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StartseiteForschung aktuellNeandertaler konnten Wildpferde zu Tode hetzen 28.03.2019

AnthropologieNeandertaler konnten Wildpferde zu Tode hetzen

Unsere Vorfahren waren geschickte Jäger. Doch wie genau gingen Neandertaler und Homo Sapiens beispielsweise bei der Hetzjagd vor? Ein Anthropologenteam hat dies untersucht. Dazu überprüften sie unter anderem, wie gut beide beim Rennen mit Hitze zurechtkamen und welche Beutetiere sie tatsächlich einholen konnten.

Von Michael Stang

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So soll er laut Forschern ausgesehen haben: Die Nachbildung eines älteren Neandertalers. (dpa/Federico Gambarini)
Der Neandertaler konnte Wildpferde zu Tode hetzen: Zu diesem Ergebnis ist ein Anthropologenteam aus Tschechien und den USA gekommen. (dpa/Federico Gambarini)
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In der Levante, im östlichen Mittelmeerraum, haben sich Vertreter von Homo sapiens nach ihrem Auszug aus Afrika gleichermaßen wohlgefühlt wie Neandertaler. Das milde Klima dort kam damals auch vielen Tieren entgegen, die auf dem Speisezettel der Menschen gestanden haben dürften. Da es kaum archäologische Funde von Jagdwaffen- etwa Speere - im Gebiet des heutigen Israel gibt, könnte auch eine andere Form der Frischfleischbeschaffung beliebt gewesen sein, die keine Spuren hinterließ: die Hetzjagd. Martin Hora:

"Ist die Körpertemperatur zu hoch, kann man nicht mehr rennen und man muss anhalten. Das gilt für Jäger und für Gejagte. Ähnlich ist es bei Wassermangel. Denn, wenn man dehydriert ist, geht es nicht mehr weiter."

Martin Hora wollte untersuchen, ob Vertreter von Homo sapiens und Neandertaler gute Dauerläufer in der Hitze waren, zumindest bessere als ihre Beutetiere. Der tschechische Anthropologe, der zurzeit an der Duke University in Durham forscht, wusste aus früheren Studien, dass Menschen generell einen idealen Körper für die Hetzjagd haben: Sie können lange laufen und die dabei erzeugte Hitze gut wieder abgegeben, da sie über eine große Körperoberfläche verfügen und schwitzen können – wichtige Eigenschaften in der Levante, wo es im Sommer auch schon vor mehreren zehntausend Jahren 40 Grad Celsius heiß wurde. Martin Hora:

"Der Kern unseres Ansatzes war ein Temperatur-Ausgleichsmodell. Wir haben untersucht, wie lange ein Körper, der durch die Gegend rennt, noch Wärme an die Umwelt abgeben und gleichzeitig einen bestimmten Wasserverlust tolerieren kann."

Körperhöhenunterschied keine Auswirkung auf Ausdauer

Für seine Berechnungen legte der Forscher ein rund 100.000 Jahre altes Skelett eines anatomisch modernen Menschen zugrunde sowie ein rund 60.000 Jahre altes Neandertaler-Skelett. Die Statur der beiden jungen Männer war ähnlich, der Neandertaler war rund zehn Zentimeter kleiner als sein Gegenüber. Im Computer ließ Martin Hora auf den Skeletten beruhende Körpermodelle der beiden gegeneinander antreten. Auf dem Programm stand leichtes Joggen, also eine Geschwindigkeit von zwei bis drei Metern pro Sekunde, und schneller Dauerlauf von drei bis fünf Metern pro Sekunde - das alles bei unterschiedlichen Temperaturen und wechselnder Luftfeuchtigkeit. Die menschlichen Läufer kollabierten in der Simulation, wenn ihre Körpertemperatur 40 Grad Celsius betrug oder der Wasserverlust die Grenze von zehn Prozent des Körpergewichts überschritten hatte. Martin Hora:

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass der geringe Körperhöhenunterschied zwischen Neandertaler und Homo sapiens keine Auswirkungen auf die Ausdauer hat. Sie konnte beide sehr lange rennen und jagen. In dieser Hinsicht waren beide gleichauf. Das war sehr überraschend."

Menschen konnten große Beute machen

Doch welche Tiere hätten diese Läufer damals zu Tode hetzen können? Martin Hora entschied sich für Wildpferde, die damals in der Levante lebten, und simulierte die Tiere mit einem Körpergewicht von 110, 250, 500 beziehungsweise 800 Kilogramm. Im Modell mussten diese Pferde ebenfalls bei verschiedenen Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Geschwindigkeit bis zur Erschöpfung rennen. Anschließend verglich der Forscher die Daten von Jäger und mutmaßlichem Beutetier. Dabei wurde klar: Die Menschen konnten theoretisch Beute machen – sogar große.

"Das Ergebnis ist eindeutig: es ist viel einfacher, ein großes Pferd zu fangen als ein kleines. Die Jagdsaison für kleine Pferde betrug damals nur ein oder zwei Monate, wenn es richtig heiß war."

Denn große Pferde überhitzen viel schneller, weil sie mehr Wärme produzieren und im Verhältnis zu ihrer Masse eine geringere Körperoberfläche haben, über die sie die Hitze wieder loswerden können. Theoretisch hätten Neandertaler und anatomisch moderne Menschen in der Levante vor mehr als 60.000 Jahren sogar gemeinsam auf die Hetzjagd gehen können.

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