Freitag, 22.03.2019
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar

Anti-Missbrauchsgipfel im VatikanBoah, der nervt

Viele Bischöfe haben es gut verstanden, das Thema Sexueller Missbrauch weichzuspülen, kommentiert Christiane Florin. Die vom Papst einberufene Konferenz sei so angelegt, als klatsche ein gutmütiger Lateinlehrer in die Hände: Kinder, ihr habt eure Hausaufgaben nicht gemacht. Der nervt, mag da mancher Bischof raunen.

Von Christiane Florin

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Papst Franziskus beim Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan am 21.2.2019 (AFP / POOL / Vincenzo Pinto)
Papst Franziskus hat Kirchenleute dazu verdonnert, vier Tage lang in Rom das Thema Sexuelle Gewalt aufzuarbeiten, meint Christiane Florin (AFP / POOL / Vincenzo Pinto)
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Wer bei der katholischen Kirche beschäftigt ist, muss sich an die Grundordnung des kirchlichen Dienstes halten. Gemäß Artikel 9 haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Anspruch auf berufliche Fort- und Weiterbildung. Diese umfassen - Zitat- "die fachlichen Erfordernisse, aber genauso die ethischen und religiösen Aspekte des Dienstes".

Ob Papst Franziskus dieses deutsche Dokument kennt ist ungewiss. Jedenfalls hat er hochrangige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu verdonnert, sich vier Tage lang in Rom fortzubilden. Das Thema: Sexuelle Gewalt in der Kirche.

Franziskus' Logik: Abtreibung gleich Auftragsmord

In einem Flugzeuginterview sagte er vor kurzem: Einige Bischöfe hätten das Problem noch nicht gut verstanden. Bodenständige Beobachterinnen und Beobachter mögen sich erstaunt die Augen reiben und fragen, was es daran nicht zu verstehen gibt. Aber so ist das im katholischen System: Der Mann an der Spitze fühlt sich den Armen, Besitzlosen und Bedrängten verpflichtet, zeigt aber auch viel Verständnis für die Empathiearmen, Verständnislosen und in Bedrängnis Geratenen, besonders, wenn sie ein Amt innehaben.

Von heute bis Sonntag sollen die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, Ordensobere und - weibliche Wesen sind eine Extra-Erwähnung wert - Ordensoberinnen aus der ganzen Welt ihre Lektionen lernen. Die Konferenz ist so angelegt, als klatsche ein gutmütiger Lateinlehrer in die Hände: Kinder, ihr habt bisher eure Hausaufgaben nicht gemacht! Das holen wir nun gemeinsam nach.

Zum Fortbildungsprogramm gehören Videos, in denen Betroffene schildern, was ihnen angetan wurde. Eine Frau erzählte heute davon, wie ein Priester sie vergewaltigte und zu mehreren Abtreibungen nötigte. Wer wie Franziskus Abtreibung mit Auftragsmord gleichsetzt, müsste nun ins Heft schreiben: Die Auftragsmörder sind unter uns.

Boah, der nervt, mag mancher Bischof raunen

Viele Bischöfe haben es gut verstanden, das Thema weichzuspülen. Bedauerliche Einzelfälle, moralische Verfehlungen. Sind wir nicht alle kleine Sünderlein? So hießen die Ausreden, mit denen sich Würdenträger lange durchmogeln konnten wie Jungs, die man beim Spicken erwischt.

In Deutschland sind spätestens seit Bekanntwerden der Missbrauchsstudie vom vergangenen September solche verbalen Fluchtwege versperrt. Im Ton einer Strafarbeit sagen deutsche Bischöfe nun: Nein, wir reden nicht über Verfehlungen, sondern über Verbrechen. Nein, es sind keine Einzelfälle, sondern es gibt systemisches Versagen. Verantwortung bleibt diffus. Aber in anderen Ländern ist nicht einmal dieses Stadium erreicht, man muss dafür nicht auf Afrika zeigen, es reicht schon ein Blick nach Italien.

Franziskus will konkrete Ergebnisse sehen. Lernzielkontrolle am Sonntag also. Boah, der nervt, mag mancher Bischof dem Banknachbarn zuraunen. Wie war das in der katholischen Grundordnung mit den ethischen Aspekten des Dienstes? Gewissensbildung geht nicht in vier Tagen.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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