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StartseiteTag für TagWenn die Mischpoke schachert01.12.2020

Antisemitismus in der SpracheWenn die Mischpoke schachert

Mischpoke, mauscheln, schachern - jiddische Wörter wie diese sind Teil der deutschen Alltagssprache geworden. Doch ihre Bedeutung ist oft negativ besetzt. Der Journalist Ronen Steinke erklärt, wie vormals neutrale Bezeichnungen judenfeindlich aufgeladen wurden und wirbt für sprachliche Sensibilität.

Von Mechthild Klein

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Eine Mann verteilt Einkaufsbeutel mit Davidstern und der Aufschrift: Judebeutel-Gegen Antisemitismus beim Kippa-Tag in Freiburg und der Demonstration gegen Antisemitismus, antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzung. (imago images/Winfried Rothermel)
Das Judentum ist ein lebendiger Teil der deutschen Kultur (imago images/Winfried Rothermel)
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Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker twittert. Vor einigen Monaten bezeichnete sie eine Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen als – Zitat - "verschwörungstheoretische und rechtsextreme Mischpoke". Die Frage ist, wer sich danach angegriffen fühlen konnte – allein die Verschwörungsgläubigen oder Jüdinnen und Juden? Das Wort Mischpoke bedeutete im Jiddischen, das vor 100 Jahren noch 10 Millionen Menschen weltweit gesprochen hatten, einfach Familie - "mischpoche". Ganz wertneutral. Weder positiv, noch negativ. Eingedeutscht bekommt es einen düsteren Beiklang, eine Anrüchigkeit, wie eine verschworene Gemeinschaft. Der Journalist Ronen Steinke hat über offen und verdeckt judenfeindliche Wörter und Redewendungen ein Buch geschrieben. Mischpoke kommt darin auch vor:

"Es ist also ein Bedeutungswandel. Wenn man heute von Mischpoke spricht im Deutschen, hat es immer etwas Sinistres, Dubioses, entweder ein korrupter Zusammenhang oder irgendwie eine dunkle Seilschaft. Und dieser Bedeutungswandel ist nur dadurch zu erklären, dass ein gewisses Bild von Jüdinnen und Juden abgefärbt hat auf dieses Wort. Dieser Bedeutungswandel ist etwas, was antisemitisch ist. Deswegen von dem Wort Mischpoke in der Verwendung als irgendwie Negativ-Wort sollte man Abstand nehmen, um nicht dieses antisemitische Bild, dieses Stereotyp zu nähren und zu affirmieren."

7-armiger Leuchter, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (imago / biky) (imago / biky)

"Geschacher" und "Mauschelei"

Ein anderes Beispiel ist das Wort Schachern. Im Buch schreibt Ronen Steinke:

"Geschacher um Ministerposten, so liest man manchmal. Gemeint ist übles, feilschendes Geschäftemachen. Es kommt vom Jiddischen sachern. Sachern bedeutet im Jiddischen ganz einfach Handel treiben, ohne jeden abwertenden Unterton. Abwertend wird es erst im deutschen Gebrauch als Lehnwort. Nicht der lexikalische Inhalt, sondern allein die jiddische Herkunft sorgt für eine negative Deutung dieses ansonsten wertneutralen Wortes. Die deutsche Sprache macht daraus 'handeln wie ein Jude'."

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Und das Ressentiment gegenüber jüdischen Händlern beinhaltete so etwas wie "unlauterer, profitsüchtiger Handel". Je mehr man von diesem Bedeutungswandel erfährt, umso gruseliger wird einem bei der Lektüre. Viele Prägungen stammen noch aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert, wo das Wort Antijudaismus noch nicht erfunden war, aber in der Sprache durchaus anwesend ist. Bei dem Wort Mauscheln beispielsweise erschließt sich der Zusammenhang nicht sofort.

"Das Wort Mauscheln kommt ja heute häufig vor in den Medien: Mauschelei bei der Banken-Fusion oder Mauschelei im Gemeinderat fehlt in keiner Lokalzeitung als Schlagzeile. Das kommt historisch daher, dass der jüdische Vorname Moses oder Mosche - oder Mauschel im deutschen Sprachraum -, der hergenommen wurde als pars pro toto, Name für alle Juden, so ähnlich wie Ali auch in rassistischer Absicht für Türken verwendet wird."

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Der Mauschel, das war also der Jude. Und das Verb mauscheln sollte ausdrücken, dass jemand wie ein Jude redet. Und zwar negativ. Nichts anderes bedeutet dieses Wort bis heute. Abgeleitet von einem Spottnamen für Juden.

"Man mag es vielleicht mit der Intention verwenden, die vollkommen unschuldig ist, dass man ausdrücken möchte, hier werden irgendwie korrupte Dinge besprochen, hinter vorgehaltener Hand im Gemeinderat oder wie auch immer. Aber man greift damit ein altes antisemitisches Klischee auf und verbreitet es weiter."

