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StartseiteInterview"Verlorengegangen ist der Respekt vor dem anderen"10.08.2019

Antisemitismus in Deutschland"Verlorengegangen ist der Respekt vor dem anderen"

Michael Szentei-Heise von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf warnt vor einer neuen Qualität des Antisemitismus. Was früher nur anonym geäußert worden sei, darunter stehe heute der Klarname samt akademischem Titel. Mitverantwortlich dafür sei die AfD, die als "geistiger Brandstifter" fungiere.

Michael Szentei-Heise im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Der Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise (dpa/Maja Hitij)
Heute würden Hassmails sogar mit Klarnamen oder gar akademischen Titeln unterschrieben, sagte Michael Szentei-Heise im Dlf (dpa/Maja Hitij)
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Jürgen Zurheide: Es gibt immer wieder Anlässe, über erschreckende Dinge zu reden. Wenn ich reinschaue in die Agenturen der laufenden Woche, dann habe ich folgende Überschriften: "Angriffe auf Rabbiner,", "Polizei entfernt Davidstern-Graffiti in Münchener Wohnhaus" und "Jede zweite Woche wird ein jüdischer Friedhof geschändet", und das war jetzt nur eine kleine Auswahl der Meldungen der vergangenen Woche. In Berlin – wir haben es alle erlebt – ist ein Rabbiner attackiert worden. Immerhin gab es gestern ein Solidaritätsgebet von unterschiedlichen religiösen Gruppen.

Jetzt möchte ich mit einem Mann reden, und diese persönliche Bemerkung sei zu Beginn erlaubt, den ich vor etwas mehr als zehn Jahren in seinem Büro in Düsseldorf besucht habe, in seinem Büro der Jüdischen Gemeinde. Damals hat er dann hinter sich gegriffen, mir einen Ordner gezeigt und gesagt, schauen Sie mal, das bekommen wir so als Post, als Mail oder sonst was, und dann hat er hinzugefügt: Das veröffentlichen wir alles nicht, weil wir niemanden zur Nachahmung anregen wollen. Ich habe es damals gelesen, natürlich nicht darüber gesprochen, außer dass ich es hier jetzt tue, und frage mich, was passiert.

Am Telefon ist Michael Szentei-Heise, der Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Guten Morgen, Herr Szentei-Heise!

Michael Szentei-Heise: Schönen guten Morgen!

Zurheide: Hat sich etwas verändert in den zurückliegenden, ich weiß nicht, ob es vor zehn Jahren war, wann ich bei Ihnen im Büro gesessen habe?

Szentei-Heise: Ja, die Qualität hat sich eindeutig verändert. Vor 15, zehn Jahren waren diese Zuschriften allermeistens anonym, heute geschehen sie unter voller Namensnennung. Unflätig waren sie schon damals, sind sie heute auch, aber die Tatsache, dass man einfach die Namen mit akademischen Titeln zum Teil, promovierte Leute, Zuschriften schicken, das ist schon erschreckend geworden in den letzten Jahren, ja.

Zurheide: Ist das Rassismus, oder was erleben Sie da?

Szentei-Heise: Tja, das ist die ursprüngliche Form oder die alte Form des Antisemitismus von rechts zum Teil, die, die schreiben. Da kann man eigentlich diese Richtung erkennen. Was anderes sind natürlich die Angriffe, denen die Juden zurzeit, also in den letzten zwei, drei Jahren, sehr stark ausgesetzt sind. Das ist wiederum eine andere Gruppe. Wie Gideon Joffe sagt, muss auch deutliche Worte sagen, ist es richtig, dass zum Teil die aggressiven Teile von muslimischen Menschen kommen.

Für Kirchen ist es schwierig, "die Botschaft anzubringen"

Zurheide: Was kann die Gesellschaft tun, was müsste passieren? Ich rede heute Morgen gerne mit Ihnen, weil ich zumindest weiß, dass Sie als eine Art Brückenbauer in die Gesellschaft wirken, in Düsseldorf zum Beispiel. Wie sehen Sie Ihre Aufgabe?

Szentei-Heise: Also meine Aufgabe habe ich über Jahrzehnte eigentlich, und ich bin seit über 30 Jahren Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs, so gesehen, dass ich die Jüdische Gemeinde viel stärker als zuvor zu einem integralen Bestandteil der Stadtgesellschaft gemacht habe. Die Gemeinde ist in allen Gremien der Stadt beteiligt. Es gibt eine fantastische Zusammenarbeit auch zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften, also mit Katholiken, mit Protestanten, inzwischen auch mit dem Kreis der Düsseldorfer Muslime. Dieser Zusammenhalt, der wird auch darin gezeigt, dass demnächst in Düsseldorf ein Rat der Religionen entstehen wird. Der ist eigentlich fantastisch.

Nur haben wir auf der anderen Seite eine Entwicklung, dass die Menschen immer weniger religiös zu verorten sind und insofern auch die Glaubensgemeinschaften, die Kirchen, immer weniger Menschen ansprechen können. Es gibt auch dort klare Informationen und klare Eingeständnisse und Stellungnahmen gegen Antisemitismus, aber wenn die Menschen nicht mehr in die Kirchen gehen, ist es natürlich schwierig, die Botschaft anzubringen.

Zurheide: Das heißt Sie sagen, da, wo es institutionalisiert funktioniert, schaffen wir ein besseres Miteinander, diese Hoffnung mögen Sie nicht aufgeben?

