Kommentare und Themen der Woche 27.01.2020

Antisemitismus heuteDie AfD legt Hand an den Grundsatz "Nie wieder!"Von Henry Bernhard

Beitrag hören Die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)Die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)

Antisemitisches Gedankengut verbreitet sich in Deutschland immer weiter, nicht nur durch offen antisemitische Aussagen, sondern auch durch Chiffren, wie sie etwa Björn Höcke verwendet, kommentiert Henry Bernhard. Die AfD müsse sich daher den Vorwurf gefallen lassen, Antisemitismus zu fördern.

Am 16. April 1945 mussten 1.000 Weimarer zwischen 18 und 45 Jahren auf Befehl des amerikanischen Generals George Patten noch am gleichen Tag das KZ Buchenwald besichtigen, um sich, so wörtlich, "von den Zuständen dort zu überzeugen". Historische Filmaufnahmen zeigen zunächst lachende Menschen, später vom Entsetzen verzerrte Gesichter angesichts der stinkenden Leichenberge. Wenige Tage später wurde in den Weimarer Kirchen eine Erklärung verlesen, die in den Worten endete: "So dürfen wir vor Gott bekennen, dass wir keinerlei Mitschuld an diesen Gräueln haben."

Rekonstruierter Lagerzaun mit Wachturm im Konzentrationslager Buchenwald. (picture alliance/dpa/imageBROKER) (picture alliance/dpa/imageBROKER)"Rechtes Denken wird wieder revitalisiert"
Parteien wie die AfD machten antidemokratisches Denken wieder gesellschaftsfähig, sagte Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, im Dlf. Dies werde als Heilmittel für die Zukunft angepriesen.

Die Erfahrung des Zivilisationsbruchs hat den Deutschen nicht spontan ihren Antisemitismus ausgetrieben. Nicht im Osten und nicht im Westen. Aber es wurde über die Jahrzehnte zunehmend klar, dass man seinen Ressentiments nicht mehr allzu öffentlich Ausdruck verleihen sollte. Antisemitismus wurde in Deutschland geächtet, juristisch wie gesellschaftlich. Doch er verschwand nie, lebte an Stammtischen, in rechten Parteien, bei Altherrentreffen und bei jungen Neonazis. Umfrageergebnisse bestätigen das. Jeder fünfte Deutsche unterstellt Juden einen zu großen Einfluss in der Welt. Bei AfD-Anhängern sieht das über die Hälfte so.

Die AfD duldet Antisemitismus in ihren Reihen

Nun ist die AfD nach ihrem Programm keine antisemitische Partei. Aber sie gibt Antisemiten eine Heimat. Offenen Antisemiten wie Wolfgang Gedeon und auch solchen, die rhetorisch geschickter sind. Björn Höcke zum Beispiel, der Rechtsaußen der Partei und Kopf des "Flügels", forderte eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad", sagt aber nicht, wie das aussehen soll. Er warnt vor einer "kleinen Geldmachtelite", vor "Dunkelmännern im Hintergrund", vor der "krankhaften Machtstruktur" des "internationalen Geldmachtkomplexes". Den Juden George Soros bezeichnet er als "weltweit fanatischsten Kämpfer gegen Souveränität und Demokratie" mit "völkerauflösendem, perversen Geist". Nein, er warnt nicht vor dem "Weltjudentum". Aber wer verstehen will, der versteht. Auf dem "Kyffhäusertreffen" des "Flügels" verlieh Höcke einem Parteifreund für treue Dienste eine Bismarck-Medaille, nicht ohne zu erwähnen, dass die Firma DEGUSSA diese Medaille geprägt habe. Die DEGUSSA, die ihr Geld unter anderem mit der Produktion von Zyklon B und mit dem Zahngold der vergasten Juden verdient hat. Das sagt Höcke nicht. Aber wer verstehen will, der versteht. Der damalige AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland verortete Höcke auch nach solchen Äußerungen "in der Mitte der Partei".

Worten folgen Taten

Aus einem "Das wird man ja wohl mal noch sagen dürfen" wird so ein "Das kann man ja offensichtlich noch sagen". Und aus Worten können auch Taten werden. Wie in Halle. Insofern ist es richtig, der AfD zu unterstellen, dass sie Hand an das Grundgesetz, an den jahrzehntelangen Konsens des "Nie wieder!" legt. Und wenn es nur der Wählerstimmen wegen ist. Für diese Erkenntnis braucht es nicht mal einen Verfassungsschutz. Doch keine Beobachtung, kein warnender Bericht kann das leisten, was es im Kern braucht: Eine offene Debatte über Antisemitismus, über Fremdenfeindlichkeit, über Ausgrenzung. Politische Bildung. Es braucht klare Bekenntnisse zu den Werten des Grundgesetzes und zu den Verpflichtungen aus unserer Vergangenheit. Dass die AfD heute beim Gedenken in der Gedenkstätte Buchenwald unerwünscht ist, ist zum Beispiel so ein Bekenntnis. Es gibt – 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und Buchenwald – noch viel mehr zu tun. Leider.

Henry Bernhard –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Henry Bernhard – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Henry Bernhard wurde 1969 geboren und wuchs in Weimar auf. Er studierte Politik, Publizistik, VWL und Völkerrecht in Göttingen. Seit 1990 arbeitete er fürs Radio, davon 20 Jahre ausschließlich an langen Radiofeatures. Sein Schwerpunkt lag dabei auf historischen Themen – Geschichten aus dem geteilten Deutschland und aus dem "Dritten Reich", von gescheiterten Kommunisten und zurückgekehrten Juden, von Überlebenden und Verlierern der Geschichte. Nach einem Ausflug zum Fernsehen ist er seit 2013 Landeskorrespondent von Deutschlandradio in Thüringen. 

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