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StartseiteSpielweisenIn den Adelsstand07.04.2021

Anspiel - Neues Fagott-AlbumIn den Adelsstand

Die Fagottistin Sophie Dervaux zeigt mit ihrem Debüt-Album, wie zart und auch wild ihr Instrument klingen kann. Mit vielen Klangnuancen präsentiert sie das Fagott, das sonst meist im Hintergrund steht, in voller Pracht. Und hebt es damit in den Adelsstand.

Von Sabine Weber

Eine junge Frau mit dunklem Pullover und dunklen Haaren ist im Halporträt auf der linken Bildseite zu sehen, auf der rechten sieht man ein Fagott, dessen S-Bogen in Richtung der Frau zeigt.  (Ute Freund)
Die Fagottistin Sophie Dervaux hat für ihr Debüt-Album Stücke von französischen Komponisten ausgewählt. (Ute Freund)
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Musik: Camille Saint-Saëns - Sonate für Fagott und Klavier G-Dur, op. 168, I. Allegro moderato

Gleichgültig ob es glücklich oder traurig klingt. Das ist Sophie Dervaux‘ Favoriten-Stück! Die Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns erlaubt ihr nämlich, eine Fülle an Klangmöglichkeiten aufblühen zu lassen. Damit musste sie ihr Debüt-Album mit ausschließlich Werken französischer Komponisten eröffnen.

Camille Saint-Saëns hat die Sonate pour Basson avec accompagnement de piano 1921 in seinem Todesjahr vollendet. Sie ist also auch das Vermächtnis eines langen wechselvollen Komponistenlebens.

Ein radikaler Neuerer war Saint-Saëns freilich nicht. Nach Romain Rolland brachte er dafür "etwas von der Süße und Klarheit vergangener Epochen oder Überbleibsel entschwundener Welten zum Klingen!" Dazu zählen barockisierende Anspielungen wie im zweiten Satz. Im dritten, einem Adagio, steigt das Fagott in eine Tiefe, als solle im wahrsten Sinne des Wortes, etwas heraufbeschworen werden.

Musik: Camille Saint-Saëns - Sonate für Fagott und Klavier G-Dur, op. 168, I. Allegro moderato

Da knistert förmlich der Gestaltungswille

Nach einer virtuosen Floskel schwenkt der Ton unvermittelt in marschhafte Attitüde um, bis der nachdenkliche Tonfall des Satzanfangs wieder große Legato-Bögen entfaltet.

Musik: Camille Saint-Saëns - Sonate für Fagott und Klavier G-Dur, op. 168, III. Molto adagio

Sophie Dervaux folgt den Klangspuren rund. Auf den Punkt. Mit stets klarem Ton. Die Clarté ist in Frankreich ein erklärtes Klangideal. Nie aufdringlich unterstützt Sélim Mazari den Gestus, den Sophie Dervaux vorgibt. Er greift an oder übernimmt und führt weiter. Selbst im Pianissimo knistert förmlich bei beiden der Gestaltungswille.

Musik: Charles Koechlin - Sonate, op. 71, I. Andante Moderato 

Der zweite Sonatengipfel dieses Albums ist Charles Koechlins Fagott-Sonate, weniger romantisch als impressionistisch.

Koechlin galt in Frankreich als Außenseiter. Er ließ sich von Kiplings Dschungelbuch zu Kompositionen hinreißen oder den ersten Tonfilmen. Seine Fagott-Sonate erinnert mit Ganztonharmonik und Nonenakkorden aber ganz klar an Claude Debussy. Sie beginnt mit einem weit tönenden Schäferruf des Fagotts, der von Klavierarpeggien wie aus der Ferne untermalt wird. Im Allegro scherzando hüpft das Fagott von tupfenden Klaviertönen begleitet, wobei Koechlin die Metren abenteuerlich zusammensetzt. Phrasen werden verlängert und neu akzentuiert. Trotz 7/8tel- oder 9/8tel Takten bleibt der Rhythmus aber stets "bien précis". Sogar wenn im Nocturne das Fagott in lang gezogenen Tonketten über einer Girlande des Klaviers im 13/8tel Takt schwebt![JZ4] 

Musik: Charles Koechlin - Sonate, op. 71, I. Andante Moderato 

Hört, mit welchen Klangmöglichkeiten das Fagott überrascht!

Zwischen die Sonaten-Gipfel hat Sophie Dervaux Piècen eingefügt, für die wir Frankreich lieben. À Chloris von Reynaldo Hahn, ein Art französisches Ave Maria, hier gesungen vom Fagott.

Musik: Reynaldo Hahn - À Chloris

Claire de lune von Debussy, das die Pianisten vielleicht etwas irritiert, weil Klavier und Fagott über weite Strecken unisono die Melodie singen. Oder Faurés Après un rêve. So zart mit feinem Vibrato hier und da geblasen, dass sogar das Klappern auf den Grifflöchern auffällt. Sophie Dervaux hat sich diese Piècen zumeist selbst bearbeitet. Auch die berühmte Vokalise von Maurice Ravel en forme d‘Habanera. Wohl kaum ein Melodieinstrument hat sie nicht für sich bearbeitet in Anspruch genommen.

Noch einmal ein Höhepunkt ist Henry Dutilleuxs Sarabande et Cortège, wie die beiden Sonaten von Saint-Saëns und Koechlin eine Originalkomposition für Fagott und Klavier.

Musik: Henri Dutilleux - Cortège

Der Zug oder die Prozession le Cortège ist eine groß angelegte Steigerung, die sowohl an das Fagott wie Klavier Ansprüche stellt. Wobei bei den Franzosen – Ravels Bolero ist die große Ausnahme - keine Steigerung ohne wiederholte Unterbrechungen geht. Die absolute Steigerung kommt mit der letzten Pièce!

Eine Komposition von Roger Boutry von 1972. Interférence ist es überschrieben und fordert mit bruitistischen Abschnitten à la Bartòks Allegro Barbaro den bisherigen Schönklang des Fagotts noch einmal anders heraus. Das gehört zu Sophie Dervauxs Credo auf ihrer Debüt-CD unbedingt dazu: Hört, mit welchen Klangmöglichkeiten das Fagott Euch überrascht! Komponisten, schreibt nicht nur für Klarinette und Saxophon. Komponiert auch mal neue Kammermusik für das Fagott! Das kann nach dieser CD doch keine Frage mehr sein.

Und doch eine Frage erlauben wir uns noch: was wenn Sophie Dervaux auf einem französischen Basson geblasen hätte. Das im Klang leichtere französische Fagott mit dem typisch nasalen Timbre, das vom deutschen Fagott-Klang aus den französischen Orchestern verdrängt wurde? Sophie Dervaux spielt ein Instrument der deutschen Fagottbaufirma Püchner.

impressions
Sophie Dervaux, Fagott
Sélim Mazari, Klavier
Label: Berlin Classics
Veröffentlichung: 16. April 2021

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