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StartseiteUmwelt und VerbraucherAntibiotika in der Tierhaltung12.01.2012

Antibiotika in der Tierhaltung

Internationale Organisation für Tiergesundheit fordert strenge Kontrollen

Bakterien im Hähnchenfleisch, die resistent sind gegen Antibiotika - der Skandal hat die Diskussion über die Massentierhaltung erneut entfacht. In Paris tagte jetzt die Weltbehörde für Tiergesundheit (OIE). Sie will die Ausbreitung der resistenten Bakterienstämmen durch härtere Gesetze und Kontrollen verhindern.

Von Suzanne Krause

Massentierhaltung ist ohne Antibiotika undenkbar. (AP)
Massentierhaltung ist ohne Antibiotika undenkbar. (AP)

Im herrschaftlich wirkenden Altbau im gutbürgerlichen Pariser Westen laufen die Fäden des internationalen Netzwerks der Weltbehörde für Tiergesundheit zusammen. Hier haben die Verantwortlichen in gewissem Sinne auch die menschliche Gesundheit im Blick. Seit zwei Jahren mahnt OIE-Generaldirektor Bernard Vallat bei jeder Gelegenheit: Sechzig Prozent der Keime, die der menschlichen Gesundheit schaden, sind tierischen Ursprungs. Gleichzeitig steigt die Zahl der Bakterienstämme, bei denen keine Antibiotika mehr wirken, rapide. Grund dafür ist die falsche Anwendung gängiger Antibiotika, bei Mensch und Tier. Bernard Vallat hält fest: in mindestens 100 Ländern weltweit werden keinerlei wirksamen Maßnahmen ergriffen, um gegen die Gefahr des Anstiegs resistenter Bakterienstämme vorzugehen:

"In mehr als 100 Ländern gibt es keine Gesetze zum Einsatz von Antibiotika, die als Basis für eine öffentliche Kontrolle dienen könnten. Da werden Antibiotika für Mensch und Tier völlig unbeschränkt vertrieben und auf dem Markt verkauft wie Bonbons oder Brot. Das aber ist gefährlich, denn die Käufer verfügen nicht über das angemessene Wissen, um mit den Produkten umzugehen. Außerdem handelt es sich bei den angebotenen Produkten häufig um Fälschungen, um verschnittene Ware, bei der die Wirkstoffdosis falsch angegeben wird. Solche Antibiotika bewirken die Selektion resistenter Bakterienstämme. Die sich dann wiederum weltweit ausbreiten. Denn heute reisen Waren und Menschen in nie gekanntem Ausmaß quer durch die ganze Welt."

Im vergangenen Jahr beschlossen die OIE und die Weltorganisationen für Gesundheit und für Ernährung, gemeinsam gegen biologische Bedrohungen vorzugehen. In enger Abstimmung mit ihren 178 Mitgliedsstaaten erstellte die Weltbehörde für Tiergesundheit ebenso eine Liste prioritär zu verordnender Antibiotika. Und konkrete Empfehlungen zur Anwendung. Zwar sagt auch Vallat: je intensiver die Tierzucht, desto höher der Antibiotika-Einsatz. Beispiel Niederlande: dort tauchten in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle Antibiotika-resistenter Bakterienstämme auf. Haben Nutztiere hingegen mehr Platz und werden länger gemästet, brauchen sie weniger chemische Keimtöter. Doch um die Menschheit mit tierischen Proteinen zu versorgen, komme man laut dem OIE-Generaldirektor nicht um intensive Zuchtmethoden herum. Er setzt auf zwei Leitworte: so wenig Antibiotika wie möglich. Sowie strenge Kontrollen: der pharmazeutischen Produkte im Umlauf, der Art und Weise ihres Einsatzes. Seit 2006 hat die Europäische Union verboten, dem Tierfutter Antibiotika als Wachstumsförderer beizumischen. Damit ist die EU bis heute pionierhaft. Doch das entlässt sie nicht aus ihrer internationalen Verantwortung, meint Vallat:

"Es nutzt nichts, wenn in der Europäischen Union die hier bestehenden Maßnahmen verschärft werden, wenn man nicht gleichzeitig den armen Ländern hilft, Praktiken umzusetzen, um gegen die Entstehung resistenter Bakterienstämme vorzugehen."#

Zu den jüngsten Ereignissen in Deutschland meint Vallat: es gäbe eine bemerkenswerte Kluft zwischen dem Risikomanagement in einigen reichen Ländern und dem Rest der Welt.

"Die Tatsache, dass man auf Hühnern Keime findet: Bedeutet das wirklich ein Risiko für den Menschen' Niemand isst rohes Hühnerfleisch. Wenn man das Huhn kocht, werden im Prinzip alle Keime abgetötet. Es bleibt jedem Land selbst überlassen, wie es das Vorsorgeprinzip interpretiert. Die Mission der Weltbehörde für Tiergesundheit hingegen besteht darin, die Probleme vorerst dort zu regeln, wo sie wirklich schwerwiegend sind."

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