Szentei-Heise: So ist es. Es hat sich gezeigt, es ist in Düsseldorf einfach aufgrund dieser Institutionen, die es gibt, zum Beispiel den Kreis der Düsseldorfer Muslime als Dachverband der Moscheegemeinden, da sind Dinge möglich, die in anderen Kommunen einfach nicht möglich sind. Es ist sehr, sehr schwierig, sagen wir mal, für einzelne Gruppierungen mit 33 Moscheegemeinden zu diskutieren oder Vereinbarungen zu treffen, das ist mit einem Dachverband ganz, ganz erheblich einfacher.

"Verlorengegangen ist eine gewisse Leichtigkeit im Umgang miteinander"

Zurheide: Jetzt ist aber die Frage, wie können wir genau jene Menschen erreichen, von denen Sie sagen, die sind nicht mehr religiös gebunden? Offensichtlich irgendetwas ist ja in der Gesellschaft verlorengegangen. Was ist das verlorengegangen? Fangen wir damit an, was beobachten Sie?

Szentei-Heise: Verlorengegangen ist einfach der Respekt vor den anderen, und verlorengegangen ist eine gewisse Nonchalance, eine gewisse Leichtigkeit im Umgang miteinander. Der Nahe Osten, die Probleme um den Nahen Osten, um den Staat Israel, hat im Prinzip Beziehungen sehr stark verändert, sehr stark okkupiert, insbesondere diejenigen der muslimischen Mitbürger, und viele berufen sich darauf, wenn sie zum Beispiel in diesem konkreten Fall Rabbiner Teichtal in Berlin angegriffen haben, das ist ein Antisemitismus der politischen Art, der aus dem Nahen Osten stammt.

AfD ist ein geistiger Brandstifter

!Zurheide:!! Welche Rolle spielt die AfD, spielt sie eine Rolle oder nicht?

Szentei-Heise: Die AfD spielt insofern eine Rolle, dass die AfD Vokabular gebraucht, Dinge sagt, die bis vor Kurzem nicht gesagt wurden und dadurch die Grenzen des Gesagten zunächst einmal verschiebt, oder was man sagen darf oder was man sagen kann, aber darüber hinaus, den Worten folgen meistens auch Taten, und die AfD ist in diesem Sinne ein geistiger Brandstifter und sorgt mit ihrem Auftreten und mit ihren bestimmten Parteitagen und Aussagen dafür, dass die Gesellschaft insgesamt verroht.

"Es muss die Sensibilität gestärkt werden für solche Dinge"

Zurheide: Was kann und was müsste die Gesellschaft tun, was erwarten Sie?

Szentei-Heise: Tja, hätte ich ein Patentrezept, hätte ich es wahrscheinlich schon längst angewandt. Es muss einfach die Sensibilität gestärkt werden für solche Dinge, und die Empfindlichkeiten, die manchmal auf jüdischer Seite sicherlich etwas stärker sind als anderswo und vielleicht manchmal auch ein bisschen zu stark, aber auf die muss man schon ein bisschen Rücksicht nehmen, und jemand, der irgendwelche Insignien des jüdischen Glaubens trägt, ein Davidstern oder eine Kippa trägt, muss man einfach auch gewähren lassen und nicht deswegen, wie es häufig geschieht, angreifen.

Zurheide: Sie sagen, es hat ja die Hinweise gegeben, solche Zeichen in der Öffentlichkeit nicht mehr zu verwenden. Ich würde jetzt sagen, das ist ein Armutszeugnis, wenn man so etwas sagt, aber auf der anderen Seite kann man es vielleicht auch verstehen, oder?

Szentei-Heise: Absolut. Wenn selbst ein religiöser Mensch sagt, ich möchte mich nicht Angriffen aussetzen, insofern ist das sehr wohl nachzuvollziehen. Die Diskussion ist ja langsam entstanden. Vor einigen Jahren hat schon der Zentralratspräsident Schuster gesagt, er würde an manchen Stellen in Berlin nicht empfehlen, eine Kippa zu tragen.

Ich habe damals kommentiert, in Düsseldorf wüsste ich kein Viertel, wo das nicht möglich wäre. Inzwischen habe ich meine Meinung revidiert, auch in Düsseldorf hatten wir schon einen Angriff auf Kippaträger, und wenn Menschen sich diesen tätlichen Angriffen nicht aussetzen wollen, ist es in der Tat besser, vielleicht über die Kippa ein Baseball-Käppi zu tragen oder was Ähnliches.

"Wir sind noch nicht so weit wie in Frankreich. In Frankreich"

Zurheide: Ist jüdisches Leben in Deutschland noch möglich? Ich stelle diese auch provozierende Frage.

Szentei-Heise: Ja, sie ist noch möglich. Wir sind noch nicht so weit wie in Frankreich. In Frankreich ist es tatsächlich so, dass 25 bis 30 Prozent der französischen Juden Frankreich bereits verlassen haben. So weit sind wir in Deutschland nicht. Aber wir sind in einem Stadium, wo die Frage, inwieweit man noch in Deutschland als Jude leben kann, stärker diskutiert wird – und stärker diskutiert wird, wann es Zeit ist, Deutschland zu verlassen. Diese Diskussion wird verstärkt geführt.

Zurheide: Dann füge ich jetzt wertend hinzu, dann hoffe ich, dass man die positiv beantworten kann, und ich hoffe auch, dass die Gesellschaft entsprechend mithilft, so etwas zu tun.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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