"Diese Sprechweise ist toxisch"

Ronen Steinke geht es nicht darum, Wörter zu verbieten. Es geht ihm um Aufklärung. Natürlich kann es nicht jeder wissen, wovon sich die verschiedenen jüdischen Begriffe ableiten. Manche seien ja auch ganz charmant: "Meschugge" zum Beispiel für "nicht ganz bei Verstand sein" oder "verrückt werden". Oder "Masel tov" für "Glückwunsch". Aber würde man heute noch von einem "Halbjuden" sprechen, einem Begriff aus der Rassenlehre der Nationalsozialisten. Oder von einem "Judenfriedhof"? Klarer wird das Vorgehen, wenn man es auf andere Religionen anwendet.

"Würde man denn von einem Katholikenfriedhof sprechen? Würde jemand von einem Katholenfriedhof sprechen? Das würde dann doch sofort aufstoßen als eine seltsame, ein bisschen respektlose Formulierung. Der Judenfriedhof ist genau dasselbe. Kein jüdischer Mensch würde selber so von dem Friedhof für seine Großeltern sprechen. Menschen, die von Juden nichts halten, sprechen so. Diese Sprechweise, die in der NS-Zeit ganz populär gemacht worden ist, Judenfriedhof, Judenschule, Judenmusik, Judenliteratur, diese Sprechweise, das ist natürlich toxisch."

Mosaisch? Gut gemeint, aber nicht gut

Die Ausgrenzung von Juden in der deutschen Geschichte ist bekannt. Juden wurden in früheren Jahrhunderten herkömmliche Berufe verboten, sie waren auf den Handel, auch mit Geld, festgelegt. Wenn es Missernten gab, wurden sie als angeblich Schuldige ausgemacht. Ein klares Feindbild. Aber es gab auch gut gemeinte Versuche, die Ausgrenzung von Juden aufzubrechen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Es wurden Synonyme gesucht für das arg belastete Adjektiv "jüdisch". "Mosaisch" ist so ein Versuch. Leider geht dieser Begriff für die jüdische Religion völlig am Selbstverständnis der Juden vorbei.

"'Mosaisch' zum Beispiel ist im 19. Jahrhundert geprägt worden, bewusst als neues, unbelastetes, irgendwie leichtherzigeres Wort anstelle von 'jüdisch'. 'Jüdisch' war damals schon sehr belastet, zu toxisch, einfach als Schimpfwort zu oft verwendet worden. Die Intention bei 'mosaisch' ist eigentlich eine gute gewesen. Man wollte sozusagen betonen, dass das Judentum ähnlich wie das Christentum auf einer Stufe steht. Und man hat, so wie das Christentum seinen Namen von seinem Religionsstifter Christus her bezieht, hat man gesagt: Na, dann nimmt man halt den Religionsstifter des Judentums, also Moses, den aus jüdischer Sicht letzten Propheten und bezeichnet dann die Religion in Anlehnung daran."

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Das Problem daran ist, dass es natürlich eine christliche Sichtweise ist. Juden begreifen sich nicht als diejenigen, die Moses als Gottes Sohn oder Religionsstifter verehren, sondern sie sehen etwas anderes im Zentrum ihres Glaubens.

"Und ähnlich wie Muslime auch mit Mohammedaner nicht respektvoll bezeichnet sind. Das ist der Versuch, aus dezidiert christlicher Sicht andere Religionen in ein Schema zu pressen. Und das beinhaltet ja auch ein bisschen die Annahme, es gäbe nichts Schöneres und keine größere Ehre für eine andere Religion, als wenn man sie dem christlichen sozusagen Normalmaß angleichen würde. So ist es nicht. Aus jüdischer oder aus muslimischer Sicht: Nö."

Das Judentum ist Teil unserer Kultur

Wenn sich Ronen Steinke etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass Jüdinnen und Juden nicht nur als Opfer und Betroffene mörderischer Gewalt wahrgenommen werden. Das Judentum kann in Deutschland immerhin auf 1700 Jahre Präsenz zurückblicken.

"Noch viel zu selten bequemt sich die Mehrheitsgesellschaft, auch mal die Augen zu öffnen für die vielen, vielen Beiträge jüdischer Menschen zur deutschen Kultur. Es gibt länger deutsches jüdisches Leben als es christliches Leben gibt in Deutschland. Und dementsprechend lang und vielfältig sind die Beiträge zu allem, was wir als deutsche Kultur betrachten. Das immer zu reduzieren auf Holocaust und auf Schtetl und auf Ghettos, das wird überhaupt nicht dem Judentum gerecht. Es ist auch Teil des Problems, dass Juden heute diskriminiert werden."

Ronen Steinke: "Antisemitismus in der Sprache"
Duden Verlag, 2020, 64 Seiten, 8,30 Euro

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