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StartseiteInterviewHistoriker: "Es machen sich viele so einfach"30.07.2020

AntisemitismusHistoriker: "Es machen sich viele so einfach"

Es sei falsch, die Diskussion über Antisemitismus und Judenfeindschaft auf politische Momente einzugrenzen, sagt der Historiker Wolfgang Benz im Dlf. Er sei darüber betrübt, dass nicht in "vernünftiger Weise" darüber geredet werde. Es bestehe die Gefahr, den wirklichen Antisemitismus dabei aus den Augen zu verlieren.

Wolfgang Benz im Gespräch mit Christine Heuer

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Porträt des Historikers Wolfgang Benz, aufgenommen 2017 (imago images / Gerhard Leber)
Er sei gewöhnt, dass im Falle Antisemitismus unendlich viele ahnungslose Experten das Sagen haben und dass Wissenschaft sehr schnell den Kürzeren ziehe, so Wolfgang Benz (imago images / Gerhard Leber)
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Wo genau beginnt Antisemitismus? Und ist Kritik an israelischer Politik verdächtig nah dran am Antisemitismus? Ist ein Feind der Juden, wer nicht strikt gegen die Bewegung zum Boykott israelischer Institutionen, Personen und Waren (BDS) ist? Die Debatte über solche Fragen ist im vollen Gange und sie wird zum Teil sehr hart geführt.

Er sei es gewöhnt, dass beim Thema Antisemitismus "unendlich viele ahnungslose Experten das Sagen haben", sagte Wolfgang Benz, Historiker und ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung, im Dlf. Es sei falsch, die Diskussion über Antisemitismus und Judenfeindschaft auf politische Momente einzugrenzen. Deshalb sei es auch falsch, wenn der Bundestag die Boykott-Bewegung BDS als schlimmsten Auswuchs des Antisemitismus definiere, so Benz. Er persönlich finde die Boykott-Aufrufe "unfair, blödsinnig, dumm und falsch." Dennoch sei die BDS-Bewegung "an sich nicht judenfeindlich": "Sie empfiehlt ein politisches Mittel, um eine politische Absicht durchzusetzen. Es geht gegen die Politik des Staates Israel. Es geht nicht um Juden."

Gemeinsam mit anderen Intellektuellen hat er einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. Sie warnen darin vor den jüngsten Annexionsplänen Israels. Sie klagen, der Begriff Antisemitismus werde inflationär und oft unberechtigt gebraucht. Und sie kritisieren namentlich den Antisemitismus-Beauftragten des Bundes.

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Das Interview in voller Länge:

Christine Heuer: Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung ein Unterstützer rechtspopulistischer Israelis – das ist ziemlich starker Tobak, oder?

Wolfgang Benz: Das ist ziemlich irritierend. Ich würde aber trotzdem den Antisemitismus-Beauftragten nicht auf diese Rolle im Spektrum seines Tuns reduzieren.

Heuer: Aber so steht es im Brief, den Sie unterschrieben haben.

Benz: So steht es in dem Brief als ein Beispiel für die gegenwärtige Situation in Deutschland, wo man mit dem Allerweltsvorwurf "Du Antisemit" einen jeden mundtot machen kann, den man tot machen will. Und wenn der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung den Eindruck erweckt, er würde einseitig bestimmte Interessen bedienen, wie sie etwa in einem Buch dargestellt werden, für das er geworben hat, das Unterstützung gefunden hat bei einer Lesereise des Autors, dann ist das schon ein deutliches Zeichen. Denn dabei wird ein Mann, ein Historiker, Reiner Bernstein, beschädigt, der seit Jahr und Tag mit bester Absicht und bestem Gewissen für einen Ausgleich im Nahost-Konflikt kämpft, für einen Ausgleich, der aber nicht mit der gegenwärtigen Regierung harmoniert.

Benz: Bundestag liegt mit BDS-Resolution falsch

Heuer: Herr Benz, jetzt können wir diesen Streit unter Fachleuten hier auf dem Sender auf keinen Fall entscheiden. Es hat auch nicht jeder das Buch gelesen. Aber der Antisemitismus-Beauftragte macht unterm Strich, was der Bundestag einstimmig beschlossen hat: Er grenzt den BDS aus, jedenfalls nach seinen Einschätzungen und Möglichkeiten. Was ist daran falsch?

Benz: Falsch ist, wenn man die Diskussion über Antisemitismus und die Definition, was ist Judenfeindschaft, eingrenzt auf politische Momente, und da liegt auch der Deutsche Bundestag – es tut mir leid, das sagen zu müssen – falsch, wenn er das als den schlimmsten Auswuchs des Antisemitismus definiert, nämlich diese Boykott-Bewegung BDS.

