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StartseiteInterview"Politiker und Polizei haben bisher weggeschaut"23.07.2014

Antisemitische Proteste"Politiker und Polizei haben bisher weggeschaut"

Im Hinblick auf die judenfeindlichen Äußerungen bei Demonstrationen in Deutschland müssten die Kanzlerin oder der Bundespräsident das Verhalten verurteilen und sich nicht bieten lassen, sagte Rafael Seligmann im Deutschlandfunk. Was hier unter dem Deckmantel des Islams laufe, sei Abschaum, ergänzte der Publizist.

Rafael Seligmann im Gespräch mit Gerd Breker

Porträt von Rafael Seligmann mit verschränkten Armen, im Hintergrund das Brandenburger Tor (dpa / Sebastian Kahnert)
Der Publizist Rafael Seligmann nennt Hass auf Minderheiten einen sozialen Krebs. (dpa / Sebastian Kahnert)
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Gerd Breker: Im Zusammenhang mit der israelischen Bodenoffensive in Gaza mit zahlreichen Opfern unter der Zivilbevölkerung hat es in Europa und auch in Deutschland Demonstrationen gegen das israelische Vorgehen gegeben. Dabei ist es auch zu antisemitischen Exzessen gekommen, was die Politik hier auf den Plan gerufen hat. Die Existenz des Staates Israel gehört zur bundesdeutschen Staatsräson, das Recht Israels, sich zu verteidigen, das betont die Bundeskanzlerin immer wieder. Die Proteste gegen Israel gehen weiter, auch heute Abend in Berlin.

Am Telefon sind wir nun verbunden mit Rafael Seligmann, Publizist und Schriftsteller in Berlin. Guten Tag, Herr Seligmann.

Rafael Seligmann: Guten Tag.

Breker: Kommt da etwas hoch, Herr Seligmann, was latent vorhanden war, oder ist das ein neuer Antisemitismus?

Seligmann: Der Antisemitismus ist immer alt. Das ist Feindschaft von Minderheiten. Ich würde es nicht einmal als Antisemitismus, sondern als Judenfeindschaft bezeichnen. Der ist uralt. Genauso wie es Menschen gibt, die Homosexuelle oder Sinti und Roma hassen, so gibt es Judenfeinde. Es gibt jetzt allerdings noch eine Gruppe, das sind verhetzte Jugendliche aus islamischen Ländern mit mohammedanischem Hintergrund, die glauben, dass Israel und damit auch die Juden in der ganzen Welt des Teufels sind. Das Bestürzende ist ja nicht, dass da eine Israel-Kritik stattfindet, oder eine Kritik an der israelischen Politik, die vollkommen legitim ist wie bei jedem anderen Staat, sondern dass alle Juden als Abschaum, als Schweine, als was auch immer bezeichnet werden, und dass man ganz offen ihren Tod und ihre Ermordung fordert.

Breker: Wie, Herr Seligmann, erklärt sich denn diese Vermischung, Kritik an Israel, die ja legitim ist, und diese Judenfeindlichkeit, wie Sie es gerade genannt haben, oder Judenhass, oder, wie man es früher nannte, dieser Antisemitismus?

Uraltes Muster

Seligmann: Ich bin kein Psychiater, aber ich würde sagen, sehr viele Menschen, die hassen, die es notwendig haben zu hassen, die wollen nicht groß differenzieren. Die wollen einen Feind haben, wie einst zu Zeiten von Hitler, die Juden sind an allem Schuld, die Juden sind unser Unglück, und jetzt sind wieder mal die Juden Schuld, und Israel ist ein Teil der jüdischen Weltverschwörung. Es ist, wie ich anfangs sagte: Es ist wirklich ein uraltes Muster, das mit immer neuem Lack gestrichen wird, aber dahinter bleibt einfach ein blinder Hass.

Breker: Sie haben die jugendlichen Migranten angesprochen, die unter den Demonstranten sind. Warum sind wir so überrascht? Haben wir die gesellschaftliche Veränderung bei uns durch die Migration nicht so recht wahrgenommen?

