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StartseiteKultur heuteEine Alltagskultur der Judenfeindschaft04.06.2014

Antisemitismus-ForschungEine Alltagskultur der Judenfeindschaft

Antisemitismus gab es nicht nur zur NS-Zeit in Deutschland. Verbreitet wurde die Propaganda etwa über Klebebildchen, die "so ein bisschen amtlich" erscheinen sollten, sagte die Kuratorin Isabel Enzenbach im Deutschlandfunk. Sie hat eine Ausstellung für das Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main zusammengestellt.

Isabel Enzenbach im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Berlinerinnen und Berliner gedenken am 09.11.2012 in der Sophienkirche in Berlin der Pogromnacht vom 09.11.1938.  (dpa / picture alliance /  Maurizio Gambarini)
Antisemitische Propaganda gab es nicht nur zur NS-Zeit. (dpa / picture alliance / Maurizio Gambarini)
Weiterführende Information

Ressentiments | Die vielen Gesichter des Antisemitismus (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 4.6.2014)

Juden in Österreich-Ungarn | Weltuntergang und Fronteinsatz (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 16.5.2014)

Stefan Koldehoff: Gerade in diesen Wochen haben sie wieder Hochkonjunktur - an den Kiosken und an den Supermarktkassen: Die kleinen bunten Klebebildchen, mit denen heutzutage vor allem den Fußballmillionären der Welt gehuldigt wird. Dem Medium Klebebild widmet zurzeit das Museum für Kommunikation in Frankfurt eine eigene Ausstellung - vor einem ganz anderen Hintergrund als dem aktuellen, aber ohne Freude und ohne Farben. Das Klebebild nämlich gibt es hier in Deutschland schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Und es hat schon früh auch dazu gedient, antisemitische Parolen und Stereotype zu verbreiten - auf Briefen, auf Laternenmasten, auf Telefonzellen und so weiter. In Frankfurt sind nun solche Klebemarken und Aufkleber zu sehen - aus der Sammlung des Antisemitica-Sammlers Wolfgang Haney, der als Sohn einer jüdischen Mutter im Nationalsozialismus selbst verfolgt wurde. Zusammengestellt hat die Ausstellung Isabel Enzenbach vom Berliner Zentrum für Antisemitismus-Forschung, und sie habe ich zunächst gefragt, was denn auf diesen antisemitischen Kleinstschriften zu lesen und zu sehen ist.

Isabel Enzenbach: Verschiedene Formen von Text. Häufig sind es Textmarken, die unterschiedlich gestaltet sind: für den Brief ornamentiert, oder wie ein Briefsiegel, dass es so ein bisschen amtlich daherkommt. Und da steht dann gerne drauf: "Kauft nicht beim Juden". Und wir haben natürlich solche Marken auch mit Aufklebern, da sind dann häufig verzerrte Bilder, Karikaturen, Hetzbilder von Juden zu sehen, oder positive Selbstdarstellungen von dem, was angeblich nicht jüdisch ist, also Frauengestalten, die dann meinetwegen für das Nordseebad Norderney werben, das judenfrei sein soll.

Koldehoff: Damit wäre dann zum Teil auch schon die Frage geklärt, wer denn solche Bilder produziert hat. Das war nicht staatlich gesteuert, da gab es verschiedene Quellen?

Enzenbach: Wir behandeln hier einen relativ großen Zeitraum von 1880 bis zur Gegenwart, und im Nationalsozialismus sind das natürlich auch staatliche Stellen oder staatsnahe. In allen anderen Zeiträumen sind das antisemitische Akteure, die in Vereinen und Verbänden organisiert sind, oder aber Einzelakteure.

Koldehoff: Wie verbreitet war denn so was? War man mehr oder weniger gesellschaftlich gezwungen, so was hinten auf den Brief oder auf die Telefonzelle oder auf den Laternenmast zu kleben, oder war das eine mehr oder weniger freiwillige Aktion?