Heuer: Da sprechen Sie die BDS-Resolution an. Der Bundestag hat sich einstimmig entschlossen und abgestimmt, dass der BDS auf keinen Fall gefördert werden darf. Aber BDS-Aufrufe klingen ja leicht mal wie "kauft nicht bei Israelis". Muss sich da nicht gerade Deutschland mit aller Macht dagegen einsetzen?

Benz: Na ja. Wenn man die Sache genau betrachtet und Experten befragt, dann klingt das nicht so. Dann wird das konstruiert. Die BDS-Bewegung ist an sich nicht judenfeindlich. Sie empfiehlt ein politisches Mittel, um eine politische Absicht durchzusetzen. Es geht gegen die Politik des Staates Israel. Es geht nicht um Juden.

"Viele machen es sich zu einfach"

Heuer: Immer wieder entzündet sich der Streit ja an der Frage, ob Israelkritik antisemitisch ist. Wo endet denn die Kritik, Herr Benz, und wo beginnt der Antisemitismus?

Benz: Die Kritik, die legitime Israelkritik endet natürlich genau an dem Punkt, wo sie unfair wird. Wenn man israelische Politik anders kritisiert, nämlich mit dem Unterton, das sind eben Juden und die sind so schlecht, dann unterscheidet sich das von Kritik an Amerika oder Österreich. Dann wird es antisemitisch. Aber die Kritik an Regierungshandlungen, die Kritik an der Annexion, die Israel jetzt vorhat, die vom deutschen Außenminister vorgetragen wird, die ist ja doch nicht antisemitisch. Aber es machen sich viel zu viele es so einfach und sagen, jeder, der irgendetwas sagt gegen die Politik Netanjahus, ist ein Judenfeind.

Heuer: Aber Boykott-Aufrufe finden Sie nicht unfair?

Benz: Ich persönlich finde Boykott-Aufrufe unfair, blödsinnig, dumm und falsch. Das ist meine Meinung, die habe ich immer vertreten.

"Den wirklichen Antisemitismus nicht aus den Augen verlieren"

Heuer: Dann sind Sie ein BDS-Kritiker, genau wie Felix Klein.

Benz: Das ändert nichts daran: Es geht hier nur darum, ob dieser Aufruf antisemitisch ist, oder ob er politisch wirkungslos ist. BDS ist vorschnell. Wenn die Losung ausgegeben wird, das ist Antisemitismus, dann eilen Menschen in Scharen dahin und rufen, haltet den Dieb. Genau das ist, wogegen dieser Brief der israelischen und deutschen Intellektuellen an die Bundeskanzlerin sich richtet, dass man den wirklichen Antisemitismus dabei aus den Augen verliert, wenn man an der falschen Stelle "haltet den Dieb" schreit.

Heuer: Nimmt die Regierung Netanjahu mehr und direkter Einfluss, als es früher üblich war?

Benz: Dafür spricht sehr viel. Dafür spricht etwa, wenn Sitzungssäle, wenn Vortragsräume verweigert werden auf einen Wink jüdischer Seite hin, die die Politik Netanjahus verteidigen, und es gibt das. Es gibt auch Anzeichen dafür. Der Fall Reiner Bernstein ist ein solcher Anlass - deshalb haben wir ihn ja hervorgehoben -, dass ein israelischer Regierungsbeamter, der im Büro Netanjahus für Geheimdienste zuständig ist, einen Historiker, der kein Antisemit ist, in einem Buch diffamiert und denunziert und ihn zum Judenfeind stempelt.

Heuer: Wenn stimmt, was Sie sagen, Herr Benz, dass die israelische Regierung ihre Kritiker mit dem Antisemitismus-Vorwurf mundtot zu machen versucht und direkten Einfluss nimmt in Deutschland, wenn das so ist, wie sollten wir dann darauf reagieren?

Benz: Man sollte immer gelassen reagieren. Man muss nicht durchs Dorf laufen und einen Schuldigen suchen, den man hängen kann, sondern man muss die Sache erst einmal benennen, und das ist, glaube ich, im Augenblick in Deutschland schon ziemlich schwer. Ich werde inzwischen auch als Antisemit mit Shitstorm überzogen, weil ich Wert darauf lege, wissenschaftlich belegbar Sachverhalte darzustellen.

Heuer: Schmerzt Sie das?

Benz: Bitte?

Heuer: Schmerzt Sie das?

Benz: Ich bin es ja gewöhnt. Ich bin es ja gewöhnt, dass im Falle Antisemitismus unendlich viele ahnungslose Experten das Sagen haben und dass Wissenschaft gegenüber dem Schrei "haltet den Dieb" sehr schnell den Kürzeren zieht. Ich bin das gewöhnt. Ich bin natürlich betrübt, dass wichtige und ernsthafte Dinge wie der Antisemitismus in Deutschland mit Hilfe von Kampagnen und Mundtot machen und Shitstorm bekämpft wird und dass nicht in vernünftiger Weise darüber geredet wird, das dargestellt wird, das ist so und das ist anders.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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