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StartseiteKalenderblatt"Die Kamera mag mich, aber nicht von allen Seiten"21.04.2015

Anthony Quinn"Die Kamera mag mich, aber nicht von allen Seiten"

Anthony Quinns Welterfolge als der Große Zampano in Federico Fellinis "La Strada" oder als der tanzende Hedonist "Alexis Zorbas" sind unvergessen. Der Schauspieler aus Hollywood war bereits 39 Jahre alt und seit zwanzig Jahren im Filmgeschäft, bis er dank dieser Rollen in Europa zum Charakterdarsteller wurde. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Marli Feldvoß

Die Verkörperung von Alexis Sorbas gehörte zu den bekanntesten Rollen des amerikanischen Schauspielers Anthony Quinn. (picture alliance / dpa)
Die Verkörperung von Alexis Sorbas gehörte zu den bekanntesten Rollen des amerikanischen Schauspielers Anthony Quinn. (picture alliance / dpa)
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Gesucht wurde: Zampano
(Deutschlandradio Kultur, Sonntagsrätsel, 11.08.2013)

Alexis Zorbas tanzt. Für Anthony Quinn ist es die Glanzrolle seiner Karriere. Ihr verdankt der überwiegend in ethnischen Rollen eingesetzte Filmstar eine neue Nationalität.

"Ich habe vielleicht 300 Filme gedreht. In den ersten zehn Jahren war ich in Hollywood bei praktisch allen Studios unter Vertrag. Ich war ein Nebendarsteller, ein supporting actor. Ich bekam zwei Oscars. Aber ich mag diesen Titel nicht: Supporting actor – einer, der den Star unterstützt. Es gibt wunderbare ethnische Schauspieler, die niemals Stars werden, weil sie Latinos sind. Ich kämpfte für meinen Platz. Ich verließ Amerika und drehte in Italien, Ungarn und Griechenland."

Erst in Europa konnte sich der gefragte Chargendarsteller aus zahllosen Western- und Abenteuerfilmen in einen Charakterdarsteller verwandeln, der alles kann. Der große Zampano aus Federico Fellinis „La Strada"oder der Sirtaki tanzende „Alexis Zorbas" sind heute Urgesteine des Kinos. Der Ruhm ist dem am 21. April 1915 in Chihuahua, Mexiko geborenen, in den Slums von Los Angeles aufgewachsenen Antonio Rodolfo Quinn Oaxaca nicht in den Schoß gefallen. 1947 ließ er Hollywood und die Studios hinter sich, um in New York ganz von vorn anzufangen. Dort wurde er zum method actor und lernte denneun Jahre jüngeren Marlon Brando kennen. Beide spielten - unter Elia Kazan - den brutalen Stanley Kowalski in Tennessee Williams' „Endstation Sehnsucht". Brando am Broadway, Quinn auf Tournee, zwei Jahre lang.

"Ich bin neidisch. Ich bin nicht mit Marlon Brandos Aussehen geboren, ich hatte nicht seine besonderen Talente. Ich kenne seine Schwächen. Aber warum über seine Schwächen reden, wenn seine Stärken als Schauspieler so viel größer sind. Ich habe versucht, meine eigenen Manierismen zu finden. Es hat mich viele, viele Jahre gekostet, meine eigene Persönlichkeit zu finden."

Vollblutschauspieler mit Charakter

Quinns Karriere begann mit einem Hausmeisterjob in einer Schauspielschule. Die erste richtige Filmrolle kam 1936 in Cecil B. DeMilles „Der Held der Prärie": Ein Vollblutindianer mit schwarzen Zöpfen, der fließend Cheyenne sprach. Er war und blieb ein ethnic actor, spielte Chinesen, Philippinen, Araber, Eskimos, Unterdrückte, Geschlagene, Gangster. Gegenpole zum „weißen Helden". Erst in den Fünfzigern konnte er sich seine Rollen aussuchen: den buckligen Quasimodo in „Der Glöckner von Notre Dame" oder den Boxer Mountain Rivera in „Faust im Gesicht", eine Glanzrolle.

"Die Kamera mag mich, aber nicht von allen Seiten. Ich bitte sie um Verständnis, dass ich nicht mehr 45, nicht einmal mehr 60 bin. Ich bitte sie, dass sie meine Fehler übersehen, dafür das Gute einfangen soll. Ich spreche mit der Kamera. Aber ich denke lieber nicht an sie."

Die Kamera konnte der Vollblutschauspieler erst in späteren Jahren vergessen. Als es ihm gelang, sich auch einen Namen als Maler und Bildhauer zu schaffen. Die Erfüllung eines Jugendtraums. Sein lange gehegter Wunsch, den Picasso zu spielen, hat sich nicht mehr erfüllt.

"Ich erinnere mich daran, was Fellini eines Tages zu mir sagte, als ich gerade bei einem Interview saß: Warum sagst Du die Wahrheit? Weißt Du nicht, dass sie nicht die Wahrheit drucken, sondern die Legende? Du solltest Geschichten erfinden, ihnen wunderbare Lügen erzählen. Das werden sie drucken. Das Ausgedachte. Wir leben doch in einer Scheinwelt."

Der Geschichtenerzähler Anthony Quinn schlägt bis heute in seinen Bann. Sein Geheimnis? Es steckt im Titel seiner Autobiografie "One Man Tango". So hat ihn sein Freund Orson Welles genannt. Anthony Quinn war zeitlebens der einsame Tänzer, der sich allein durchschlagen musste. Sein Aussehen kam ihm nicht zu Hilfe. Er spielte „mit dem Herzen".

Anthony Quinn starb am 3. Juni 2001 in Boston an einer Lungenentzündung. Er wurde 86 Jahre alt.

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