Seligmann: Doch, und ich habe es immer befürwortet. Ich bin stets für Einwanderung eingetreten, tue es weiter. Aber das bedeutet nicht, dass man das Hässlichste und das Abgründigste darin erlauben kann. Wenn heute ein Neonazi schreibt, vergast die Juden, oder bringt die Juden um, dann wird er zur Rechenschaft gezogen. Wenn einer heute sich politisch gibt als Migrant und das gleiche tut, oder nicht als Migrant, einerlei, wenn er das unter dem Mantel der Israel-Kritik tut, dann hat die Polizei und leider auch bis jetzt ein Großteil der Politik weggeschaut. Ich erwarte einfach, dass mal die Bundeskanzlerin, dass der Bundespräsident mal sagt, so was lassen wir uns in diesem demokratischen Land nicht bieten. Weil wenn man es heute bei Juden erlaubt, wird man es morgen bei sexuellen Minderheiten und übermorgen bei anderen Minderheiten erlauben. Dann machen wir unseren Rechtsstaat kaputt.

Breker: Herr Seligmann, es war bislang Konsens, dass jüdisches Leben in Deutschland möglich sein soll, dass das Judentum zu Deutschland gehört. Nun hat der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff gesagt, der Islam gehört zu Deutschland. Ist das der Islam, der zu Deutschland gehört?

Hass ist sozialer Krebs

Seligmann: Der Islam per se ist weder gut noch schlecht, wie jede andere Religion. Aber das, was hier unter dem Deckmantel des Islams läuft, ist wirklich Abschaum, ist Hass, ist Menschenfeindlichkeit. Das hat in meinen Augen nichts mit Islam zu tun. Wenn einzelne islamistische Prediger dabei sind, umso schlimmer. Da muss man differenzieren. Das ist ein Straftatbestand einmal. Aber was schlimmer ist, das ist eine Krankheit der Gesellschaft. Hass auf Minderheiten, Hass gegen Menschen, das ist ein sozialer Krebs.

Breker: Eine Krankheit der Gesellschaft, sagen Sie. Lernen wir daraus, dass die sogenannte Integrationspolitik hierzulande schlichtweg versagt?

Seligmann: Ich möchte da nicht pauschalieren. Aber in dem Fall, bei diesen Jugendlichen, die so was tun, hat offenbar auch die Gesellschaft versagt, auch die Eltern versagt, auch Politiker. Dieser Hass – ich habe mich in Berlin mit dem palästinensischen Fraktionsvorsitzenden der SPD unterhalten und der hat mir gesagt, ich sehe immer wieder bei Kindern aus den islamischen Ländern Judenfeindschaft. Man hat das schon lange gesehen und jeder, der sich damit auseinandergesetzt hat, hat das gesehen, und man hat einfach teilweise weggeguckt. Jetzt ist ein Alarmzeichen da und jetzt müssen wir mal hingucken!

Breker: Und Politik muss reagieren?

Seligmann: Die muss reagieren. Wenn wir das nicht tun, dann bricht der gesellschaftliche Frieden in diesem Land zusammen. Das geht ja nicht nur um die Juden. Wenn man eine Gruppe als Freiwild zur Verfügung stellt, wenn man eine Gruppe freistellt, dann wendet sich der Hass gleich gegen die nächste Gruppe. Wir dürfen das nicht tun. Wenn wir den Anspruch erheben, eine menschliche Gesellschaft zu sein, dann müssen Menschen in Freiheit und Würde leben. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das sagt das Grundgesetz. Und wenn wir das nicht mehr beachten, dann geben wir unsere Freiheit und unsere Demokratie auf.

Breker: Im Deutschlandfunk war das Rafael Seligmann. Er ist Publizist und Schriftsteller. Herr Seligmann, ich danke für dieses Gespräch.

Seligmann: Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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