Enzenbach: Das ist immer ein Ausdruck einer bestimmten politischen Haltung, zu der man nicht gezwungen ist, sondern das ist immer auch ein Zeichen für ein eigenes Engagement, eine bestimmte Aktivität in der Richtung. Verbreitet war es unterschiedlich, je nachdem. Zu Hochzeiten, also in Wahljahren, auch schon 1893, oder aber nach dem Ersten Weltkrieg, 1919 und 1920, war es millionenfach verbreitet. Und das sehen wir auch aus jüdischen Zeitschriften zum Beispiel, die das beklagen, die sich empören, dass ihnen Briefe mit solchen Hetzzetteln zugestellt werden. Oder dass auf Schaufenstern Marken kleben mit "Kauf nicht beim Juden", dass in Schultoiletten von Gymnasien mit jüdischen Schülern solche Aufkleber zu finden sind auch 1920, und aus diesen Quellen wissen wir, dass es verbreitet war, je nach gesellschaftlichen Umständen massenhaft oder auch als Marginalie.

Koldehoff: Welchen Widerstand hat es dagegen gegeben?

Enzenbach: Genau! Das ist uns wichtig, das auch in der Ausstellung zu erzählen. Solange es diese Aufkleber gibt, gibt es Widerstand dagegen - einerseits von einer Zivilgesellschaft, einer nichtjüdischen, und andererseits natürlich von Juden, die sich das nicht bieten lassen wollten. Wir gucken uns vor allem den Zentralverein der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens an, damals die größte und wichtigste politische Vereinigung deutscher Juden, die ganz massiv dagegen vorgehen auf verschiedene Art und Weise: einmal juristisch, dass sie versuchen, dagegen zu klagen, die Täter ausfindig zu machen, zum Beispiel im Briefverkehr die Adressaten der Briefe, auf denen Aufkleber waren, zu belangen. Dabei sind sie dahinter gekommen, dass zum Teil diese Aufkleber in den Poststellen geklebt wurden von den Postbeamten, und so haben sie zum Beispiel erreicht, dass 1920 der Postminister an alle Postdienststellen Schreiben richtet, in denen steht, dass es natürlich verboten ist, solche Briefe zu befördern mit so beleidigenden Inhalten. Das war also auch ein gewisser Erfolg. Trotzdem zeigen gelaufene Briefe, dass man auf einer juristischen Ebene dem nicht beikommen kann. Deshalb gab es auch publizistischen Widerstand: Man schreibt darüber und klagt das an. Und es gab auch ganz praktischen Widerstand, dass zum Beispiel dieser Zentralverein schon in den 1920er-Jahren selbst dann Klebzettel herstellt, die gegen-antisemitisch sind, zum Beispiel mit Parolen wie "War je ein großer Geist Antisemit?", oder "Antisemitismus kommt aus Eigennutz, Neid und Dummheit". Sie haben dann selbst angefangen, solche Agitationsmittel zu drucken und zu verbreiten.

Koldehoff: Wenn Sie jetzt in zwei knappen Sätzen zusammenfassen sollten, was Sie als Antisemitismus-Forscherin aus diesen Klebemarken entnehmen, welche Sätze wären das?

Enzenbach: Ich entnehme daraus, dass es schon während des Kaiserreiches bis in die Gegenwart eine Alltagskultur der Judenfeindschaft gab, und ich nehme daraus, dass es immer auch einen Widerstand dagegen gab, eine Gegenwehr auf verschiedenen Ebenen, sich das nicht bieten zu lassen und zum Beispiel mit eigenen Parolen, mit Ironie, aber auch mit einer Anrufung des Rechtsstaates dagegen vorzugehen.

Koldehoff: Isabel Enzenbach war das vom Berliner Zentrum für Antisemitismus-Forschung über die Ausstellung "Angezettelt" im Frankfurter Museum für Kommunikation.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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