Montag, 05. Dezember 2022

Kommentar zur Weltbevölkerung
Die Klimakrise ist für Afrika ein größeres Problem als der Kindersegen

Beeinflusst von kolonialem Gedankengut fühlten sich manche Europäer berufen, Menschen in Afrika vorzuschreiben, wie viele Kinder sie haben dürfen, kommentiert Stefan Ehlert. Wir sollten aufhören, Afrika als überbevölkertes Elendsquartier zu betrachten.

Ein Kommentar von Stefan Ehlert | 15.11.2022

Dürre in Kenia im Mai 2022: Junge Mädchen ziehen Wasserbehälter, nachdem sie von einem Brunnen im Dorf Lomoputh im Norden Kenias zu ihren Hütten zurückkehren
Dürre in Kenia im Mai 2022: Junge Mädchen ziehen Wasserbehälter, nachdem sie von einem Brunnen im Dorf Lomoputh im Norden Kenias zu ihren Hütten zurückkehren (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Brian Inganga)
In der Mehrzahl der afrikanischen Länder kann von Überbevölkerung keine Rede sein. Allein die Demokratische Republik Kongo ist so groß wie ganz Westeuropa, hat aber allenfalls halb so viele Einwohnerinnen und Einwohner. Platz gibt es also genug, auch um die Menschen mit Nahrung zu versorgen. Es kommt auf die Umstände an. Die Klimakrise ist für die Menschen in Afrika wohl ein größeres Problem als der Kindersegen.
Doch genau dieser Kinderreichtum ist immer wieder Anlass für rassistische Entgleisungen, auch in Deutschland. Man müsse Afrika mit Strom versorgen, damit die Leute dort nicht im Dunkeln so viele Kinder zeugten – so etwas entschlüpft selbst dem Mund eines deutschen Spitzenpolitikers. Beeinflusst von rassistischem und kolonialen Gedankengut fühlen sich noch heute manche Europäer berufen, Afrikanerinnen und Afrikanern vorzuschreiben, wie viele Kinder sie haben dürfen.

Afrika lässt sich nicht pauschal betrachten

Dass sich die Bevölkerung unseres Nachbarkontinents in absehbarer Zeit von 1,3 auf möglicherweise 2,5 Milliarden Menschen nahezu verdoppeln wird, ist aber ein demografischer Prozess, den andere Kontinente schon hinter sich gebracht haben. Die Bevölkerung ist mehrheitlich jung. Wer will den jungen Menschen versagen, selbst Familien zu gründen?
Auch lässt sich Afrika nicht pauschal betrachten. Ruanda, Malawi, die Megametropolen Kairo und Lagos – ja, dort gibt es Platzprobleme. Aber in einigen südlichen Ländern liegt die Bevölkerungszahl heute unterhalb der Prognosen der 1990er-Jahre. Die Gründe sind vielfältig: Horrende HIV/Aids-Raten, Bürgerkriege in Angola und Mosambik, Zyklone, Dürren, Überflutungen – aber auch die Zunahme von Wohlstand in Südafrika und Botswana.
Die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai sagte einmal: Wir Afrikaner könnten auch viel weniger Kinder haben, die reichen Länder würden immer noch finden, dass es zu viele von uns gibt. Das Entscheidende sei aber nicht die Zahl der Kinder, sondern dass Entwicklung stattfinde. Es müssen also Schulen gebaut und Lehrer eingestellt werden und Gesundheitsdienste so ausgestattet sein, dass sie den Namen verdienen. Und anders als etwa in Mosambik – muss Frauen der Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln überall möglich sein.
Letztlich ist Armut die Keimzelle von rasantem Bevölkerungswachstum. Statistisch gilt es als bewiesen, dass weniger Armut auch zu weniger Kindern je Familie führt. Wer sich also den Kopf zerbrechen möchte über das Bevölkerungswachstum in Afrika, sollte dort in die Wirtschaft investieren, in die Bildung, Nahrungssicherung und den Klimaschutz.
Wir sollten aufhören, Afrika als überbevölkertes, exotisches Elendsquartier zu betrachten und stattdessen das Potenzial unserer Nachbarinnen und Nachbarn erkennen, ökologisch, ökonomisch, menschlich. Auf Afrika sind wir angewiesen, wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen wollen. Hier entstehen die Märkte der Zukunft, hier lebt die produktive Jugend, und hier gibt es die Ressourcen - nicht nur Rohstoffe - sondern auch die Naturräume, auf deren Erhalt die ganze Welt hofft.