialen Medien und auch des Multimedialen, etwas, das eine "Bearbeitungs-Strömung" verstärkt?

de Ridder: Ich glaube schon. Natürlich erleichtern das diese technischen Möglichkeiten wahnsinnig. Es gab schon immer Komponisten, die mit sogenannten "gefundenen" Ressourcen gearbeitet haben, also found-sounds, auch gefundener Barockmusik und die wieder neu bearbeitet haben. Es ist ja kein alleiniges Phänomen der Neuzeit, aber man kann auf YouTube und sonst im Netz alles Mögliche und Unmögliche finden, auch Soundschnipsel, und das dann benutzen. Das ist dann eine Remix-Technik, die ja nun auch schon eine Weile alt ist. Aber sie wird für eigentlich fast jeden Menschen durch diese technischen Hilfsmittel, die schon durch ein Telefon zur Verfügung stehen, einfach gemacht. Eigentlich kann sich jeder als Künstler betätigen. Ich finde das ehrlich gesagt eine positive Sache, weil dieses Bearbeiten und Neuzusammensetzen, Neucollagieren von Schnipseln und Sounds ist nichts anderes als Komponieren. Eine kreative Tätigkeit. Ich würde das nicht nur verteufeln, sondern darin auch eine kreative Leistung sehen. Das ist auch eine Unterhaltung irgendwie, es ist eigentlich wie eine Alltagskunst, die in der breiten Masse möglich ist.

Zerweck: Wenn wir das mal als den einen Aspekt nehmen und dann als zweiten Aspekt auf das letzte Jahr schauen, wo wir durch die Pandemie einfach sehr auf uns gestellt waren. Wir hatten wenig Austausch, es gab viel weniger Treffen. Auch ein gemeinsames, künstlerisches Arbeiten war ja zu großen Teilen sehr eingeschränkt. Und dieses gemeinsame Erleben, das oft zu Neuem führen kann, das war sehr wenig...

de Ridder: Das kommt darauf an wo! Das ist wieder so ein Fall von "Klassik versus Pop". Die typische Produktionsweise von klassischer Musik findet ja im Kopf des oder der Komponistin alleine statt. Dann muss es an ein Orchester getragen werden oder an die Interpreten und Interpretinnen und dann kann es erst zur Aufführung kommen. Eigentlich dann gibt es erst das Stück. Das heißt, die Pandemie war in dem Sinne wirklich verheerend für die klassische Aufführungspraxis und Musik, während in so Genres wie Pop oder Elektronik man ja von zuhause arbeiten konnte, also wirklich vom home office. So arbeiten die sogenannten bedroom-producer schon immer. Die sitzen zu Hause und entwickeln ihre Klänge oder ihre Kompositionen, auch am Laptop. Es gibt diese Kollaboration. Man kann die Sachen verschicken und man kriegt etwas zurück. Das ist viel eher üblich in der Pop- oder Elektronik-Musik.

Pop und Elektronik sind nicht stillgestanden

Deswegen kann man auch jetzt sehen: Das Ergebnis dieser Zeit ist, dass unheimlich viele Künstler/Künstlerinnen aus Pop und Elektronik mit ganz viel Alben, Musik und Material auf den Markt kommen, denn die sind nicht stillgestanden. Sie haben weiter ihre Musik geschrieben. Die haben auch Musik veröffentlicht, meistens online. Das war eine ganz wichtige Überlebensstrategie für diese Künstler, die eben nicht live auftreten konnten und die Klassik-Szene hat versucht, sich diesen Online-Medien zu öffnen und etwa zu Hause aufzunehmen. Igor Levit ist das beste Beispiel für eine unglaublich wirksame und auch weitschlagend erfolgreiche Art damit umzugehen. Es ist aber nicht allen so gegönnt gewesen.

Zerweck: Mein Gedanke war eben, ob Be- und Weiterverarbeitung nicht ein Symptom dieser Zeit und des letzten Jahres sind, wenn auf der einen Seite der zumindest in der Klassikszene eingeschränkte Austausch und auf der anderen Seite eben auch die schnelle Reproduzierbarkeit und Verteilbarkeit über die Sozialen Medien stehen.

de Ridder: Im klassischen Bereich nur aus der Not geboren, weil man irgendwie reduzierte Fassungen von z.B. Opernpartituren brauchte, sodass die Orchester noch im Orchestergraben spielen durften. Manchmal hat das besser funktioniert, manchmal weniger. Aber wenn wir von solchen Bearbeitungen wie von Wooden Elephant von Radiohead sprechen: Das Projekt ist ja schon weit vor der Pandemie entstanden und hat andere künstlerische Gründe. In der klassischen Musik wird es außerdem doch meistens auch als Notlösung oder etwas Negatives gesehen, wenn man das Orchester reduzieren muss und die Werke nicht in der Originalfassung spielen kann. Ich finde, dass es viele Entscheidungen gibt, so etwas zu machen, die rein künstlerischer Natur sind.

"Die Individuen im Orchester wurden wieder mehr betont"

Zerweck: Wenn sie sagen, das war eine notgedrungene Entwicklung. Gehen Sie dann auch davon aus, dass der Betrieb die Rolle rückwärts macht, sobald Orchesterfassung wieder möglich sind?

de Ridder: Ich glaube insgesamt, also zu 95 Prozent, schon. In einigen Fällen hat man schon erlebt, dass auch leicht reduzierte Fassungen, wie etwa von Strauss-Opern, z.B. beim "Rosenkavalier" wie an der Münchner Staatsoper, funktionieren. Diese Fassungen gab es aber auch immer schon. Einfach um sie Orchestern zu ermöglichen, die nicht so einen großen Orchestergraben haben oder die nicht so viel Stellen haben. Das hat es immer schon gegeben. Aber ich glaube, man hat ein bisschen mehr darüber herausgefunden, dass es nicht immer der Bombast sein muss. Noch etwas anderes Positives war, dass viele Orchester zur Kammermusik zurückgefunden haben. Statt ihren Konzerten, gab es etwa One-to-One Konzerte, also die Individuen im Orchester wurden wieder mehr betont und kamen zu ihrem eigenen Recht. Diese Pause hat insofern auch gutgetan.

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